Von news.de-Redakteur Cord Krüger
Dr. House und die TV-Ermittler vom CSI haben einen gemeinsamen Vorfahr: Sherlock Holmes. Die BBC hat den Meisterdetektiv für das 21. Jahrhundert neu aufgelegt. Das Erste strahlt die drei brillianten Rätselkrimis jeweils sonntags aus. Los geht es mit Ein Fall von Pink.
Football's coming home. Als 1996 die Fußball-Europameisterschaft in England ausgetragen wurde, warf sich eine ganze Nation mit Inbrunst in die Rolle als Mutterland der beliebtesten Sportart der Welt. Doch das Inselreich hat nicht nur den Fußball populär gemacht, sondern auch das Genre der Detektiv-Erzählungen. Ein ähnlich pathosumwehtes Unterfangen wie die EM ist es also für die BBC, Holmes und Watson zurück ins Fernsehen zu bringen - und ins London des 21. Jahrhunderts gleich dazu.
Denn der Meisterdetektiv hat es weit gebracht seit seinem ersten Auftritt in Eine Studie in Scharlachrot im Jahr 1888. Auch wenn seine Erben nicht mehr wie weiland Basil Rathbone im Tweedmantel durchs Hochmoor staksen, hat sich sonst überraschend wenig geändert. Ob Monk, Cal Lightman (Lie To Me), Patrick Jane (The Mentalist) oder Dr. House: Alle sind sie
Variationen des verschrobenen Genies aus der Baker Street 221b. (Der menschenfeindliche Arzt hat sogar die gleiche Hausnummer wie sein viktorianischer Vorfahr.) Die neuen Fernsehdetektive halten den von Arthur Conan Doyle kreierten Ermittlertyp in der gegenwärtigen Popkultur aktuell.
Die BBC belebt nun das Original wieder. Ein Fall von Pink orientiert sich eng am ersten literarischen Abenteuer des Meisterdetektivs. Afghanistanveteran Dr. John Watson (Martin Freeman) hat mit einem Trauma zu kämpfen und zieht mit einem gewissen Sherlock Holmes (Benedict Chumberbatch) zusammen. Der kauzige Schlacks mit der beängstigenden Kombinationsgabe berät die Polizei, die seine Hilfe aber eher zähneknirschend annimmt. Eine Serie mysteriöser Selbstmorde weckt Holmes' Interesse. Seinen neuen Mitbewohner schleppt er kurzerhand mit zum jüngsten Tatort. Dort findet sich neben einer Geschäftsreisenden, die sich selbst vergiftete, ein Wort, auf deutsch in die Bodendielen geritzt: «Rache».
Topmodern, aber im Geist des Originals
In der Adaption von Steven Moffat (Die Abenteuer von Tim und Struppi) schreibt Watson statt eines Tagebuchs ein Blog und SMS ersetzen Telegramme und Zeitungsannoncen. Ein inszenatorisch genialer Schachzug ist es, diese en masse verwendeten Kurznachrichten als Text im Bild einzublenden. In Tempo und Stil bewegt sich Sherlock so auf der Höhe der Zeit. Und atmet trotzdem den Geist der alten Geschichten. Anders als
Guy Ritchies Hollywood-Version biegt die BBC ihre Vorlage nicht zum Actionabenteuer um. Unter Paul McGuigans Regie steht das morbide Vergnügen an kriminologischen Rätseln im Vordergrund. Und wie gut die Neuinterpretation der über 120 Jahre alten Studie in Scharlachrot funktioniert, ist verblüffend.
Chumberbatchs Holmes wirkt dabei anfangs etwas überladen: exzentrisch, genial, anstrengend, ungeduldig, taktlos und sehr, sehr arrogant. Dieser Eindruck rührt daher, dass sich die Fernsehnachkommen des Detektivs meist auf wenige Eigenschaften im charakterlichen Spektrum ihres Vorbilds konzentrierten. Und so wird nach und nach klar: Holmes ist nicht überfrachtet. Er ist faszinierend komplex.
Und Martin Freeman gibt seinen Kompagnon glücklicherweise nicht als gemütlichen Einfaltspinsel. Wie in der Vorlage bremst er Holmes immer wieder mal ein und stellt seine sozialen wie medizinischen Kompetenzen in den Dienst des Falles. Durch den Schatten eines Kriegstraumas, der über seinem Gemüt liegt, wird Dr. Watson zu einer Ermittlerfigur eigenen Rechts. Er ist nicht langweilig. Watson ist wohltuend normal.
Unerhört unterhaltsames Kriminalszenario
Mit seinen beiden ungleichen Helden verbindet Sherlock auch zwei Arten von Krimis miteinander - die temporeichen, plakativen und alttestamentarisch drastischen aus den USA und die eher getragenen, sozialpolitisch interessierten sowie versöhnlichen aus Europa. Das gewagte Unterfangen glückt: Chumberbatch und Freeman brillieren in einem ausgefuchsten, unerhört unterhaltsamen Kriminalszenario - stimmungsvoll fotografiert, düster, aber mit wohldosiertem Humor versehen.
Wenn es überhaupt etwas auszusetzen gibt an Sherlock , dann, dass sich kein wirkliches Gefühl der Gefahr einstellen will. Der amerikanische und der europäische Stil treffen sich eben lediglich auf einem Spielfeld. Dort brennt das englische Fernsehen allerdings ein Feuerwerk ab,
von dem die Three Lions noch nicht einmal zu träumen wagen. Sherlock's Coming Home. Diesmal ist das Pathos berechtigt.
Bestes Zitat: «Wissen Sie, wieso er das hier macht? Weil es ihm gefällt. Es turnt ihn an. Und eines Tages wird ihm das nicht mehr reichen. Dann haben wir eine Leiche und Sherlock Holmes wird dafür verantwortlich sein. Er ist ein Psychopath. Und die langweilen sich schnell.» (Sergeant Donovan zu Watson)
Titel: Sherlock Holmes - Eine Fall von Pink
Regie: Paul McGuigan
Darsteller: Benedict Chumberbatch, Martin Freeman, Una Stubbs, Louise Brealey, Mark Gattis
Sendetermin: Sonntag, 24. Juli 2011, 21.45 Uhr im Ersten.
Das Erste zeigt Der blinde Banker und Das große Spiel an den darauffolgenden Sonntagen, jeweils um 21.45 Uhr.