Madrid, Mailand, München - das sind die Träume junger Fußballer, die als Profis Millionen machen wollen. Doch nur ganz wenigen ist das Glück vergönnt. Was wird aus den anderen? Zwei Dokumentarfilmer haben sich auf die Suche gemacht.
Die Haare sind etwas verschwitzt, der schwarze viereckige Doktorhut sitzt schief, Heiko Hesse muss ihn zwei Mal für die Kamera zurechtrücken. Der Tag war anstrengend. Er hat seinen Master-Titel in Oxford geholt. Deswegen der Hut, der eigentlich kein Doktorhut ist, sondern nur - wie die Engländer sagen - ein «mortalboard», ein Mörtelbrett.
Master kann sich der 30-jährige Ökonom Heiko Hesse jetzt nennen, gerne wäre er auch Meister geworden. Mit Borussia Dortmund. Denn all seine Hoffnungen hatte der begabte Jugendspieler des BVB in seine fußballerische Zukunft gelegt. Doch der Sohn einer Thailänderin und eines Deutschen schaffte nicht den Sprung ins Profilager.
Oxford und Bankjob statt Bundesliga
Zeit also für die HalbZeit-Bilanz. Die Filmemacher Gabriele Voss und Christoph Hübner haben Heiko Hesse seit 1998 im Visier. Ein erster Film mit ihm kam 2003 in die Kinos, der zweite liegt jetzt vor. Eine Trilogie soll die Langzeitbeobachtung werden. die 135 Minuten lange HalbZeit ist heute um 21.40 Uhr zur Einstimmung auf die nun startende Fußball-Saison auf 3sat zu sehen.
Hesse hat es trotzdem geschafft. Er hat sich ein wenig durch Oxford gequält, die Uni findet er «geborgen», «zu geborgen fast». Er hat sein Zimmer, seine Putzfrau sogar. «Du wirst hier gepampert», sagt er. Fast so wie ein Jungprofi. Doch mit Fußball hat er nichts mehr am Hut. Denn Hesse hat seinen ersten Job bei der Weltbank in Washington antreten. Da rollt das Geld, nicht der Ball.
Nur einer von fünf hat es geschafft: Florian Kringe
Hesse ist einer der fünf Spieler, die Voss und Hübner seit Jahren verfolgen. Und nur einer aus der Riege der Jugendspieler, die 1998 alle bei Borussia Dortmund in der Jugend kickten, hat es geschafft: Florian Kringe. «Er ist beidfüßig, ganz selten», lobt ihn sein Berater, Thomas Kroth, im Film. Sein Nachteil sei, er sei zu vielseitig, nicht eindeutig positioniert.
Kringe hat dann doch den ganz großen Wurf verpasst. Ausgerechnet in der Saison 2010/2011, als Dortmund Deutscher Fußballmeister wurde, musste er nach einem Mittelfußbruch verletzt pausieren, sein Vertrag läuft bis 2012. Fast vergessen ist dagegen Francis Bugri (30): Der Sohn einer Rumänin und eines Ghanaers schaffte es nur bis zu Kickers Emden: Trainer Mark Fascher fand aber, er sei in der Entwicklung steckengeblieben, er wechselte in die zweite dänische Liga. Sie erwies sich als zu ruppig, zurück ging es nach Deutschland.
Über Belgien nach Wattenscheid
Anderes Beispiel, ähnliches Schicksal: Mohammed Abdulai (30), muslimischer Ghanaer. Auch er gehörte der Jugendmannschaft des BVB an. Er ist ein heiterer, geselliger Zeitgenosse, der sich gern mit seinen Landsleuten trifft. Abdulai wird in die zweite belgische Liga vermittelt. Doch nach drei Monaten muss er dort aufgeben und findet Anschluss bei Wattenscheid 09.
Voss und Hübner mischen die Bilder von 1998, die sie - ganz antik - in schwarzweiß getaucht haben, mit Szenen rund um die Fußball-WM 2006, dem Sommermärchen in Deutschland, und später entstandenen Szenen. Sie ersparen dem Zuschauer den Kommentar und blenden bei Erklärungsnotstand gelegentlich Schrifttafeln ein - etwas zu sparsam, denn vor allem Fußball-Laien werden lange brauchen, um die Zusammenhänge zu verstehen.
«Ein Jugendtrainer hat mal gesagt: der Fußball ist ein Bild der Gesellschaft», sagt Filmemacher Hübner im Interview mit 3sat. «Leistung, Ellenbogen einsetzen, Sieg und Niederlage, Aufstieg und Abstieg - all das findet man im Fußball in konzentrierter Form. Dabei kann der Dokumentarfilm besser als jede andere Kunstform zeigen, wie Menschen sich entwickeln, wie sie erwachsen werden.»
HalbZeit, Sonntag, 31. Juli 2011, 21.40 Uhr bei 3sat
phs/ruk/news.de/dpa