So., 27.05.12

Lesen 17.08.2011 Das begehbare Gehirn des Koos van Weringh

Das begehbare Gehirn des Koos van Weringh (Foto)
Das begehbare Gehirn des Koos van Weringh Bild: dpa

Koos van Weringh (77) ist ein leidenschaftlicher Zeitungsleser, und irgendwie sieht man ihm das an. Sein Gesicht ist ebenso zerknittert wie nachdenklich. Van Weringh mag das Rascheln beim Umschlagen der Seiten, den leicht chemischen Geruch und selbst den Kampf mit einem großen Format auf engem Raum.

Köln (dpa) - Koos van Weringh (77) ist ein leidenschaftlicher Zeitungsleser, und irgendwie sieht man ihm das an. Sein Gesicht ist ebenso zerknittert wie nachdenklich. Van Weringh mag das Rascheln beim Umschlagen der Seiten, den leicht chemischen Geruch und selbst den Kampf mit einem großen Format auf engem Raum.

Aber seine besondere Liebe gilt der politischen Karikatur. Mehr als 150 000 solcher Zeichnungen hat er im Laufe von 60 Jahren gesammelt.

Van Weringhs Arbeitszimmer in der Kölner Südstadt hat die Größe und Höhe eines Pariser Salons. In einem Labyrinth aus Regalen und Schränken hütet der Niederländer seine Erinnerungen. Das meiste hat er aus Zeitungen ausgeschnitten; später, als er unter Karikaturisten schon bekannt war, bekam er auch Originale geschenkt.

Geweckt wurde sein Interesse in der Schule: Sein Geschichtslehrer zog den Unterricht mit Vorliebe an Karikaturen auf. Bald begann van Weringh selbst mit dem Ausschneiden, und bis heute hat er nicht aufgehört. Dabei beschränkt er sich nicht auf Karikaturen aus den Niederlanden oder seiner Wahlheimat Deutschland; wenn er morgens nach dem ersten Kaffee zum unmittelbar benachbarten Zeitungskiosk geht, kauft er auch englische, französische und spanische Blätter. Aus Moskau - wo er mehrere Jahre gelebt hat - schicken ihm Freunde russische Zeichnungen. Viele andere Länder sind gleichfalls in seiner Sammlung vertreten. «Am frechsten sind die Briten», resümiert er. «Die Deutschen sind ein bisschen schwermütig.»

Für den Außenstehenden ist ein Ordnungssystem nicht auf Anhieb ersichtlich, doch van Weringh scheint den Überblick zu haben. Wenn er über eine bestimmte Zeichnung spricht, kann er sie meist sehr rasch hervorziehen. Dabei beschränkt sich seine Sammelleidenschaft nicht auf Karikaturen - er hortet in seinem Archiv auch 7000 politische Postkarten, allein 800 russische Plakate und zahllose Bücher und Fotos. «Ich habe 300 Fotos von Lenin-Denkmälern, die es jetzt nicht mehr gibt.» Warum? «Interessiert mich einfach.» Ein solches nicht unbedingt zielgerichtetes Interesse kennzeichnet den Intellektuellen ebenso wie den Zeitungsleser.

Das Regalsystem macht den Eindruck eines begehbaren Gehirns. Überall Fächer, Schubladen, Bilder. Dazu Satzfetzen. Denn an allen möglichen Stellen hat van Weringh Zeitungsschlagzeilen an die Regale geklebt, die aus irgendeinem Grund seine Aufmerksamkeit erregten. Aus dem Zusammenhang gerissen, bleibt ihre Bedeutung oft rätselhaft, und deshalb beginnt man sofort, seine eigene Geschichte dazu zu spinnen. «Die Lücke in der Realität ist das Glück der Dichtung», steht da - oder «Die ganze Traurigkeit des Sommers».

Eine Assoziationsmaschine. Alles scheint mit jedem im Zusammenhang zu stehen, überall entdeckt man wieder etwas Neues, liest sich fest oder kommt wieder auf etwas anderes zu sprechen. Van Weringh ist ein professioneller Spurensammler, er war Professor für Kriminologie an der Universität Amsterdam. Nach Köln kam er über seine Frau Kathinka Dittrich, die dort in den 90er Jahren Kulturdezernentin war. Ihr Trauzeuge war der «Zeit»-Karikaturist Hans-Georg Rauch (1939-1993).

So jemand wie van Weringh gehört zu einer aussterbenden Art. «No, I'm not on Facebook» heißt es auf einer Postkarte, die er ebenfalls ans Regal gepinnt hat. Auf seinem Briefpapier steht: «Briefeschreiber aller Länder, vereinigt euch!» «Diese Welt hier zerfällt», sagt er selbst. Zeitungen verschwinden, Karikaturen werden kaum noch gedruckt. «Eine Schande» findet er. «Karikaturen sind doch ein Spiegel der Geschichte.» Gerade ist seine Ausstellung über «Religion und Kirche in der Karikatur» auf Tournee, zum 300. Geburtstag von Friedrich dem Großen im nächsten Jahr soll er eine Schau über «Das Preußentum in der Karikatur» zusammenstellen.

Koos van Weringh will noch nicht sagen, welcher Einrichtung er seine Sammlung dereinst vermachen wird. Eigentlich wäre es ein Jammer, wenn dann alles säuberlich getrennt und geordnet, registriert und weggeschlossen würde. Es müsste als Ganzes erhalten bleiben, um späteren Generationen zu zeigen, wie man im Zeitalter der Zeitung gelebt hat. Bei diesem Gedanken fällt van Weringh sofort eine bestimmte Karikatur ein: Zwei Leute betrachten in einem Museum einen Gegenstand in einer Vitrine, der eine sagt: «Ja, da steht's auch: Das ist ein Buch.»

news.de/dpa
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