So., 27.05.12

«Sie hat es verdient» 13.09.2011 Jule Ronstedt über ihre brutalste Rolle

Sie hat es verdient (Foto)
Jule Ronstedt spielt in dem TV-Film Sie hat es verdient die Mutter der Täterin. Bild: ARD Degeto/Hermann Ebling

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Sie kann nicht nur Komödie: Im ARD-Drama Sie hat es verdient ist Jule Ronstedt als überforderte Mutter zu sehen. Mit news.de spricht sie über ihre bislang härteste Rolle und erklärt, warum der Zuschauer auf diesen Film verstört reagieren wird.

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Frau Ronstedt, die ARD zeigt morgen den Film Sie hat es verdient, in dem Jugendliche eine Schulkameradin zu Tode quälen. Sie haben den fertigen Film schon gesehen - wie hat er auf Sie gewirkt?

Jule Ronstedt: Ich finde, dass er einen am Ende ziemlich allein und ratlos lässt. Aber das entspricht ja auch dem Thema und Ziel des Films, dass man sich am Ende fragt, wie konnte es passieren, dass Jugendliche eine Klassenkameradin so quälen und schließlich umbringen? Was ist da schief gegangen?

Der Film tanzt ein bisschen aus der Reihe Ihrer bisherigen schauspielerischen Arbeit. Das breite Publikum kennt sie vor allem aus der Kinokomödie Wer früher stirbt, ist länger tot oder aus der bayerischen TV-Serie Franzi. Das sind Rollen, die eher in Richtung komödiantisches Fach tendieren. Jetzt spielen Sie die Mutter eines sehr gewaltbereiten Mädchens. Diese Marianne ist eine harte, überforderte Frau. War das eine besondere Herausforderung?

Ronstedt: Leider landet man als Schauspieler ja immer sehr schnell in einer Schublade, und ich stecke wohl in der komödiantischen. Für mich ist es aber viel spannender, auch mal ganz andere Sachen zu drehen. Ich bin sehr dankbar über solche Rollen und hoffe, dass es für mich beruflich nicht nur in eine Richtung läuft. Als Schauspieler will und kann man alles spielen und ist auch stark interessiert daran, möglichst viele unterschiedliche Figuren zu spielen. Und jetzt hatte ich mal die Chance, eine eher unsympathische, überforderte Frau zu spielen, das war natürlich eine große Herausforderung für mich, weil leicht und lustig kann ich.

Kriegerträume
Härtere Strafen sind keine Lösung
Video: news.de

Ich kann mir vorstellen, dass bei den Dreharbeiten zu Franzi viel gelacht wird. Wie war denn die Stimmung am Set von Sie hat es verdient?

Ronstedt: Die Stimmung war trotzdem gut. Das lag sehr an Thomas Stiller, weil das einfach ein Regisseur ist, der die Sache zwar mit allem nötigen Ernst, aber auch leicht und gut angeht. Man kann so ein Thema auch nicht die ganze Zeit vor sich hertragen, dann wird man ja verrückt. Man muss zwischendurch auch mal lachen können, um dann mit Konzentration in extreme Szenen reinzugehen. Es ist auch nicht zwingend so, dass lustige Filme wahnsinnig lustig beim Drehen sind, die sind manchmal eher irre anstrengend.

Haben Sie sich besonders vorbereitet auf Ihre Rolle?

Ronstedt: Ja, ich habe mich tatsächlich besonders vorbereitet: Ich bin zu einem Coach gegangen, weil ich die Frau, die ich spiele, erst einmal kapieren musste. Man will ja nicht nur die böse, gemeine Mutter spielen, man will die Frau ja auch verstehen und das war ein bisschen wie zu einem Psychologen zu gehen und zu kapieren, dass die Frau für sich natürlich total im Recht ist. Ich musste sie auch ein bisschen lieb gewinnen, und obwohl das keine große Rolle war, war ich vorher wahnsinnig aufgeregt und habe mich sehr gefreut, dass Thomas Stiller mich für eine solche Figur besetzt.

Warum waren Sie aufgeregt?

Ronstedt: Weil ich befürchtet hatte, dass mir die Leute die Rolle einer so harten Frau nicht abnehmen. Aber es hat ja ganz gut geklappt.

Ihre Figur Marianne sieht sich selbst als Opfer - haben Sie Verständnis für diese Frau?

Ronstedt: Ja, ich habe Verständnis für diese Frau. Jeder trägt sein Päckchen mit sich und die Marianne kommt bestimmt auch nicht aus einer Familie, die vollkommen in Ordnung und Harmonie gelebt hat. Da ist eine große Kälte zwischen diesen Menschen. Und es ist nicht Bosheit von ihr, dass sie so ist, sondern es ist eine Unfähigkeit, mit ihren Kindern gut umzugehen und ihnen Liebe zu geben.

In dem Film sagt Marianne über ihre Tochter: «Da gibt es nicht viel zu verstehen. Es gibt Menschen, die sind einfach böse.» Teilen Sie diese Meinung?

Ronstedt: Ich glaube nicht, dass es Menschen gibt, die von Grund auf böse sind. Ich bin Optimist und glaube an das Gute in den Menschen. Aber wenn man dann die Zeitung aufschlägt und von Gewalttaten liest, denkt man manchmal schon: Oh Gott, wie kommen die Leute dahin, solche Verbrechen zu begehen oder solche Kurzschlusshandlungen?. Als ich zum Beispiel von den Attentäter aus Oslo las, dachte ich: Das sind Leute, die kann man ja eigentlich gar nicht verstehen. Sind die einfach nur ganz böse oder sind die gestört?

Was ist schief gelaufen in der Familie, das aus Mariannes Tochter ein böser Mensch, ein «Monster» werden konnte?

Ronstedt: Das Mädchen ist sicher zu kurz gekommen. Und durch den kleinen behinderten Bruder hat sie nur wenig Aufmerksamkeit ihrer Eltern bekommen - und das in der Zeit der Pubertät, in der man ein starkes Gegenüber braucht. Ich glaube, da kommt viel zusammen: eine große Überforderung der Mutter und eine emotionale Unfähigkeit, die Dinge aufzufangen oder überhaupt zu erkennen. Mariannes Ehemann ist auch nicht wirklich eine Unterstützung – man weiß auch gar nicht, ob da mal eine große Liebe zwischen den beiden war.

In letzter Zeit häufen sich wieder Meldungen über Mobbing und Jugendgewalt: Sie selbst haben eine neunjährige Tochter - lebt man als Mutter in ständiger Sorge um sein Kind?

Ronstedt: Nein, ich bin erstens nicht so ängstlich und zweitens begleite ich mein Kind ja auch und bekomme das Umfeld mit. Wir haben auch das Glück, dass sie in einer Schule ist, wo sie mit vielen guten Pädagogen zusammen ist. Das einzige, was man tun kann, ist, sein Kind zu stärken oder aufzufordern, dass es darüber spricht, wenn es Probleme hat, und dass man dann da ist und es unterstützt und ihm beisteht.

Haben Sie Sorge, dass der Film die TV-Zuschauer überfordert?

Ronstedt: Ich kann schon verstehen, dass man, wenn man einen harten Tag hatte und den Fernseher einschaltet, sich nicht zusätzlich mit ernsten Filmen und Themen belasten möchte. Noch dazu wird der Film nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt – man muss als Zuschauer mitdenken und das Puzzle selbst zusammensetzen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass man beim Zuschauen hofft, dass es bitte noch ein Happy End gibt oder wenigstens eine Auflösung. Aber das gibt es nicht. Das ist sicher ungewöhnlich. Aber man muss einfach akzeptieren, dass es bei manchen Themen, im Film wie im Leben, eben kein Happy End gibt. Und da soll man ruhig verstört zurückbleiben und darüber nachdenken, wie man dem Thema Jugendgewalt begegnen kann, und sich fragen, wo Jugendgewalt anfängt – nämlich in den Familien. Ich hoffe sehr, dass der Film sein Publikum findet und dass die Leute hängen bleiben. 

Jule Ronstedt, geboren 1971 in München, ist vor allem als Franzi aus der gleichnamigen Serie des Bayerischen Fernsehens bekannt. Sie spielte zudem in Kinofilmen wie Wer früher stirbt, ist länger tot, Nanga Parbat und Almanya - Willkommen in Deutschland. Im TV hatte sie Gastauftritte in Polizeiruf 110, Der Bulle von Tölz, Die Rosenheim-Cops und Alarm für Cobra 11. Am Mittwoch, 14. September 2011, 20.15 Uhr, ist sie in dem ARD-Jugenddrama Sie hat es verdient zu sehen.

pfj/news.de
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