So., 27.05.12

«Der Mauerschütze» 29.07.2011 Überlebt, aber nicht lebendig

Von news.de-Redakteur Cord Krüger

Ein ehemaliger Volksarmist leidet unter Schuldgefühlen und sucht die Frau, deren Mann er einst am Todesstreifen erschoss. Das Drama Der Mauerschütze geht behutsam mit seinen gebeutelten Figuren um, ertrinkt aber geradezu in Schwermut - heute Abend im Ersten.

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Die Geschichte zerschrammter Seelen wird von Kindern geschrieben. Da stehen sie: zwei Grenzsoldaten mit Angst in den knabenhaften Gesichtern. Sie legen auf Republikflüchtlinge an. Schüsse fallen und zurück bleiben ein Toter und drei Überlebende, die dieser Tag noch Jahre später verfolgen wird. Es sind die letzten Tage der DDR.

Einer der Volksarmisten, Stefan Kortmann, hat sich zum Dienst an der Waffe gemeldet, um Medizin studieren zu können. Die beiden Flüchtlinge wollen ihre ungeborene Tochter im Westen großziehen. Doch die Katastrophe braucht keine bösen Absichten, nur den Schießbefehl.

Das Drama Der Mauerschütze baut auf seiner düsteren Grundidee ein Geflecht tragischer Figuren auf. Fast 20 Jahre nach dem Prolog an der deutsch-deutschen Grenze hat Stefan ( Benno Fürmann) seinen Berufswunsch in die Tat umgesetzt. Er arbeitet als Arzt in Hannover. Die Vergangenheit abschütteln konnte er nie. So macht er sich schließlich auf die Suche nach Silke, deren Mann er einst erschoss.Silke (Annika Kuhl) betreibt inzwischen eine Pension auf Usedom und zieht ihre Tochter Sunny (Lotte Flack) alleine groß. Gemeinsam mit seinem jungen, todkranken Patienten Paul (Max Hegewald) fährt Stefan an die Ostsee und mietet sich bei Silke ein. Die beiden entwickeln Gefühle füreinander und auch Sunny und Paul kommen sich näher. Um sein Geständnis kommt Stefan aber nicht herum. Irgendwann wird er Silke die Wahrheit sagen müssen.

Keine Hoffnung für niemanden

Bleischwer lasten die Probleme auf den Figuren: Stefan hat einen Toten auf dem Gewissen, Silke den Mann ihres Lebens verloren, Sunny nie ihren Vater kennen gelernt und Paul weiß, dass er sterben wird. Regisseur Jan Ruzicka und seinen Drehbuchautoren ist auch nicht an Wohlfühlfernsehen gelegen.

Das Szenario erinnert an eine Mischung aus Monster's Ball, wo sich ein Henker in die Frau seines letzten Delinquenten verliebt, und an Christian Petzolds Wolfsburg. Hier nimmt ein wiederum von Benno Fürmann gespielter Unfallflüchtiger Kontakt zur Mutter eines Jungen auf, den er überfahren hat. Der Mauerschütze erreicht jedoch weder die emotionale Wucht des ersten noch die traurige Eleganz des zweiten.

Bei aller Relevanz des zeithistorischen Themas und der interessanten Perspektive auf die Seelenqualen des Täters gelingt es dem Drama zu keinem Zeitpunkt, für die Figuren beim Zuschauer mehr als Mitleid zu erwecken. Sein Glück wird hier niemand finden. Neben der wenig hoffnungsvollen Stimmung leidet Der Mauerschütze zudem unter seinen hölzernen Dialogen.

Junge Darsteller überzeugen

In einer Rückblende sieht man Silke als Zeugin in einem Nachwendeprozess gegen einen NVA-Offizier aussagen, der damals die Grenzsoldaten befehligte. Zwischen lauter Ewiggestrigen findet sich die blonde Frau plötzlich ihrerseits an den Pranger gestellt wieder. Die Szene wirkt wie die Karikatur eines Albtraums. Vor allem das laienhaft grobe Spiel der greisen DDR-Sympathisanten im Publikum nervt und passt überhaupt nicht zum zurückgenommenen Ton des übrigen Films.

Auf Seiten der Hauptdarsteller schlagen sich vor allem Lotte Flack und Max Hegewald beachtlich. Anders als Benno Fürmann und Annika Kuhl gibt ihnen das Drehbuch aber auch Raum für etwas mehr Lebensmut. Für einen Mittwochsfilm gefällt das Drama mit seiner Ernsthaftigkeit und seinem ambitionierten Thema, ohne dabei jedoch unterhaltsam oder wirklich aufschlussreich zu sein. Es ist, als hätten die Seelen von Stefan und Silke den Todesstreifen niemals verlassen. Zumindest nicht lebendig.

Bestes Zitat: «Wenn ich noch alle beisammen habe, renne ich doch nicht mit offenen Augen in den Tod.» (Paul kann die Flucht von Sunnys Eltern nicht verstehen.)

Titel: Der Mauerschütze
Regie: Jan Ruzicka
Darsteller: Benno Fürmann, Annika Kuhl, Lotte Flack, Max Hegewald, Sandra Borgmann
Sendetermin: Mittwoch, 3. August, 20.15 Uhr im Ersten

zij/oro/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Libertad
  • Kommentar 1
  • 03.08.2011 16:01
 

Was für ein Schmarren. Aber so, oder ähnlich, kann mann/Frau auch Physik studieren und wird hinterher Bundeskanzler. Ich bin 57 aus der DDR abgehauen und habe alle Verräter , Stasileute gefunden. Der Mauerschütze kann froh sein das er nicht meinen Jungen tötete...

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