Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Eine Patientin droht an einer Blinddarm-OP zu sterben. Schuld ist die Eitelkeit ihres Arztes. Wolfgang Rademann, Erfinder der Schwarzwaldklinik, hat die Geschichte erdacht und demontiert damit das übermenschliche Image der Halbgötter in Weiß.
Vor nahezu 30 Jahren erfand er die Mutter aller Arztserien: die Schwarzwaldklinik. Nun demontiert TV-Produzent Wolfgang Rademann das übermenschliche Image der Halbgötter in Weiß - mit einem Spielfilm über Ärztepfusch: Engel der Gerechtigkeit läuft heute Abend im Zweiten.
Nach Rademanns Recherchen gibt es jährlich knapp 20.000 Tote aufgrund von Behandlungsfehlern. «Bei OPs werden jedes Jahr rund 2700 Gegenstände in Patienten vergessen. Es sterben mehr Menschen durch Ärztefehler als durch Autounfälle. Das ist ein Thema, das den Leuten wirklich unter die Haut geht», sagt der 76-jährige Fernsehmacher. Er lernte die Berlinerin Britta Konradt kennen, die als Anwältin für Arzthaftungsrecht gegen Kliniken und Ärzte vor Gericht geht. Sie wurde das Vorbild für die Hauptfigur Patricia Engel (Katja Weitzenböck). Ihre Fälle sind die Basis.
Gleich der erste Satz von Patricia Engel ist Programm. «Worum geht's in diesem Fall?», fragt sie und dreht ihre Runden im Gerichtssaal. 20 Minuten später ist der ZDF-Film Engel der Gerechtigkeit noch nicht über diese Frage hinaus. Von Bluttransfusionen bei Zeugen Jehovas hangelt die Geschichte sich durch zu einem Architekturwettbewerb, es gibt ein seltsames Haustürgeschäft am Krankenbett, eine spontane Intubation und weniger spontane Reden zum 65. Geburtstag eines Chefarztes. Da macht es Sinn, dass Engel sich noch einmal wiederholen darf, als zwei neue Klienten in ihrer Kanzlei sitzen: «Worum geht's denn?»
Dabei ist der Hauptplot des Films durchaus vorzeigbar und leicht zu verstehen: Elisabeth Danner (Franziska Walser) liegt im Sterben, weil ihr Arzt (Mathias Herrmann) bei einer Blinddarm-OP schlampte. Er will den Fall vertuschen, doch Anwältin Patricia Engel (Katja Weitzenböck) nimmt sich ihm an und ermittelt. Ein Problem dabei: Die Patientin liegt in der Klinik von Engels Vater (Robert Atzhorn). Mit dem ist die zerstritten, seit sie vor Jahren ihren Beruf als Chirurgin aufgegeben hatte.
Mindestens ein Handlungsstrang zu viel
Engel der Gerechtigkeit hat mindestens einen Handlungsstrang zu viel, um die gute Geschichte auszuerzählen. So wollen zwei hansisch-verstrahlte Typen (Oliver Korritke und Andreas Schmidt), Engel wegen eines verschluckten Lottoscheins beauftragen – und sprengen den Film. Der Kontrast ist zu stark: Während die blinddarmoperierte Frau Danner zu sterben droht («Wenn uns nichts einfällt – drei, vier Tage»), futtert der Mann mit dem Lottoschein Mittel gegen Sodbrennen («Das verhindert die Produktion von Magensäure»).
Katja Weitzenböck macht ihre Sache als aufrechte Anwältin der Arzt-Geschädigten ordentlich. Es ist ihr gar hoch anzurechnen, dass sie nahezu ohne Übertreibungen durch einen Film federt, der ihr an vielen Stellen alle Möglichkeiten zur Theatralik bietet. Der Rest des Ensembles changiert dagegen zwischen Winnetou- und Rosamunde-Pilcher-Verfilmung. Hier Chefarzt Professor Brenner (Atzhorn), der sich weder Schmerz noch Schwäche erlaubt und dem man das an jeder mühsam aufgetürmten Falte im Gesicht ansehen soll. Dort die ständig aufgelöste Mutter (Uta Schorn) der Blinddarm-Patientin, die die Anwältin Engel nur mit ganz großen Worten und der nötigen Schwere im Blick zur Übernahme des Falls überreden kann («Sie haben ihr das Leben gerettet. Ich vertraue Ihnen») .
Ambitioniertes Thema, mangelhafte Umsetzung
Während also Robert Atzhorn die vielen Quadratmeter in seinem Chefarztbüro mit bloßem Grübeln auszufüllen sucht, bleibt Zeit, über die Ungereimtheiten des Films nachzusinnen. Darüber zum Beispiel, dass Patricia Engel das weibliche Pendant zu Batman sein muss: eine Superheldin ohne Superkräfte. Schließlich ist sie Tochter, Mutter, Ehefrau, Star-Ärztin und Star-Anwältin zugleich. Und das in ihren Vierzigern, weitgehend ohne Falten und frei von grauem Haar!
Engel der Gerechtigkeit hat sich ein ambitioniertes Thema gesucht, scheitert aber an der Umsetzung. Das ZDF, das den Film im April schon einmal aus dem Programm gestrichen hatte, spricht in der Pressemitteilung vom «filigranen Miteinander zwischen Arzt und Patient», das durch nur eine falsche Entscheidung zerbrechen könne. Zu überarbeiteten Ärzten und vertuschten Kunstfehlern könnte der Film tatsächlich Denkanstöße liefern. Aber nur bei den Zuschauern, die nebenbei noch über halb verdaute Lottoscheine lachen und Logikbrüche verkraften können.
Frau Engel soll in Serie gehen, ein zweiter Teil wird bereits gedreht. Das Potenzial dazu ist vorhanden. Doch müssen die Drehbuchschreiber sich dann überzeugendere Geschichten einfallen lassen.
Bestes Zitat: «Papa sieht in dir immer noch die große Chirurgin.» – «Es würde mir reichen, wenn er in mir einfach nur seine Tochter sieht.» (Dialog zwischen Patricia Engel und ihrer Mutter)
Titel: Engel der Gerechtigkeit
Regie: Karola Meeder
Darsteller: Katja Weitzenböck, Robert Atzhorn, Franziska Walser, Maria Simon, Birthe Wolther, Dietrich Mattausch, Nicki von Tempelhoff, Johannes Brandrup und andere
Sendetermin: Donnerstag, 6. Oktober 2011, 20.15 Uhr, ZDF
car/news.de