Die Arbeit an einem neuen Theaterstück kann echt auf den Magen schlagen. Deshalb sind Wurstbrote bei den Proben in der Bremer Schwankhalle zurzeit absolut tabu.
Bremen (dpa) - Die Arbeit an einem neuen Theaterstück kann echt auf den Magen schlagen. Deshalb sind Wurstbrote bei den Proben in der Bremer Schwankhalle zurzeit absolut tabu.
«Eine Zeit lang habe ich Fleisch noch nicht einmal anschauen können», sagt Regisseurin Kristina Brons. Ihr Schauspielkollege Christoph Glaubacker ist eigentlich nicht so zimperlich, doch auch ihm ist der Appetit vergangen: «Ich war neulich Fleisch essen, und es hat gar nicht mehr geschmeckt - die gute Lammhaxe.»
Schuld an allem ist Karen Duve. Oder vielmehr ihr Bestseller «Anständig essen». Jeweils zwei Monate testete die auf einem Hof in der Abgeschiedenheit der Märkischen Schweiz lebende Autorin, was es bedeutet, sich vegetarisch, vegan und frutarisch - also nur von reifem Obst, Samen und Nüssen - zu ernähren. Und trat gemeinsam mit dem wenige Monate zuvor erschienenen Buch «Tiere essen» von Jonathan Safran Foer eine Debatte über ethische Ernährung los.
In der Bremer Schwankhalle kommt Duves Selbstversuch an diesem Donnerstag als Theaterstück auf die Bühne. «Das beschäftigt die Leute einfach», sagt die Dramaturgin Anja Wedig, die die Idee für die Inszenierung hatte - und damit war sie offensichtlich die erste. Duve stimmte zu und gab Wedig und Brons freie Hand, aus dem 335 Seiten starken Band eine Bühnenfassung zu schreiben.
Wie an einer stilisierten Tafel sitzt das Publikum an den drei Seiten der U-förmigen Bühne. Auftritt: Karen Duve nebst Familie. Die Protagonistin steckt gerade tief in ihrer veganen Phase, was ein T-Shirt mit Tierrechtslogo unmissverständlich kund tut. Der Schwager, der Landwirtschaftsminister, hält das alles für Spinnerei («Weißt du, Karen, an deiner Stelle würde ich als allererstes den Alkohol weglassen.»). Die Mutter ist beleidigt, weil Karen ihr Essen verschmäht. Und der Bruder lacht sich über ihre neuen Essgewohnheiten einfach nur kaputt.
Neben Duves Alter Ego treffen die Zuschauer auch auf andere gute Bekannte aus dem Buch: auf das bei einer Befreiungsaktion gerettete und traumatisierte Huhn Piepsi, die Bulldogge Bulli, Duves Katzen und diverse Huftiere. Jeder der sechs Schauspieler übernimmt gleich mehrere Rollen, menschliche und tierische. Augenzwinkernd und ohne erhobenen Zeigefinger thematisieren sie den Wandel der Autorin von der Grillhähnchen- zur Tofu-Liebhaberin und die moralischen Fragen, die sie sich dabei stellt. Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Und haben auch Pflanzen Gefühle?
Fragen, die inzwischen immer mehr Verbraucher beschäftigen. Nach einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Vegetarierbundes (VEB) gibt es mehr als 42 Millionen «Flexitarier» in Deutschland - also Menschen, die an mindestens drei Tagen in der Woche bewusst auf Fleisch verzichten. Die Zahl der Vegetarier liegt bei etwa sechs Millionen, die der Veganer bei 600 000.
«Da hat sich ein absoluter Imagewandel vollzogen», sagt VEB-Geschäftsführer Sebastian Zösch. Früher dachte man bei Vegetariern eher an Wollpullis tragende Ökos. Heute gilt die fleischlose Ernährung fast schon als trendy. Schließlich machen es zahlreiche Promis vor. «Die Zahl der vegetarischen Produkte im Supermarkt steigt», sagt Zösch. Auch in Restaurants und Kantinen stehen zunehmend Tofuburger, Seitanschnitzel oder Gemüsebratlinge auf der Speisekarte.
Dass es sich dabei nur um einen vorübergehenden Hype handelt, glaubt die Ernährungsexpertin Hanni Rützler nicht. «Es ist ein tiefgreifender Wandel in unserer Esskultur im Gange», sagt die Trendforscherin vom Zukunftsinstitut im hessischen Kelkheim. Seit den 50er Jahren galt bei Fleisch: möglichst viel und Hauptsache billig. «Mittlerweile geht es nicht mehr um die Menge, sondern um den Genuss - und zwar ohne schlechtes Gewissen. Wenn man schon Fleisch isst, muss es eine schöne Geschichte erzählen, von der Haltung, Fütterung und Herkunft.»
Sonst greift der Hungrige lieber gleich zum Gemüse. Das zeigen auch die Zahlen. Während jeder Deutsche nach einer Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums 1990 durchschnittlich rund 102 Kilo Fleisch im Jahr aß, verzehrte er 2008 nur noch 88,4 Kilo. Die Gründe, Steak und Bratwürste nicht anzurühren, sind vielfältig: aus Tierliebe, wegen des Klimawandels, der Ressourcenknappheit oder des Welthungers. Ein Vegetarier-Diktat ist dennoch nicht in Sicht. «Das ist nicht das Ende des Fleischkonsums insgesamt», meint Rützler.
Am Ende muss jeder seinen eigenen Weg finden. Karen Duve entschied sich nach ihrem Experiment, fast nur noch pflanzliche Lebensmittel zu essen. Ob sie bei der Uraufführung am Donnerstag im Publikum sitzen wird, steht noch nicht fest. Die viel beschäftigte Autorin lässt über ihren Verlag mitteilen, sie versuche zu kommen. Einen Film zu «Anständig essen» soll es übrigens auch geben. Bis der in die Kinos kommt, wird es aber noch einige Zeit dauern.
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