Neue Biografie Spionierte Coco Chanel für die Nazis?

Eine Antisemitin sei sie gewesen und eine Nazi-Agentin: So schlecht wie bei US-Autor Hal Vaughan ist Coco Chanel selten in einer Biografie weggekommen. Geschäftskalkül und persönliche Ängste sollen sie dazu getrieben haben. Ihr modischer Geist lebt dennoch fort.

Coco Chanel (Foto)
Bei Coco Chanel scheiden sich die Geister.  Bild: dapd

In der gerade auf Deutsch erschienenen Biografie Coco Chanel - Der schwarze Engel wird die wohl bedeutendste Modeschöpferin des 20. Jahrhunderts als skrupellose Geschäftsfrau dargestellt, «mit einer starken Neigung zur Destruktion». Das Buch hat deshalb nicht nur in Frankreich einigen Wirbel verursacht - schließlich ist die Frau eine von vielen verehrte Stil-Ikone. Allerdings sind Vaughans Anwürfe nicht ganz neu.

Schon andere Biografen haben über Chanels Liebschaft mit dem deutschen Diplomaten Hans Günther von Dincklage und die «Operation Modellhut» berichtet. Dabei sollte Chanel gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf einer Reise nach Madrid Winston Churchill geheime Gespräche mit deutschen Funktionären vorschlagen. Vermutliches Ziel: ein Separatfrieden mit Großbritannien. Chanel eignete sich für eine derartige Mission, da sie Churchill kannte. Aus dem Ganzen wurde jedoch nichts, Churchill kam nicht nach Madrid.

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Dass die alternde Chanel bei ihren fragwürdigen Beziehungen zu den Nazis wohl auch durch private Sorgen getrieben wurde, unterschlägt Vaughan nicht. Es waren Sorgen um ihren im Krieg gefangenen Neffen - dessen Freilassung sie bewirkte - sowie ihre Liebe zu dem viel jüngeren Dincklage, die sie Seilschaften eingehen ließen.

Nicht tief genug recherchiert

Der Journalist Vaughan hat in Archiven gestöbert und zitiert eine eindrucksvolle Zahl von Dokumenten. Ein Bericht über eine frühere Reise Chanels im Dienste der Deutschen nach Madrid ist neu. Ebenso die ausführliche Beschreibung ihrer angeblichen Versuche, der jüdischen Familie Wertheimer gegenüber ihren Vorteil als «Arierin» auszuspielen, um dieser die Mehrheit an den Chanel-Parfüms zu entreißen.

Vaughan versucht zudem nachzuweisen, dass Dincklage, genannt «Spatz», ein wichtiger deutscher Spion war. Und er präsentiert auf einem Dokument Agentennummer und Decknamen, unter denen Chanel geführt worden sei. Leider sind viele Dinge, die die Modemacherin selbst betreffen, unzureichend recherchiert, subjektiv interpretiert und sie werden immer wieder mit einer Art Schnelllauf durch die Geschichte auf problematische Art unterlegt.

Dass im Hotel Ritz, wo Chanel wohnte, während der Vichy-Zeit Nazi-Größen wie Goebbels und Göring auch speisten, sagt eher wenig über die Modemacherin selbst aus. Häufig sind unwichtige Kleinigkeiten wie der Name eines Umzugunternehmens hervorragend dokumentiert. Doch was Coco Chanel bei ihrem ersten Besuch in Madrid machte, welche Motive sie wirklich zur Operation «Modellhut» veranlassten, wie weit sie mit - einigen - antisemitisch gesonnenen Liebhabern tatsächlich einer Meinung war - all das wirkt nicht überzeugend.

Das Chanel-Imperium lebt weiter

Weil sie in einem katholischen Waisenhaus erzogen wurde, schiebt Vaughan ihr gängige Meinungen einer katholisch gesonnenen Konservativen unter. Dabei war Chanel eher eine unkonventionelle Esoterikerin. Zu ihren Freunden zählten Homosexuelle und Juden. Bei dem Konflikt mit den Wertheimers stellen zudem andere Biografen heraus, dass eigentlich von Beginn der Geschäftsbeziehungen an eine Art Hassliebe zwischen beiden Parteien herrschte. Noch heute gehört Chanel der Familie, die unbenommen aller Gerüchte das Erbe der Gründerin pflegen.

«Niemand weiß mit Sicherheit, was passierte oder was ihre genaue Rolle in diesem Zusammenhang war. Es gibt viele verschiedene Versionen, die ohne Zweifel für immer ein Mysterium bleiben werden», schrieb das Modehaus Chanel in einer Stellungnahme. Am Ende werden Chanels genaue Aktivitäten von damals wohl wirklich ihr Geheimnis bleiben.

zij/pfj/news.de/dpa

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