Buch «Geisterritter» Rachsüchtige Gespensterjagd

Geister gibt es nicht. Kindern das beizubringen, dürfte Eltern derzeit besonders schwer fallen. Kinderbuchautorin Cornelia Funke schießt wieder einmal quer - und veranstaltet in Geisterritter eine halbtote Hetzjagd auf einen Elfjährigen und seine Freundin.

Kinderbuch «Geisterritter» (Foto)
Geister gibt es nicht? Cornelia Funkes neues Kinderbuch stellt die Welt mancher Eltern auf den Kopf. Bild: Cecilie Dressler Verlag

Elterliches Beruhigungsmantra hin oder her: Für Kinderbuchautorin Cornelia Funke ist der Satz «Geister gibt es nicht» obsolet. In Geisterritter schickt sie dem jungen Jon Whitcroft gleich eine halbe Armee der Seelen auf den Hals, die keine Totenruhe finden können - und erteilt ihrer Figur damit eine Lektion in Sachen Selbsterkenntnis.

Denn Jon reagiert äußerst eifersüchtig, als seine Mutter einen neuen Lebensgefährten mit nach Hause bringt. Als der Junge auch noch nach Salisbury aufs Internat geschickt wird, fühlt sich der Elfjährige vollends abgeschoben. Ganz unschuldig ist er daran nicht. Immerhin hat er dem «Vollbart», wie er den neuen Mann im Hause nennt, mehrfach übel mitgespielt.

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Viel Zeit zum Schmollen bleibt Jon allerdings nicht. Bereits in der sechsten Nacht erblickt er die «Männer, denen die Nacht das Blut aus den Körpern gesaugt hatte». Gemeinsam mit ihrem toten Herrn, Lord Stourton, hetzen sie den Elfjährigen durch die Dunkelheit. Jon entstammt dem Geschlecht der Hartgills. Jener Familie, der Stourton im 15. Jahrhundert mit dem Mord an Vater William und Sohn John ein dunkles Schicksal bescherte.

Familienschicksal auf den Schultern eines Elfjährigen

Ungestraft kam er nicht davon. Doch obwohl gehängt, kann der düstere Lord keine Totenruhe finden. Es sei denn, ein Hartgill schickt ihn ins Jenseits.

Jon erfährt davon allerdings erst, als er auf Ella Littlejohns Großmutter trifft, die Geistertouren durch Salisbury anbietet. Gemeinsam mit dem viel weniger zauderhaften Mädchen und dem Geist des guten Ritters Longspee, einem Halbbruder von Richard Löwenherz, versucht der Elfjährige das Schicksal seiner Familie zu erfüllen. Im Strudel aus Angst und Verzweiflung, Mut und Tatendrang lernt Cornelia Funkes Protagonist, sein egoistisches Denken beiseite zu schieben und für das Schicksal anderer einzustehen. Selbst wenn das am Ende bedeutet, den verhassten Vaterersatz akzeptieren zu lernen.

Im Vergleich zu früheren Geschichten aus Cornelia Funkes Feder ist Geisterritter deutlich dünner, schlichter und einfacher. Allerdings ist das Buch so geradlinig geschrieben, dass erwachsene Leser gut und gerne in Versuchung geraten, bisweilen ein paar Zeilen zu überspringen, zumal sich das Vorgeplänkel um den Elfjährigen Protagonisten etwas zäh entwickelt. Dem Buch schadet das jedoch nicht. Denn anders als bei Tintenherz oder zuletzt Reckless ist die Leserschaft, die das Abenteuer an die Buchstaben locken soll, eine deutlich jüngere.

Dafür schlägt die Kinderbuchautorin einen Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Nicht nur weil sie Jon aus der Perspektive eines 19-Jährigen seine eigene Geschichte betrachten lässt. Funke bedient sich auch freimütig bei historischen Figuren, um ihren Charakteren mehr Tiefgang zu verleihen. Ein kleiner Glossar im Anhang sorgt für den Aha-Effekt beim Lesen. Und wenn das nicht reicht, helfen Anspielungen auf Harry Potter und Robin Hood weiter.

Abenteuerlust mit angenehmem Gruselfaktor

Dabei ist es zur Abwechslung mal schön zu lesen, dass Gut und Böse sich jenseits einer Schwarz-Weiß-Ideologie bewegen. Der Geisterfigur Longspee sei Dank. Denn mit ihm charakterisiert Cornelia Funke den Zwiespalt  zwischen blindem Handeln und moralischem Entscheiden - eine Erfahrung, die Jon in seinem angespannten Verhältnis zum unerwünschten Vaterersatz erst machen muss. So aber ist das Happy End garantiert. Nicht nur für den jungen Protagonisten.

Obwohl die Kinderbuchautorin in Geisterritter nicht von einer gewissen Blutigkeit lassen kann, ist das Abenteuer in Salisbury keine erschreckende Geschichte. Ob Cornelia Funke Jon nun in die Geisterhülle von Longspee und Stourton schlüpfen lässt, die Kinder sich nachts in eine Kathedrale einsperren lassen oder zum Geistertreffen auf dem Friedhof erscheinen müssen - der Gruselfaktor schafft die richtige Stimmung, in der Heldenmut das wahre Mittel des Sieges ist und die der Fantasie viel Raum lässt.

Das unterstreichen auch die Illustrationen von Friedrich Hechelmann. Gekonnt fangen sie die elementaren Momente der einzelnen Szenen ein und erscheinen beinahe lebendig, wenn die jungen Leser sie mit einem nicht allzu scharfen Blick betrachten.

Fazit: Geisterritter ist kein Tintenherz, sondern leichtfüßiger Lesestoff, der Abenteuerstimmung in triste Ferientage bringt. Ob es nun Geister gibt oder nicht: Wer sich ihnen literarisch stellt, muss keine Angst vor ihnen haben.

Bestes Zitat: «Ich hatte an mir selbst erlebt, wie stark die Dunkelheit in uns allen sein kann [...].»

Buchtitel: Geisterritter
Autor: Cornelia Funke
Verlag: Cecilie Dressler
Seiten: 256
Preis: 16,95 Euro
Veröffentlichungstermin: 1. August 2011

sis/som/news.de

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