Andreas Altmann Ein Autor macht sich nackig

Andreas Altmann (Foto)
Wie aus einem Opfer ein freier Mensch wird.  Bild: Piper

Von news.de-Redakteurin Katharina Bott
Blut, Sperma, Tränen: Der Reisereporter Andreas Altmann hasst seinen Vater, seine Mutter und seine bayerisch-katholische Heimatstadt Altötting. Über seine «Scheißjugend» hat er ein starkes Buch geschrieben.

«Ich kam mit einem Verzweiflungsschrei zur Welt. Er stammte von meiner Mutter. Sie sah mein Geschlecht und stieß diesen hysterischen Schluchzer aus. Als Zeichen grausamer Enttäuschung. Für sie war alles Männliche - und was wäre männlicher als ein Schwanz - Symbol von Niedertracht und Unterdrückung, ja, lebenslänglicher Ernüchterung». Mit dieser saftigen Szene steigt Andreas Altmann in die Handlung seines autobiografischen Romans Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend ein.

«Meine Jugend war vollkommen banal. Es gab keine Verwüstungen, keine Entführungen, keine Hungersnöte. Sie war nur eines: Sie war gewalttätig. Mein Vater war SS-Mann. Seit 30 Jahren will ich dieses Buch schreiben, aber ich war schriftstellerisch nicht im Stande. Ich hatte Angst, dass es so eine Tränensackprosa wird. » So kündigte Andreas Altmann im Herbst 2010 sein neues Buch während einer Lesung an. Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend ist kein Scheißtränenbuch geworden, dafür ist es viel zu rotzig. Allein der Titel nervt.

Kinderschläger und Kuckucksmutter

Wortgewaltig und schonungslos erzählt Altmann die Geschichte einer deutschen Familie, seiner Familie. Da wäre zum einen sein seelisch verkrüppelter Vater, ein ehemaliger SS-Scherge mit posttraumatischem Belastungssyndrom. Für ihn findet er viele treffende, hasserfüllten Synonyme: Kinderschläger, Ehebrecher, SA-Mann, getreuer Katholik, CSU-Wähler, Speisekammer-Verschließer, Niederbrüller, Schwein.

Auf der anderen Seite steht die ebenfalls psychisch kaputte Mutter: die Kuckucksmutter, «eine Mutterschlampe, die ihre Kinder in fremde Nester legte, um sie loszuwerden». Und in der Mitte steht Andreas. Dem Namen nach der Tapfere, in persona jedoch Bettnässer, Heimkind, Nagelkauer, Angsthase, Misshandelter. Im alltäglichen Kampf steht ihm zum Glück Manfred zur Seite, sein großer Bruder. Andreas Altmann widmete ihm darum dieses Buch.

Doch nicht nur in der Familie herrschte Gewalt, auch sein Religionslehrer schlug zu, seine Mitschülerin wurde vom Pfarrer missbraucht. «Ich habe Beweise und eidesstattliche Erklärungen. In meinem Buch ist nichts erfunden, es geht um Tatsachen», betont Altmann. «Die Pfarrer, die uns missbraucht beziehungsweise misshandelt haben, sind alle mit Glanz und Gloria beerdigt worden.» So beschreibt er Religionsstunden, in denen Sex verteufelt wird - und berichtet von schwulen Sexpartys bei den Kapuzinern. «Die schier unauslotbare Diskrepanz zwischen Moralpredigt und sexuellen Schweinereien ist zum Schreien komisch.» 

Hasstirade auf die Familie und Altöttingen

Heuchelei, Gewalt, Religion und Bigotterie sind die Hauptthemen, die der fesselnde Roman umkreist. Auf über 250 Seiten unterteilt in Krieg Teil 1 und Krieg Teil 2 sowie 168 Kapiteln blättert Altmann seine trumpflosen Karten auf den Tisch. Er macht sich vollkommen nackig und kleidet diesen Seelen-Strip in ein faszinierendes Wortgewand. Es ist eine einzige Hasstirade auf Vater, Mutter, Pfarrer und den Pilgerort Altötting - aber mit Stil. Mit Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend reißt er dem katholischen Idyll die Maske vom Gesicht.

Ein Scheißblatt wurde ausgeteilt, das ihm eine verkorkste Kindheit und Jugend im bayerischen Altötting bescherte. «Ich habe 19 Jahre gebraucht, um von zu Hause wegzulaufen, und weitere 19 Jahre um meinen Beruf zu finden», erklärt Altmann rückblickend. Und tatsächlich zeugt die berufliche Vita, die von Anlageberater über Buchclubvertreter bis hin zum Schauspieler reicht, sowie eine lange Therapie von einer langwierigen Idenditäts- und Sinnsuche.

Heute zählt Andreas Altmann zu den bekanntesten deutschen Reiseautoren. Er wurde bereits mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis geehrt. Nach Triffst Du Buddha, töte ihn! ist nun sein autobiografisches Abrechnungsbuch mit dem ebenso langen wie deprimierenden Scheißtitel erschienen. Laut Altmann handelt es sich um den Arbeitstitel, in den sich der Verleger jedoch so verliebte, dass er nun auch das fertige Hardcover ziert. Man sollte sich von ihm keinesfalls abschrecken lassen. Eine starke Stimme ruft aus dem deutschen Blätterwald und sollte gehört werden.

Bestes Zitat: « Bevor Vater in den letzen Jahren vor seinem Tod vermüllte ... , frönte er dem Sauberkeitswahn. Das funktionierte, denn seine Frau war seine Putzfrau.»  

Autor: Andreas Altmann

Titel: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend 

Verlag: Piper Verlag

Umfang: 256 Seiten

Preis: 19,99 Euro

Erscheinung: 18. August 2011 

Termine der Lesungen auf andreas-altmann.com.

car/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • die redaktion
  • Kommentar 2
  • 25.08.2011 15:03
Antwort auf Kommentar 1

oh danke! is geändert;)

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  • Hundhammer
  • Kommentar 1
  • 25.08.2011 14:09

Altötting, es heißt Altötting!

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