So., 27.05.12

Bomben-«Polizeiruf» 26.07.2011 Zu scharf für die Primetime

Polizeiruf 110 (Foto)
Szene aus dem neuen Münchner Polizeiruf: Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt, rechts) steht dem sterbenden Attentäter (Sebastian Urzendowski) bei. Bild: BR/Bella Halben

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Aus Gründen des Jugendschutzes soll eine Münchner Polizeiruf-Episode erst ab 22 Uhr gesendet werden. Sie enthalte zu viele schreckliche Bilder, heißt es. Die Entscheidung wirkt wie eine Zensur und ist nicht nachvollziehbar. News.de hat die Folge gesehen.

Textbasar beta Bomben-«Polizeiruf» Zu scharf für die Primetime Ich will diesen Text kostenlos für meine Webseite

In München explodiert eine Bombe, gezündet von einem religiös motivierten Attentäter in einem Tunnel vor dem Fußballstadion. Gerade ist ein Spiel zu Ende gegangen und entsprechend viele Leute sind unterwegs. Die Zahl der Opfer? Unüberschaubar. Hauptkommissar Hanns von Meuffels ist einer der wenigen, die überlebt haben.

Die Szene, so realitätsnah sie scheint, ist gespielt. Sie stammt aus der Münchner Polizeiruf-Folge Denn sie wissen nicht, was sie tun, die am 25. September gesendet werden sollte. Doch nun wankt dieser Termin: Die Ausstrahlung zur üblichen Polizeiruf-Zeit um 20.15 Uhr ist ausgeschlossen, sogar ein anderer Tag steht zur Debatte.

Denn der Bayerische Rundfunk (BR) müsse die Folge «aus Gründen des Jugendschutzes» verschieben, heißt es in einer Erklärung. Fernsehdirektor Professort Gerhard Fuchs handele auf die «dringende Empfehlung der Jugendschutzbeauftragten des BR, Dr. Sabine Mader», erklärt der Sender auf seiner Homepage. Diese habe von einer Freigabe ab zwölf Jahren abgeraten.

Entspannende Momente fehlen

Was ist im Polizeiruf so drastisch dargestellt, dass die Jugend unter 16 Jahren geschützt werden und der Sendetermin verschoben werden muss? Der news.de-Filmredaktion liegt die Polizeiruf-Folge vor - die Einwände sind nicht nachvollziehbar. Sicher: In der Folge wird ein Bombenattentat dargestellt, aber der Beitrag enthält nicht mehr brutale oder blutige Bilder als die bisherigen Polizeiruf- oder Tatort-Folgen.

Mader wird zitiert: «Der Anschlag des Selbstmordattentäters, die Tunnelszenen und die Szenen vor dem Tunnel sind für die jugendschutzrechtliche Bewertung die wesentlichen Szenen. Die Vielzahl der schrecklichen Bilder nach dem Selbstmordattentat im Tunnel und die durchgängig gehaltene Spannung, durch die Angst vor einem weiteren Attentat, sind für Kinder als problematisch anzusehen.» Entspannende Momente, die für einen 20-Uhr-Krimi typisch seien und einer emotionalen Überreizung und Ängstigung von Kindern und Jugendlichen entgegen wirkten, gebe es kaum.

Die Jugendschutzbeauftragte des BR führt weiter aus, dass bei einer Altersgruppe unter 14 Jahren das «Risiko einer nachhaltigen Angststeuerung» bestehe. Diesen Bedenken hat sich auch Fernsehdirektor Fuchs angeschlossen und entschieden, vom regulären Sendetermin um 20.15 Uhr - hier Altersfreigabe ab zwölf Jahren - abzuweichen. Fuchs betont, dass der Polizeiruf zwar «packend» und «außergewöhnlich» sei. «Dennoch muss man den Bedenken des Jugendschutzes Rechnung tragen. Eine Verschiebung der Sendezeit ist keine Zensur. Es handelt sich um eine Entscheidung zum Schutz von Kindern. Ein späterer Sendetermin wird beidem gerecht, der Freiheit der Kunst und dem Jugendschutz.»

Eine Klatsche für Regisseur und Schauspieler

Regisseur Hans Steinbichler und Schauspieler Matthias Brandt dürften dies als Klatsche empfinden. Steinbichler (zuletzt war von ihm das Familiendrama Das Blaue vom Himmel mit Juliane Köhler und Hannelore Elsner im Kino zu sehen) sagt laut sueddeutsche.de, er sei sprachlos. Brandt, der am 21. August seinen Einstand als neuer Münchner Polizeiruf-Ermittler Hanns von Meuffels gibt, teilt mit: «Mir war nicht bekannt, dass ich mit dem Auftrag arbeite, ein positives Staatsbild zu zeigen. Ich bin nicht staatsfeindlich eingestellt, und der Film ist es natürlich auch nicht, aber das kann nicht der Auftrag künstlerischer Arbeit sein.»

Für die Jugendschutzbeauftragte des BR ist auch die Botschaft des Films maßgeblich für ihre Entscheidung: In der Polizeiruf-Folge versage der Staat komplett, er kaschiere sogar Fehler. Die Polizei habe die Sache offensichtlich nicht im Griff und es gäbe keine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse, so Mader.

Diese Kriterien sind jedoch nicht im Katalog zum Jugendmedienschutz enthalten, an den sich die Jugendschutzbeauftragte orientiert. Dort sind unter anderem aufgelistet: «Verletzungen» (beispielsweise Tötungsszenen, offene Wunden, zerquetschte Unfallopfer), «bedrohliche Situationen» (wimmernde Opfer, ängstliche Schreie), «Körper, die in einer inhumanen und abnormalen Weise dargestellt werden», «explizite Gewaltausübung und Kriegshandlungen» und «psychische Extremsituationen» (Mobbing, Inzestschwangerschaft, Geiselnahme).

Täglich Gewalt auf dem Bildschirm

Das meiste davon flimmert tagtäglich über unsere Bildschirme und niemand regt sich darüber auf. Und wenn realitätsnahe und intensive Bilder ein Vergehen sind, müsste nahezu jeder Tatort indiziert sein. Außerdem: Wird nicht nicht täglich in Staat und Gesellschaft kaschiert und gedroht und muss man sich als öffentlich-rechtliches Programm nicht damit auch zur besten Sendezeit beschäftigen?

Man kann den beanstandeten Kriminalfilm ja schlecht finden, seine Ästhetik der dunklen Bilder und seine Klischees. Für die Jugendschutzbeauftragte ist auch die inszenierte Wirklichkeitsnähe offenbar 20.15-Uhr-unzulässig. «Durch die realitätsnahe Darstellung mit intensiven Bildern (Dunkelheit, Rauch, Schreie, Tote, verletzte Menschen, denen Körperteile durch die Explosion amputiert wurden)» könne «starke Angst herbeigeführt werden». Die «Allianz-Arena und auch der Fußgängertunnel sind reale Orte, die ähnlich in jeder Stadt vorstellbar sind».

Die zuständige Redakteurin Cornelia Ackers erklärt im Presseheft zum Polizeiruf auf die Frage, ob solche Filme die Angst vor Attentaten schüren können: «Wenn man das glaubt, dann dürfte man keine Filme über vergiftete Lebensmittel, über Wirtschaftskrisen oder Flugzeugentführungen machen. Das Thema ist ein Bestandteil unseres Lebens und nicht unsere Erfindung.»

mik/news.de/dapd
Leserkommentare (9) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Ptaysanwee
  • Kommentar 9
  • 28.07.2011 15:24
 

Warum soll den Kids die Wirklichkeit schön geredet werden? Sie dürfen auf keinen Fall sehen, was passieren könnte. Heute ist keiner mehr davor gefeit, ein derartiges Scenario in Wirklichkeit zu erleben, so traurig es ist. Hier sind die Eltern gefordert, darüber zu sprechen und die Kids werden im Fall des Falles nicht hirn- und planlos durch die Gegend laufen. Vielleicht entschließt sich der eine oder andere auch zu einem Erste-Hilfe-Kurs, der etwas umfassender ist, als der, der für den Führerschein nötig ist.

jetzt antwortenKommentar melden
  • Lothar
  • Kommentar 8
  • 26.07.2011 19:47
 

Die Entscheidung ist absolut nicht nachvollziebar, denn die Sendezeit für Krimis um 20.15 Uhr halte ich persönlich für völlig ausreichend. Denn was schauen sich denn die Jugendliche nicht alles im Internet an oder Berichterstattungen von Gewalt und Krieg in der Tagesschau oder auch Berichterstattungen in Krisengebieten vom Stern. Auch sollte es ganz unabhängig von der Sendezeit, die Aufgabe der Eltern sein, zu entscheiden welche Sendungen die eigenen Kinder sich ansehen oder eben auch zusammen mit den Eltern. Damit man dann anschließend noch gemeinsam darüber sprechen kann.

jetzt antwortenKommentar melden
  • Hans Christian Berchtold
  • Kommentar 7
  • 26.07.2011 17:50
 

Wenn ich das höre o. lese, zu brutal für die Kids. Wer sich Gewaltvideos u Gewaltspiele kauft o. ansieht, -die wenigsten Eltern behaupte ich mal, wissen nicht, was ihre Boys u. Girl gerade im K,-zimmer machen o. sehen.Man kann die Welt nicht besser machen, wenn man zeitgemäße Filme von 20:15 auf 22:00 verlegt.Es ist Heuchelei oder Naivität. Denn, und das behaupte ich auch noch, nichts kann die Kids heute noch erschüttern, wenn es im TV kommt.

jetzt antwortenKommentar melden
  • calahan
  • Kommentar 6
  • 26.07.2011 14:24
 

es ist noch grausamer, jeden tag unsere scheiß politiker im TV zu sehen

jetzt antwortenKommentar melden
  • Wolle
  • Kommentar 5
  • 26.07.2011 13:57
 

Es gibt zu viel Gewalt, Mord und Terror im Fernsehen!! Oder ist Rainer Breivik ein Künstler?

jetzt antwortenKommentar melden
  • fere
  • Kommentar 4
  • 26.07.2011 13:34
 

ich schließe mich pasacondor an. Wer braucht all diese grausamen Bilder, die allzu gerne Vorbilder werden? Ich finde es auch eher eine Zumutung, all die Schrecken in allen Programmen zu zeigen, statt diese rauszunehmen. Schön dass hier einmal nicht die Einschaltquote das Maß der Dinge war.

jetzt antwortenKommentar melden
  • pasacondor
  • Kommentar 3
  • 26.07.2011 13:09
 

Gott sei dank wird endlich einmal gehandelt. Der Hinweis, es würde viellerlei in dieser Art gesendet und niemand rege sich auf, muss eher zum Handeln führen als zum passiven Akzeptieren. Was zwischen mancher Werbepause am Tage an grausigen Hinweisen auf spätere Filme gesendet wird, lässt mich schaudern. In welcher abgstumpften Gesellschaft lebe ich, wenn das alles O.K. sein soll. Vielleicht kümmert sich deshalb kaum jemand um die Grausamkeit nebenan und viele schauen Weg, wenn da etwas passiert. Danke Frau Jugendschutzbeauftragte, danke Bayrischer Rundfunk.

jetzt antwortenKommentar melden
  • Hartmuth Möhse
  • Kommentar 2
  • 26.07.2011 12:57
 

Da kann man es einmal wieder sehen! Von den Zwangsgeldern der Zuschauer leben und die dann auch noch mit seinem eigenen, verqueren Weltbild gängeln. Solche "Herren" gehören aus dem öffentlich, rechtlichen Fernsehn abgeschafft! Es ist eine Schande diese Bevormundungsversuche von weltfremden Fernsehbonzen so hinnehmen zu müsen ohne etwas dagegen unternehmen zu können! Hinweis gem. EU-Verordnung 08-15: Wer Rechtschreibfehler finet, darf dise ohne Avis für sich behalten! :-D

jetzt antwortenKommentar melden
  • katalina k
  • Kommentar 1
  • 26.07.2011 12:33
 

Seltsam. Durchaus aber möglich ist der wahre Grund, den der Schauspieler Brandt vermutet. Künstler haben oft ein besonderes Gespür für diese Dinge... Es ist einfach lächerlich, wegen den geschilderten Szenen, wie sie ständig über den Bildschirm flimmern, den Jugendschutz zu zitieren. Dann wünsche ich prinzipiell so eine Auslese im Programm. Ansonsten ist in dem Fall für mich das JSG nur Mittel zum Zweck.

jetzt antwortenKommentar melden
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Kommentar  
Ihr Name
Ihre Emailadresse
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'

Bomben-«Polizeiruf»: Zu scharf für die Primetime » Medien » Nachrichten

URL : http://www.news.de/medien/855205681/zu-scharf-fuer-die-primetime/1/

Schlagworte:

Allianz-Arena , Altersgruppe , Angst , Anschlag , Arbeit , Ästhetik , Attentat , Attentaten , Attentäter , Auftrag , Bayerische , Bedenken , Bestandteil , Bewertung , Bilder , Bildern , Bildschirme , Blaue , Bombe , Böse , Botschaft , BR , Brandt , Brutale , Claudia Enkelmann , Claudia Garde , Claudia Hauschild , Claudia Häusler , Claudia Hellmers , Claudia Lux , Claudia Rath , Claudia Tambussi , Darstellung , Dunkelheit , Einstand , Einwände , Empfehlung , Entscheidung , Erfindung , Erklärung , Ermittler , Explosion , Familiendrama , Fehler , Fernsehdirektor , Film , Filme , Films , Folge , Frage , Freigabe , Freiheit , Fuchs , Fußballstadion , Geiselnahme , Gerade , Gerhard Altenbourg , Gerhard Kraiker , Gerhard Roth , Gerhard Weber , Gesellschaft , Griff , Gründen , Gut , Hannelore Weber , Hans Apel , Hans Diers , Hans Haslreiter , Hans Lechner , Hans Meiser , Hans Reckers , Hans Sachs , Hans Sarpei , Hans Steinbichler , Hans Well , Hans Wintersteller , Hauptkommissar , Himmel , Homepage , Jahren , Jugend , Jugendlichen , Jugendmedienschutz , Jugendschutz , Jugendschutzes , Juliane Köhler , Juliane Pfeiffer , Juliane Rumpf , Katalog , Kinder , Kindern , Kino , Klatsche , Klischees , Köhler , Körper , Körperteile , Kriterien , Kunst , Lebens , Lebensmittel , Leute , Mader , Maler Hans , Matthias Brandt , Menschen , Meuffels , Mobbing , Momente , München , Münchner , Opfer , Orte , Polizei , Polizeiruf , Presseheft , Programm , Rauch , Rechnung , Redakteurin , Risiko , Rundfunk , Sabine Bieber , Sabine Eckert , Sabine Karkó , Sabine LisickiTwitter-Account , Sabine Vogelsang , Sabine Zimmermann , Sache , Sarah Brandt , Schauspieler , Schreckliche , Schrecklichen , Schreie , Schutz , Selbstmordattentat , Sender , Sendetermin , Sendezeit , September , Situationen , Spannung , Spiel , Staat , Stadt , Steinbichler , Szene , Szenen , Tag , Tatort , Thema , Tote , Tunnel , Überreizung , Uhr , Unfallopfer , Unterscheidung , Vergehen , Vergiftete , Verletzte , Verletzungen , Verschiebung , Verschoben , Vielzahl , Weise , Wirtschaftskrisen , Wunden , Zahl , Zech Juliane , Zensur ,
Wir empfehlen
Anzeige
Facebook
Twitterbox
Follow Us!
Anzeige