So., 27.05.12

Theater 26.09.2011 Roma-Drama «Deportation Cast» in Hannover

Elvira ist verzweifelt. Ihr Handy-Akku ist leer, und nun hat sie keine Chance mehr, ihren Freund Bruno zu erreichen. Bruno ist weit weg in Deutschland, Elvira wurde mit ihrer Familie vor wenigen Tagen in den Kosovo abgeschoben.

Hannover (dpa) - Elvira ist verzweifelt. Ihr Handy-Akku ist leer, und nun hat sie keine Chance mehr, ihren Freund Bruno zu erreichen. Bruno ist weit weg in Deutschland, Elvira wurde mit ihrer Familie vor wenigen Tagen in den Kosovo abgeschoben.

Ihr T-Shirt ist dreckig, sie hatte noch nicht einmal Zeit, ihre Kleidung zu packen. Nun wartet sie darauf, dass Bruno kommt und sie nach Deutschland zurückholt, während ihr Vater auf der Müllhalde nach Altöl sucht und sich ihr großer Bruder als Kleinkrimineller verdingt.

Die Ausgangslage des Theaterstücks «Deportation Cast» gibt dem Zuschauer innerhalb weniger Minuten einen präzisen Einblick in den Verlauf einer Abschiebung. Gestern in Deutschland noch eine Schülerin unter vielen, wird Elvira über Nacht nur noch durch die Herkunft ihrer Familie definiert: Sie sind Roma, geflohen während des Balkankriegs, von der Bundesrepublik in den Kosovo abgeschoben, nachdem keine «offensichtliche Bedrohung» mehr bestand.

Autor Björn Bicker hat sich für «Deportation Cast» ein hochaktuelles Thema gesucht: In den vergangenen Jahren wurden Tausende Roma aus Deutschland abgeschoben. In England und Frankreich werden sie öffentlich angefeindet. In Rumänien, Italien und auch im Kosovo gibt es immer wieder Angriffe mit Verletzten und Todesopfern. «Es ist eine menschliche Tragödie, die in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie nicht vorkommt», sagt Björn Bicker.

Regisseur Peter Kastenmüller erklärt dieses Drama in immer schnelleren Schnitten bis zum tragischen Finale. Die Erzählung pendelt zwischen Deutschland und dem Kosovo. Die vier Schauspieler stellen in ihren zwölf Rollen Betroffene dar, aber auch so etwas wie Abschiebungsverwalter: als Anwalt, als Sachbearbeiterin bei der Ausländerbehörde, als Beobachterin und als begleitender Arzt, der den Betroffenen gegen die Angst vor der «Rückführung ins Heimatland» Beruhigungsmittel gibt.

«Deportation Cast» beleuchtet das Thema in einer ernsthaften, sachlichen Weise und gibt dem Geschehen so ein Gesicht. Zuschauern fällt es schwer, danach bei dem Wort Abschiebung nicht mehr an das persönliche Schicksal von Menschen zu denken, die sich nicht aussuchen können, wo sie leben.

Schauspiel Hannover

news.de/dpa
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