Literatur Amelie Fried über «Eine windige Affäre»

Amelie Fried über «Eine windige Affäre» (Foto)
Amelie Fried über «Eine windige Affäre» Bild: dpa

Willkommen bei Familie Moser: Zwei Kinder, Reiheneckhaus am Rand von München, Joghurt nur Natur, Tomaten nur Bio, Sex nach Terminkalender. Doch dann muss Katja Moser, die Bauingenieurin und selbsternannte «durchgeknallte Mittelschichtstussi mit Kontrollzwang», einen Windpark im fernen Litauen aufbauen.

Berlin (dpa) - Willkommen bei Familie Moser: Zwei Kinder, Reiheneckhaus am Rand von München, Joghurt nur Natur, Tomaten nur Bio, Sex nach Terminkalender. Doch dann muss Katja Moser, die Bauingenieurin und selbsternannte «durchgeknallte Mittelschichtstussi mit Kontrollzwang», einen Windpark im fernen Litauen aufbauen.

«Eine windige Affäre» beginnt. Katja kämpft plötzlich mit aggressiven Windkraftgegnern, korrupten Beamten und brutalen Zeitungsreportern, während zu Hause faule Au-Pair-Mädchen, eine anstrengende Mutter und ein ständig durch Abwesenheit glänzender Ehemann für Aufregung sorgen.

Der neue und bereits zehnte Roman der Schriftstellerin Amelie Fried erzählt die rasante, verzweigte und sicher hochaktuelle Geschichte einer Frau, die zwischen Karriere und Familie zerrieben wird. Hauptfigur Katja macht es sich nicht leicht: «Ich wollte (meinem Chef) Franz beweisen, dass ich keine von den Frauen war, die den letzten Karriereschritt nicht wagten. Ich wollte mir beweisen, dass ich es schaffte, eine gute Mutter zu sein und trotzdem beruflich erfolgreich. Vor allem aber wollte ich meiner Mutter zeigen, dass sie stolz auf mich sein konnte.» Ein Problem, dass sicher viele Frauen nachvollziehen können.

Aber Katja macht es sich noch schwerer, indem ihr niemand etwas recht machen kann und sie gerne mal in ausdauerndes Selbstmitleid verfällt. «Manchmal fühlte ich mich, als wäre die beste Zeit meines Lebens vorübergegangen, ohne dass ich es bemerkt hätte», jammert sie dann und schreibt vorwurfsvolle E-Mails an ihren Mann, er wäre ja immer nur physisch präsent gewesen, aber habe sich nie wirklich gekümmert.

Zeigt sich Ehemann Michael im Gespräch aber einmal interessiert, ist es Katja auch nicht recht. «Zu meiner Überraschung erkundigte er sich eingehend nach den Fortschritten meiner Arbeit, fragte mehrmals nach und wirkte ehrlich interessiert an dem, was ich erzählte», bemerkt sie schnippisch. «Ich wurde sofort misstrauisch.» Jede Kleinigkeit wird kritisiert, zum Beispiel wenn Michael nach einer langen Arbeitsnacht am Wochenende im Schlafanzug zum Frühstück erscheint. «Ich hatte das immer süß und sexy gefunden, aber jetzt fand ich seinen Aufzug völlig unangebracht.»

Katja muss die Oberhand behalten. Dem Au-Pair-Mädchen und sich selbst schreibt sie befehlsartige Aufgabenlisten: «Zwiebacktüte immer verschließen! Nicht mit Buttermesser in Marmelade! Trauben nicht einzeln abzupfen!» Sie geht soweit mit ihrem Kontrollzwang, dass sie sich ein Leben ohne «To Do List» nicht mehr vorstellen kann. Als ihre Mutter die Pinnwand mit den angesteckten Aufgabenlisten eines Tages einfach abhängt und wegwirft, ist Katja dem Nervenzusammenbruch nahe. «Unruhig lief ich in meinem Arbeitszimmer auf und ab. Ich war verwirrt, konnte keinen klaren Gedanken fassen. Es war, als hätte jemand mein Gedächtnis geraubt. Sofort begann ich, mir alles Mögliche zu notieren, was ich zu erledigen hatte. Als sich die Pinnwand wieder etwas gefüllt hatte, ging es mir besser.»

Letztendlich aber berappelt sich Katja. Zwar geht sie nicht wirklich «Eine windige Affäre» ein, wie der Buchtitel ankündigt, aber die Zeit in Litauen zeigt ihr, dass vieles sich von alleine regelt, wenn man einfach mal loslässt.

An seinen besten Stellen ist das neue Buch der 53-jährigen preisgekrönten Schriftstellerin Fried amüsant und voller Mitgefühl, insgesamt aber bleibt der Roman aus der Windkraftbranche selbst windig: Die Figuren sind klischeeüberladen, blass, eindimensional und oft unglaubwürdig. So erlebt Katja einen Schneesturm in Litauen und ängstigt sich angeblich «zu Tode», hat aber immer noch Zeit und Muße, um sich über ihr Aussehen Gedanken zu machen: «Zu gern hätte ich mich im Spiegel gesehen, bestimmt war ich so faltenfrei wie zuletzt mit zwanzig.» Die Geschichte wirkt an vielen Stellen konstruiert und das Happy End ist für jede positiv besetzte Figur des Buches dermaßen «happy», dass es sich nur noch schwer ernst nehmen lässt - Eheglück und Kindersegen wohin man schaut.

Amelie Fried: Eine windige Affäre, Heyne Verlag, München, 384 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 9783453265882

Webseite von Amelie Fried

Informationen des Verlages zum Buch

news.de/dpa

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