Von news.de-Volontärin Juliane Ziegengeist
Er ist ein alternder Literaturprofessor, sie eine kubanische Schönheit Mitte 20: Ben Kingsley und Penélope Cruz spielen in Elegy oder die Kunst zu lieben ein Paar, wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Im Ersten wird es heute Abend schwermütig und freizügig.
Jedes Semester eine neue Flamme: Der renommierte Literaturprofessor David Kepesh (Ben Kingsley) lässt nichts anbrennen. Mit seiner versierten, belesenen Art wickelt er Jahr um Jahr neue blutjunge Studentinnen um den Finger. Unverfängliche Affären, bloß keine festen Bindungen, denn Kepesh liebt nichts und niemanden mehr als seine Unabhängigkeit. Als jedoch die kubanischstämmige Studentin Consuela Castillo (Penélope Cruz) eine seiner Vorlesungen besucht, versteht sich Kepesh bald selbst nicht mehr.
Zunächst nur von ihrer reinen Schönheit betört, entwickelt der Professor Gefühle für die 30 Jahre jüngere Frau, und zwar mir allem, was dazugehört: Eifersucht, Kontrolle, Vorwürfe. Der Film Elegy oder die Kunst zu lieben, den Das Erste heute Abend in seiner Sommerkino-Reihe zeigt, entfaltet diese Emotionen in einem ruhigen Liebesdrama mit Starbesetzung. Ben Kingsley ist dank seiner Aura prädestiniert für die Rolle des charismatischen Casanovas, der sich im Alter durch seine zahlreichen Affären einen Kick verschafft, bis ihm die Richtige begegnet. Penélope Cruz mimt diese mit «eleganter Ernsthaftigkeit», die Kepesh selbst der jungen Consuela im Film attestiert.
Getragen wird er von Emotionen, die jeder von uns kennt: Wir schwärmen, verlieben uns, lieben, haben Angst, dem anderen nicht genug zu sein, ihn zu verlieren. Dieses Wachsen und häufige Scheitern der Gefühle zieht sich - begleitet von Klavier- und Opernklängen - wie ein roter Faden durch das Leben der Figuren. Vor allem Kepesh, der kein Liebes-, sondern ein Sexleben führt und für den Zuneigung etwas rein Körperliches ist, muss feststellen, dass auch er vor dem Liebeskarussell nicht gefeit ist. Vor seinem geistigen Augen sieht er Consuela schon in den Armen eines Jüngeren. Der Gedanke zerfrisst ihn.
Sein Stolz bricht ihr das Herz
Damit gibt die spanische Regisseurin Isabel Coixet dem Protagonisten aus Philip Roths Erfolgsroman Das sterbende Tier ein allzu menschliches Gesicht, der als Erzähler zusätzliche Einblicke in sein Seelenleben gewährt. So hinterfragt und kommentiert Kepesh sein Handeln im Off immer wieder selbst, als ob er sich von außen beobachten könnte. Bereits mit Mein Leben ohne mich und Das geheime Leben der Worte bewies Coixet ihr Talent für Dramen mit Tiefgang. Auch in Elegy oder die Kunst zu lieben ist es ihr trotz vieler offenherziger Dialoge und nackter Haut gelungen, ein einfühlsames, kammerspielartiges Drama zu inszenieren, ohne die Kamera unangenehm draufzuhalten, aber auch ohne wegzuschauen.
Das gelingt ihr bis hin zu den Nebencharakteren, die mit Dennis Hopper als bester Freund George O'Hearn und Patricia Clarkson nicht minder prominent besetzt sind. Sie spielt Kepeshs langjährige Bettgespielin Carolyn, die erbost reagiert, als sie erfährt, dass er noch mit anderen Frauen schläft. Doch für den alternden Professor ist Carolyn eine wichtige Stütze: Sie bringt Konstanz in sein Leben und gibt ihm das Gefühl, sich für sein Alter nicht schämen zu müssen, ist sie doch selbst schon in ihren Fünzigern.
Consuela hingegen erinnert ihn immer wieder an sein Alter, auch wenn sie selbst betont, dass das überhaupt keine Rolle spiele. Für Kepesh aber ist es wie mit 20-Jährigen Fußball zu spielen: «den Unterschied merkst du mit jedem Schuss». Und so verwehrt er der jungen Studentin ihren größten Wunsch und bleibt einer Abschlussfeier im Familienkreis fern. Zu groß ist die Angst vor verachtenden Blicken. Es vergehen zwei unglückliche Jahre, bis sich Kepesh und Consuela wiedersehen. Die unerklärliche Anziehung zwischen beiden ist noch immer da. Und sie bleibt es selbst dann, wenn Consuelas Schönheit aufgrund eines Schicksalsschlages vergeht. Dieser erleichtert schließlich auch Kepesh den längst überfälligen Schritt vom Liebhaber zum Partner.
Bestes Zitat: «Ich rede und rede und rede, aber eigentlich will ich sie vögeln.» (Kepesh in Gedanken, als er mit Consuela flirtet)
Titel: Elegy oder die Kunst zu lieben
Regie: Isabel Coixet
Darsteller: Penélope Cruz, Ben Kingsley, Dennis Hopper, Patricia Clarkson
Sendetermin: Donnerstag, 28. Juli 2011, 22.45 Uhr, Das Erste