So., 27.05.12

Polit-Dokus 26.07.2011 Wahlverlierer gegen Menschenfänger

Sozialdemokratie (Foto)
Alt-Kanzler Gerhard Schröder. Bild: WDR/HMR Produktion

Sozialdemokratische Stehaufmännchen und rechtskonservative Aufwiegler: Zwei sehenswerte Dokumentation widmen sich mit ganz unterschiedlichen Mitteln linken deutschen Politikern und rechten amerikanischen Menschenfängern.

SPD-Chef Sigmar Gabriel findet es mutig, einen 90-Minuten-Film nur über eine Partei zu drehen. Genau diesen Mut besitzt Regisseur Lutz Hachmeister, der für andere Dokumentationen schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Sein Porträt Sozialdemokraten - 18 Monate unter Genossen läuft am Abend im Ersten. Es zeigt Parteimitglieder und Polit-Promis in ihrem Alltagsjob, wie sie die eigene Truppe motivieren, in kleinen Runden politische Ziele festzurren, feiern und Interviews geben.

«Ich war überrascht, dass sich SPD-Spitze und Parteimanagement offenbar sehr gut mit Talkshows und Kurzinterviews auskannten, aber überhaupt nicht wussten, wie ein Dokumentarfilm funktioniert», berichtet Hachmeister (51) von den Dreharbeiten. «Es waren also gar keine ausgepichten ‹Medienprofis›, die wir beobachtet haben - und das sieht man dem Film auch an.»

Der Fernsehmacher folgte Gabriel (51) zum Beispiel zu einem Kartoffelfest und zu einem niedersächsischen Sozialverband. Hachmeister gelingen eindrucksvolle Aufnahmen von Momenten vor und nach dem großen Auftritt, von kleinen Gesten, die mehr zeigen, als jeder Kommentar es könnte. Die Bilder wirken ehrlich, die Kamera wird benutzt, um die Menschen aus nächster Nähe zu zeigen, ohne sie bloßzustellen.

Aufbruchstimmung von ganz unten

Der Film setzt ein nach der Schlappe bei der Bundestagswahl im September 2009, als die SPD einen Negativ-Rekord verkraften musste. Beim Dresdener Parteitag im November kann der neue Parteichef Gabriel dann Aufbruchstimmung verbreiten. Es folgen Aufs und Abs. Viele SPD-Führungsleute wie Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Andrea Nahles, Ex-Kanzler Gerhard Schröder sowie der ausgetretene Wolfgang Clement kommen zu Wort.

Am Ende bleibt die zentrale Frage, wie die SPD auf lange Sicht wieder attraktiv werden kann, offen im Raum stehen. Hachmeister selbst meint im Rückblick auf seine Zeit mit den Genossen: «Vereinsmeierei gibt es in jeder Partei, aber die SPD müht sich besonders mit ihrer 150-jährigen Geschichte ab. Da werden politische Talente schon sehr abgeschliffen, bevor man sie ins Schaufenster stellt.»

Viele Tausend Kilometer entfernt in den USA und am anderen Ende des politischen Spektrums ist derweil ein durchweg anders gelagertes Phänomen zu beobachten: Die radikale Tea-Party-Bewegung kann ihre Anhänger mobilisieren wie kaum eine andere Organisation in den USA. Führende Köpfe wehren sich gegen den Vorwurf, der Protest gegen US-Präsident Barack Obama werde von ein paar Superreichen finanziert. Sie verkaufen die Tea-Party lieber als spontanen Zusammenschluss besorgter US-Bürger. Der australische Filmemacher Taki Oldham reiste vier Wochen lang durch die USA, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Klimaerwärmung als Propaganda der Linken

Entstanden ist ein aufschlussreicher Dokumentarfilm über die Kräfte hinter der rechtspopulistischen Initiative. Die Erstausstrahlung von Die Tea-Party-Bewegung zeigt der Informationskanal Phoenix am Abend. Wer Infos über die Tea-Party-Ikone Sarah Palin erwartet, wird allerdings enttäuscht. Stattdessen gibt es Einblicke in die Propaganda-Wirkung der hasserfüllten Hetzreden gegen Obama und seine Politik.

«Er ist ein Kommunist, er ist ein Rassist, er ist schlimmer als Hitler», schreit eine Anhängerin ins Mikrofon. Obama wolle alle Weißen zerstören. Wer auf den Demonstrationen der Tea-Party auftaucht, glaubt vor allem für eines zu kämpfen: Freiheit - oder was der Einzelne dafür hält. In Wahrheit, so die Argumentation des Films, lassen sich die Demonstranten von der Industrie für deren Zwecke instrumentalisieren.

Die Klimaerwärmung wird auf den Veranstaltungen als Verschwörungstheorie der Linken beschimpft, denen es lediglich um mehr Kontrolle gehe. Die Bewegung und ihre Hintermänner appellieren an das Individualismus-Bedürfnis der amerikanischen Mittelschicht - und packen sie somit dort, wo sie am empfänglichsten ist. Die Doku braucht nicht zu kommentieren, um die Parolen der Marktschreier als hochexplosive Mischung aus Rassismus und falsch verstandenem Liberalismus zu entlarven.

Die Tea-Party-Bewegung, Dienstag, 26. Juli 2011, 22.15 Uhr, Phoenix

Sozialdemokraten - 18 Monate unter Genossen, Dienstag, 26. Juli 2011, 22.45 Uhr, Das Erste

ruk/rut/news.de/dpa
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