Kultur Sachbücher und Romane zu 9/11

Wer über 9/11 spricht, will die Welt erklären: den Kampf der Kulturen, die Krise der Moderne, den Niedergang der USA, die Gefährdung der Bürgerrechte, den Beginn einer neuen Ära.

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Sachbücher und Romane zu 9/11 Bild: dpa

Kapstadt (dpa) - Wer über 9/11 spricht, will die Welt erklären: den Kampf der Kulturen, die Krise der Moderne, den Niedergang der USA, die Gefährdung der Bürgerrechte, den Beginn einer neuen Ära.

Es geht auch um die neue Verunsicherung des Menschen in der globalisierten, vernetzten Welt. Das belegen die zahlreichen Bücher, die auch in Deutschland zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 publiziert werden.

Sachbücher wie Romane signalisieren die überragende Bedeutung von «Nine Eleven» für das 21. Jahrhundert. Alle versuchen, wenn auch mit unterschiedlichen Ergebnissen, die Gegenwart mit dem Schrecken von damals zu erklären. Zuweilen scheint mancher Autor zu übertreiben, als ob 9/11 oder die Reaktion des Westens darauf nun für alle Übel und Krisen der Moderne verantwortlich seien. Dennoch stimmen alle dem Satz des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger zu, der kurz nach den Anschlägen sagte: «Nichts wird mehr so sein, wie es war.»

Der Wirtschaftsjournalist Ulrich Schäfer glaubt, dass «Der Angriff», so der Buchtitel, auch die aktuelle Finanzkrise und insbesondere die staatliche Schuldenkrise im Westen ausgelöst hat. Osama bin Laden habe kühl kalkulierend auf eine Überreaktion der USA, auf teure, auf Dauer unbezahlbare Kriege und damit auf eine «imperiale Überdehnung» gesetzt. Kern des «teuflischen Plans» sei es, den Westen wirtschaftlich zu Fall zu bringen. Für den Autor geht der Kampf der islamistischen Terroristen weiter, nach wie vor gebe es den Willen, Werte und Wohlstand des Westens zu zerstören. Die Brisanz der «tiefen Frustration» in der islamischen Welt könne der Westen nur mit mehr Kooperation und Einbindung entschärfen.

Für Elmar Theveßen hat «Nine Eleven», so der Titel, für ein «Jahrzehnt beispielloser Destabilität» gesorgt. Der «Krieg gegen den Terror» und die Waffengänge in Afghanistan und im Irak hätten den Westen auf gefährliche Abwege geführt. Dazu zählten die Einschränkung der Bürgerrechte und finanzpolitische Abenteuer. Der Autor meint, der Kampf der Islamisten werde andauern. Überall in der Welt agierten unabhängige «Metastasen» der El-Kaida-Ideologie.

Der Vorwurf des ZDF-Terrorismus-Experten lautet, «dass wir selbst der Freiheit und Demokratie in den letzten zehn Jahren mehr geschadet haben als die Terroristen». Für Theveßen ist die wichtigste Lehre aus 9/11, dass es uns nicht in erster Linie um den Schutz vor dem Terror gehen dürfe, sondern darum, die Welt «ein bisschen gerechter und besser zu machen». Der Autor selbst sagt, dass das «naiv» klinge.

Auch der Historiker Bernd Greiner sorgt sich in seinem Buch «9/11 - Der Tag, die Angst, die Folgen» um die Auswirkungen des Anti-Terror-Kampfes für unsere Demokratie und unser politisches Wertesystem. Besonders kritisiert er den früheren US-Präsidenten George W. Bush, der mit seinem Versuch einer «imperialen Präsidentschaft» verantwortlich für das Aushebeln der Verfassung sei, für Folter und Gefängnisse wie Guantánamo, für die «Korrumpierung der Gewaltenteilung». Der Westen habe insgesamt mit seiner überzogenen Reaktion letztendlich El Kaida eher noch gestärkt. Der Professor für Philosophie und Geschichte (Universität Hamburg) fordert eine «Rückbesinnung» des Westens auf das, was er in dem Kampf gegen die Terroristen zu verteidigen vorgibt.

Greiner präsentiert aber neben seiner Botschaft auch eine akribische und spannende Darstellung der Ereignisse vor zehn Jahren und ihre Folgen. «9/11» widmet dem Detail ebenso viel Aufmerksamkeit wie den historischen Zusammenhängen und den sozial-kulturellen Hintergründen der Islamisten. Wie die meisten anderen Autoren auch entlarvt er die vielen Verschwörungstheorien als Humbug und Hirngespinste.

Für manche war der 11. September 2001 eine Katastrophe vor der Haustür, die auch dem eigenen Leben eine dramatisch umhauchte Selbstreflexion eröffnete. So etwa war es für das Journalisten-Ehepaar Alexander Osang und Anja Reich. Es sind Geschichten einer deutschen Familie in New York aus der Perspektive dieses historischen Tages. Der Leser wird Zeuge, wie sich in diesen aufgewühlten Stunden Fassungslosigkeit und Verunsicherung ausbreiten, Lebensgefühl und Erfahrungen auf teilweise sogar amüsante Weise verdichten. Leicht zu lesen, illustriert mit Familienfotos, sehr lebendig und persönlich geschildert, hin und wieder auch ein wenig selbstverliebt und eitel.

Der österreichische Journalist Herbert Bauernebel war ein Augenzeuge, einer, der dicht dabei war an diesem Schreckenstag. Mit packender, kraftvoller Sprache lässt uns der Autor in seinem «Und die Luft war voller Asche» die Vorgänge in Manhattan noch einmal mit erleben. Bauernebel, der damals selbst in Gefahr geriet, schreibt, dass der 11. September sein Leben verändert habe. Aber er registriert auch manch anderen Wandel, im persönlichen Umfeld wie in der großen Welt. Auch der Österreicher wirft den USA vor, im Krieg gegen den Terror ihre Werte verletzt, wenn nicht gar verraten zu haben.

Zur Fiktion einer besonders beängstigenden Welt hat der Autor Friedrich von Borries den Schreckenstag im September 2001 benutzt. In seinem Debüt-Roman «1WTC» geht es zehn Jahre nach dem Ereignis um den Kampf junger Menschen gegen einen beängstigend kontrollierenden und verborgen agierenden Staat. In dem zuweilen verwirrenden Verlauf mit Tarnungen und Täuschungen verschwimmen die erzählerischen Ebenen. «Fiktion ist die beste Tarnung der Realität» steht vieldeutig am Ende einer irritierenden Erzählung.

Ulrich Schäfer: Der Angriff - Wie der islamistische Terror unseren Wohlstand sprengt, Campus Verlag, Frankfurt/Main, 312 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-593-39466-4

Bernd Greiner: 9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen. C.H. Beck, München, 280 Seiten, 19,95 Euro ISBN: 978-3-406-61244-2

Elmar Theveßen, Nine Eleven: Der Tag, der die Welt veränderte, Verlag: Propyläen Verlag, Berlin, 352 Seiten, 19,99 Euro ISBN: 978-3-549-07381-0

Anja Reich, Alexander Osang, Wo warst Du? Ein Septembertag in New York, Piper Verlag, München, 272 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-492-05436-2

Herbert Bauernebel, Und die Luft war voller Asche, Bastei Lübbe Verlag Köln, 270 Seiten, 18,99 Euro, ISBN 978-3-785-72423-1

Friedrich von Borries, 1WTC, Suhrkamp Verlag Berlin, 204 Seiten, 13,95 Euro, ISBN: 978-3-518-46274-4

news.de/dpa

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