Von news.de-Redakteur Martin Walter
Nackte Haut statt neue User: Die VZ-Netzwerke kämpfen gegen den dramatischen Mitgliederschwund und animieren Userinnen, sich auszuziehen. Social Media-Experten sehen dennoch schwarz für ein Comeback. Facebook scheint längst unschlagbar.
Täglich ergießen sich neue Horrormeldungen über die VZ-Netzwerke: «Sturzflug», «freier Fall» oder «Besucherschwund» sind noch die freundlichsten Schlagzeilen. Monat für Monat laufen SchülerVZ, StudiVZ und MeinVZ scharenweise Mitglieder davon, die neuesten Zahlen weisen einen Einbruch der Visits (Einzelbesuche) von über 50 Prozent aus - innerhalb eines halben Jahres. Den 334 Millionen Besuchern im Januar 2011 standen im Juli 172 Millionen gegenüber, die Zahl der einzelnen Seitenaufrufe schrumpfte noch stärker.
Eine rasante Abwärtsspirale, die größtenteils selbstverschuldet ist. «StudiVZ hat sich zu schnell auf den bisher erreichten Lorbeeren ausgeruht und in einer sich sehr schnell verändernden Welt der digitalen Kommunikation alle Veränderungen erst verschlafen und dann bestenfalls halbherzig umgesetzt.», kritisiert der Social Media-Experte und Blogger Nico Lumma im Gespräch mit news.de. Für die Nutzer sei die Plattform immer unattraktiver geworden, weil sie zum Beispiel mit Bannern vollgepflastert wurde.
Eine entscheidende Rolle spielt auch das vor Mitglieder-Kraft strotzende Facebook, dem die meisten Ex-Vzler quasi 1:1 in die Arme laufen. «Das Original Facebook ist in den letzten Jahren gegenüber der Kopie VZ immer attraktiver geworden. Die mittlerweile über 20 Millionen Nutzer von Facebook in Deutschland sorgen für eine Sogwirkung, die immer mehr Freunde von den VZ-Netzwerken zu Facebook bringt.» erklärt Lumma, als Director Social Media bei der Werbeagentur Scholz & Friends tätig.
Zweifelhafte Fleischbeschau
Doch die VZ-Macher wollen sich nicht kampflos geschlagen geben und behelfen sich mit Aktionen, die gewöhnlich eher den Boulevardmedien vorbehalten sind. Nach der WM-Queen sucht MeinVZ aktuell die schönste Badenixe unter den VZ-Userinnen. Gewünscht sind möglichst knackige Schnappschüsse im Bikini, die VZ-Gemeinde darf per Fleischbeschau über die Siegerin entscheiden. Bei aller Datenschutz-Kritik an Konkurrent Facebook: Zur Einsendung von Bikinifotos forderte das Zuckerberg-Netzwerk bisher noch kein Mitglied auf, wie Teresa Maria Bücker im FAZ-Blog Deus ex Machina zurecht anmerkt.
Das Ruder noch einmal herumreißen soll Berichten zufolge aber ein großer Relaunch, der in zwei bis drei Monaten über die Bühne gehen könnte. Es klingt nach Aktionismus, der letztlich auf eine Gesichtskosmetik zwecks Notverkauf hinauslaufen dürfte. Zu frappierend sind die Parallelen zum
einstigen Netzwerk-Riesen MySpace.
Zumal der Holtzbrinck-Verlag sein Sorgenkind bereits im Juli wie Sauerbier zum Verkauf angepriesen hat - ein Ansinnen, dass die VZ-Besitzer mangels entsprechender Offerten schnell wieder aufschoben. Noch Anfang 2007 hatte das Verlagshaus für StudiVZ rund 85 Millionen Euro auf den Tisch gelegt und im Folgenden mit den Plattformen MeinVZ und SchülerVZ ergänzt. Nun werden im Zuge des anvisierten Relaunchs vermutlich mindestens zwei der drei Schwester-Netze fusionieren. Konkretes ist allerdings nicht bekannt, auf Anfrage von news.de wollten sich die Netzwerke weder zu möglichen Neuerungsplänen, noch zur aktuellen Situation äußern.
«Der Zug ist abgefahren»
Was auch immer die Umgestaltung bringen mag, «die Tage der VZ-Netzwerke sind gezählt», ist sich netzwertig-Autor Martin Weigert sicher. Auch Nico Lumma glaubt nicht an ein Comeback. «Der Zug ist abgefahren. Facebook hat eine App-Infrastruktur, über die permanent neue Spiele den Nutzern zugänglich gemacht werden. Werbetreibende können kostenlos Fanpages einrichten und diese mit Apps und involvierenden Anzeigen bewerben.», sieht Lumma die Konkurrenz weit enteilt. Außerdem gebe es mit Facebook Messenger eine starke mobile Komponente und auch Google+ drehe weiter an der Innovationsschraube. «Da kommen die VZ-Netzwerke nicht mehr hinterher.»
Noch schreiben StudiVZ und Co. trotz der Misere schwarze Zahlen, wie das Manager Magazin berichtet. Es fragt sich, wie lange noch. Dass sich inzwischen selbst VZ-Mitarbeiter als Anschauungsobjekte zur Verfügung stellen, wirkt jedenfalls eher wie ein deutliches Zeichen des Verfalls: Die hübsche VZ-Moderatorin Lea lässt sich gerade von Usern empfehlen, welches Outfit sie sich überstreifen soll.
Sehen Sie hier die Meinung von unserem Redakteur Martin Walter zum Thema StudiVZ