Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Die Jüdin Rachel muss den Chirurgen von Birkenau füttern. Der Kinofilm Eine offene Rechnung zettelt einen Nervenkrieg an und fragt nach der Menschenwürde eines perversen Arztes. Dabei setzen die Macher auf ganz große Gefühle und Hochspannung. Mittendrin: die begnadete Helen Mirren.
Rachel liegt auf dem Gynäkologenstuhl und der Chirurg von Birkenau schiebt seine Instrumente zwischen ihre Beine. Im Kinofilm Eine offene Rechnung ist die zarte Patientin Agentin des israelischen Geheimdienstes Mossad und sie will diesen Mann vor Gericht bringen, der sie da gerade untersucht.
Im KZ Birkenau hatte er grausame Menschenversuche durchgeführt, nach Kriegsende praktiziert er unbehelligt in einer Ostberliner Gynäkologen-Praxis. Im Jahr 1965 spüren die Mossad-Agenten David Peretz (Sam Worthington) und Stephan Gold (Marton Csokas) den Mann auf und wollen ihn mit einem ausgetüfelten Fluchtplan aus der sowjetischen Besatzungszone entführen, um ihn vor ein israelisches Gericht zu stellen. Rachel ist der Lockvogel.
Eine offene Rechnung ist das Remake des israelischen Spionagedramas Ha-Hov (Preis der Vergeltung) von 2007. Das Drehbuch haben Matthew Vaughn und Jane Goldman (Kick Ass) geschrieben. Regisseur John Medden (Shakespeare In Love) hat daraus einen hochspannenden Psychothriller mit erstklassiger Besetzung gemacht.
Puzzlespiel für den Zuschauer
Es gibt nicht nur nervenaufreibende Szenen von dem Fluchtversuch aus der DDR, der so furchtbar schief gehen wird, auch als die vier Menschen in einer Berliner Wohnung festsitzen, steht der Film unter Strom, da setzt Medden allerdings auf psychologische Spannung.
Die Entführung des Nazi-Verbrechers erzählt der Film als Erinnerungen der mittlerweile gealterten Rachel, die Helen Mirren mit souveränem und intensivem Spiel verkörpert. Die junge Rachel spielt die ebenfalls hochtalentierte Jessica Chastain. Gleichzeitig schreitet die Geschichte auch in der Gegenwart der Mossad-Veteranin fort. Der Regisseur springt zwischen diesen beiden zeitlich versetzten Erzählsträngen, dabei wirft er dem Zuschauer Szenen wie Puzzleteile zu, die der dann zu einem Bild zusammenfügen muss. Das bedeutet auch, dass einige Szenen wiederholt werden, man sie aber mit zusätzlichen Informationen in einem neuen Licht betrachten kann. Dabei gelingt Madden das Kunststück, die Story aufzulockern statt zu verwirren.
Der Kern des Films spielt in einer Ostberliner Wohnung. Der Birkenau-Metzger Dieter Vogel (Jesper Christensen) ist die Geisel der drei Agenten, doch die Flucht aus der DDR misslingt und so sind die vier Menschen in der klaustrophobischen Enge der Wohnung einander ausgeliefert. Eine offene Rechnung erzählt nicht nur von der Mission, den Nazi aus dem Land zu schleusen, sondern auch von einem Psychokrieg zwischen vier Menschen.
Das menschliche Anlitz des Monsters
Der Nazi zeigt menschliche Züge, provoziert seine Entführer aber auch immer wieder bis aufs Blut. Nicht nur mit antisemitischen Spitzen, sondern er weiß auch die aufgeheizten Verflechtungen zwischen seinen Entführern geschickt anzustoßen. Jeden Moment müssen die sich die Frage nach ihrer eigenen Menschlichkeit stellen und sich entscheiden, ob es nicht leichter wäre, an dem wehrlosen Gefangenen Hass und Rachegefühle auszuleben. Dieser Mann hat unzählige Menschen gequält und verstümmelt - hat er das Recht auf eine humane Behandlung? Wie füttert man so ein Monster? Oder lässt man ihn einfach verhungern?
Spannend ist, dass der Film den Kriegsverbrecher nicht eindimensional als schlechten Menschen darstellt, sondern ihm auch sympathische Züge verleiht. Sowohl die Entführer als auch der Zuschauer muss sich die Taten des Mannes immer wieder vor Augen führen, um in ihm nicht nur den väterlichen alten Mann zu sehen.
Doch das ist längst nicht die einzige Herausforderung, der sich die Agenten stellen müssen. Zusätzlich entwickelt sich zwischen ihnen eine Konstellation, die an den Truffaut-Klassiker Jules und Jim erinnert: Zwei Männer und eine Frau sind amourös miteinander verstrickt. Die Macher von Eine offene Rechnung zünden die Lunten an allen Enden, und schicken ihre Protagonisten durch einen beinharten Nervenkrieg, der im Desaster enden wird.
Hinter all den moralischen Fragen steht ein großes Liebesdrama. David entscheidet sich gegen seine Gefühle und für die Mission, wird aber alles verlieren. Ein Pakt zwischen den drei Agenten, der auf einer Lüge gründet, soll ihnen die Zukunft retten. Im Alter erkennen zumindest zwei der Beteiligten, dass das eine Illusion war. Madden schont dabei weder seine Darsteller noch die Zuschauer, und hat damit einen wunderbaren Film mit Hochspannung und Tiefgang gemacht.
Titel: Eine offene Rechnung
Regie: John Madden
Darsteller: Helen Mirren, Sam Worthington, Tom Wilkinson
Filmlänge: 114 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Verleih: Universal
Kinostart: 22. September 2011