Von news.de-Redakteurin Katharina Bott
Spätes Debüt mit Vorschusslorbeeren: News.de empfiehlt Eugen Ruges autobiografischen Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts. Darin schildert der 57-Jährige den Verfall einer Ost-Familie, einer Ideologie, eines Staates.
1989 wurde in Leipzig das erste Bühnenstück Eugen Ruges uraufgeführt. Leider ohne den Ostberliner. Wenige Wochen zuvor war er aus der DDR geflohen. Im Nachhinein erscheinen Ruges zahlreiche Stücke für Theater, Hörfunk, Film wie Fingerübungen für seinen Romanerstling In Zeiten des abnehmenden Lichts. Das Buch war noch nicht gedruckt, da erhielt es für sein Prosamanuskript bereits den Alfred-Döblin-Preis. Dieser Tage erschien nun der fertige Familienroman im Rowohlt Verlag. Prompt wurde dieses späte Debüt für den Deutschen Buchpreis nominiert. Viel Lärm um nichts?
Der Verfall einer Kommunisten-Familie
Auf den stark autobiografischen 432 Seiten erzählt der 57-jährige Autor ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte anhand der Lebenswege einer Familie. Da sind die Großeltern Wilhelm und Charlotte: Exil-Stalinisten, die vor den Nazis ins ferne Moskau flüchteten und dann nach Mexiko beordert wurden. Ihre beiden Söhne mussten sie in der damaligen Sowjetunion zurücklassen. 1952 konnte das Kommunisten-Ehepaar endlich für neue Aufgaben in die DDR zurückkehren.
Ihre beiden Jungen landeten derweil im Gulag. Werner kommt im Stalin-Lager um, Kurt überlebt Workuta. Er heiratet die Russin Irina und kehrt 1956 in die fremde deutsche Heimat zurück. Er wird Historiker der Arbeiterbewegung - wie Ruges Vater auch. Nach der Wende schreibt Kurt seine Memoiren, seine Erinnerungen an Workuta nieder. Eine späte Abrechnung mit dem Realsozialismus. Kurt spukt schlussendlich dement im Haus herum, Irina säuft sich nach der Wende zu Tode.
Kurts Sohn Alexander ist wie Ruge ein Kind des Gulag, ein Abtrünniger, ein Studienabbrecher, Wohnungsbesetzer, Republikflüchtling. Der Sohn hält nichts vom Vater und umgekehrt. Das wird mit der vierten Generation - mit Markus, Alexanders Sohn - nicht besser. Doch Enkel Markus opportuniert nicht mal mehr. Alexander steht krebskrank vor den Scherben, die ihm das Leben hinterließ. Er begibt sich auf den Weg nach Mexiko, wohin auch seine Großeltern damals flüchteten.
Geschriebenes Breitwandkino
Epochal könnte man das Aufgebot nennen, das Ruge aufmarschieren lässt. Kapitel für Kapitel gibt der Autor den einzelnen Familienmitgliedern das Wort. Je nach Person, Herkunft und Alter spielt Ruge mit der deutschen Sprache. So entsteht geschriebenes Breitwandkino. Charlotte erzählt von Mexiko, Kurt von der Re-Stalinisierung. Jede Romanfigur erzählt auch ihre Sicht vom 90. Geburtstag des unbelehrbaren, stalinistischen Urgesteins Wilhelm, dessen Lieblingslied Die Partei hat immer recht lebensbestimmend war. Immer wieder kehrt der Roman zum letzten aller Familienfeste, zur letzten aller Bonzenfeiern, zurück.
Durch den Wechsel in Zeit, Tonalität, Ansicht und Stimme wird das Debüt des, unweit von Lager 239, im Ural geborenen Autors zu einem wahren Pageturner - trotz der Schwere der Themen. Die Tragik, die in den gescheiterten Ideologien, in Lebenslügen und Generationskonflikten steckt, hat Eugen Ruge weitflächig ausgeleuchtet und dennoch auf Punkt gebracht.
Dabei klagt Ruge nicht an wie Brasch oder Havemann, sondern klärt nüchtern auf. Der Roman gleicht einer literarische Fundgrube des gelebten Realsozialismus - mit all seinen Tätern und Opfern. Insidern wird es Spaß machen, den einen oder anderen Altkommunisten zu enttarnen. Nicht zuletzt ist es ein empfehlenswerter und zu recht preisgekrönter Schmöker der anhand einer Famiensaga deutsche Geschichte greifbar macht. Wer Tellkamps Der Turm mochte, wird In Zeiten des abnehmenden Lichts lieben.
Bestes Zitat: «Der Kommunismus, Charlotte, ist wie der Glaube der alten Azteken: Er frisst Blut.» (Altkommunist Wilhelm zu seiner Frau Charlotte, die einen Sohn im Gulag verlor.)
Hier geht's zur Leseprobe auf der Verlagsseite.
Eugen Ruge wurde in Sosswa im Ural geboren. Nach einem Mathematikstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin begann er bald als freier Mitarbeiter bei der DEFA zu arbeiten und im Theater im Palast, Berlin. Seit 1989 ist er Autor für Theater, Hörfunk, Film und hatte auch eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin inne. Bekanntheit erlangte Ruge durch seine Tschechow-Übersetzungen und seine Theaterstücke, die auf in- und ausländischen Bühnen aufgeführt wurden. Eugen Ruge ist Vater von vier Kindern und lebt heute abwechselnd in Berlin und auf Rügen.
Buchtitel: In Zeiten des abnehmenden Lichts
Autor: Eugen Ruge
Verlag: Rowohlt
Seiten: 432
Preis: 19,95 Euro
Veröffentlichungstermin: 1. September 2011