Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Die ARD schließt das Tatort-Sommerloch und schickt heute den ersten Schweizer Kommissar seit fast zehn Jahren ins Rennen. In Wunschdenken kämpft der Neue mit einem uninspirierten Drehbuch und einer haarsträubend schlechten Kollegin.
Der wahre Krimi spielte sich beim Schweizer Tatort in den vergangenen Monaten hinter den Kulissen ab. Kaum hatte Regisseur Markus Imboden das Debüt abgedreht, meldete sich die Kulturchefin des Schweizer Rundfunks zu Wort, bemängelte fehlendes Lokalkolorit, zu explizite Sexszenen und vor allem die Besetzung. Die für April geplante Ausstrahlung von Wunschdenken wurde verschoben, der Film musste neu geschnitten und teilweise auch neu gedreht werden.
Mehr Bohei gab es rund um einen Tatort selten. Die Eidgenossen sind nervös. Ob die Schweizer Variante eine Zukunft hat, entscheiden die Zuschauer. Ein zweiter Fall (Skalpell) wurde zwar bereits fertiggestellt, ob der aber jemals über den Bildschirm flimmert, ist längst noch nicht entschieden. Eine maue Quote für Wunschdenken - und die Beteiligung des SRF am Tatort könnte ein einmaliges Intermezzo bleiben.
Softporno-Musik und Weichzeichner-Licht
Entzündet hatte sich der Streit an einer geradezu grotesken Fehlentscheidung. Statt voll und ganz auf Eigengewächs Stefan Gubser alias Kommissar Reto Flückiger zu vertrauen, wurde die in der Schweiz geborene Amerikanerin Sofia Milos als Sidekick verpflichtet. In der US-Serie CSI: Miami spielte die bekennende Scientologin die Ermittlerin Yelina Salas, überzeugte aber schon dort eher optisch als schauspielerisch.
In Luzern stöckelt Milos als Austauschpolizistin Abby Lanning wie eine zweitklassige Julia Roberts durchs Polizeirevier. Schmollschnute, Dauergrinsen und flache Sprüche nerven nach wenigen Minuten gewaltig. Zum allem Überfluss muss der sexy Kleiderständer binnen 90 Filmminuten den Chef gleich zweimal flachlegen. Nach dem Absacker in der Hotelbar landen Lanning und Flückiger gemeinsam im Bett. Softporno-Musik und Weichzeichner-Licht, schon geht’s ab in die Kiste.
Hölzern und uninspiriert
Ziemlich übel auch, was Drehbuchautor Nils-Morten Osburg zusammengestückelt hat. Das Skript strotzt vor Krimi-Unarten, wie man sie zuletzt vor zehn Jahren im Privatfernsehen gesehen hat. Eine Wasserleiche wird aus der Reuss gefischt, ein Lokalpolitiker entführt. Klar, dass beide fälle miteinander zusammenhängen. Ein politischer Rivale des verschwundenen Kandidaten verhält sich auffällig, lässt Flückiger von einem seiner Muskelmänner zusammenschlagen. In der ersten Fassung des Falls sollte der Mann nach Informationen der Neuen Zürcher Zeitung im Übrigen der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei (SVP) angehören. Die politische Anspielung wurde später gestrichen. Der SRF bestreitet dies.
Hölzern und uninspiriert schleppt sich der Auftaktfall seiner Auflösung entgegen. Am Ende gibt es gar noch eine wilde Schießerei im Treppenhaus, bei der die Austauschpolizistin Flückiger durch ihr beherztes Eingreifen das Leben rettet. «Schiessdreck», flucht der neue Chef des Dezernats für «Leib und Leben» auf Schwyzerdütsch. Wenn Flückiger die Leistung seiner amerikanischen Kollegin gemeint hat, kann er sich ein wenig beruhigen. Sofia Milos wird in möglichen weiteren Folgen nicht mehr mit von der Partie sein. Trotz alledem: Für den Schweizer Tatort wird es schwer, ganz schwer. Einen weiteren derart katastrophalen Film darf sich der SRF nicht mehr leisten. Sonst gehen in Luzern ganz schnell die Lichter aus.
Bestes Zitat: Reto Flückiger zu seinem Kollegen: «Ich fahr’ nach Italien und dann weiter nach Sardinien.»
Titel: Tatort - Wunschdenken
Regie: Markus Imboden
Darsteller: Stefan Gubser, Sofia Milos, Stefanie Japp, Jean-Pierre Cornu und andere
Sendetermin: Sonntag, 14. August 2011, 20.15 Uhr, Das Erste
Als Deutscher, der seit 20 Jahren in der Schweiz lebt und einen Mischmasch diverser Schweizerdeutscher Dialekte auch selbst spricht und diesen Tatort vollständig gesehen hat muss ich sagen: So lahm sind die Eidgenossen wirklich nicht! Bei der breiten Masse der Schweizer Bevölkerung geht es nicht so zu und her wie es uns der Film glauben lassen möchte. Der Tatort hat mich vor allem wegen der unreal langsamen Dialoge und überlangen Kunstpausen genervt - von der Handlung mal ganz abgesehen. So kommuniziert man hier nicht! Mehr Pep bitte beim nächsten Streifen!
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