Bei deutschen Zeitungen stehen die Zeichen auf Streik. Seit Monaten verhandeln Gewerkschaften und Verleger über einen neuen Tarifvertrag. Die Journalisten wollen vier Prozent mehr Gehalt, die Verleger verweisen auf die wirtschaftliche Lage ihrer Blätter.
In Baden-Württemberg votierte eine große Mehrheit der Redakteure für unbefristete Arbeitsniederlegungen, in anderen Bundesländern sind für die kommenden Tage ebenfalls Urabstimmungen geplant. Seit Monaten verhandeln Gewerkschaften und Verleger über einen neuen Tarifvertrag. Hauptstreitpunkte sind neue Gehaltstarife für Berufsanfänger und die Kürzung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld, die die Arbeitgeber fordern. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und Verdi lehnen dies ab und wollen für die 14.000 Redakteurinnen und Redakteure Einkommensverbesserungen von vier Prozent durchsetzen.
Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) verlangt dagegen Abstriche bei den Einkommen und verweist auf die schwierige finanzielle Lage der Blätter. Am Dienstag hatte der Verlegerverband in Aussicht gestellt, auf abgespeckte Einstiegsgehälter zu verzichten, wenn die Gewerkschaften im Gegenzug einer Verschmelzung von Urlaubsgeld und Jahresleistung auf ein Monatsgehalt zustimmen - derzeit belaufen sich diese Zahlungen auf 1,75 Monatsgehälter. DJV-Sprecher Hendrik Zörner sagte, über diese neuen Vorschläge müsse am Verhandlungstisch gesprochen werden. Ein Termin für neue Gespräche steht derzeit aber nicht fest.
In Nordrhein-Westfalen leiteten DJV und Verdi am Mittwoch zweitägige Urabstimmungen für unbefristete Streiks ein. Gleichzeitig riefen sie zu Warnstreiks bei 37 Zeitungstiteln bis einschließlich Sonntag auf. Für einen Streik auf Länderebene müssen beim DJV zwei Drittel, bei Verdi drei Viertel der Mitglieder stimmen. In der kommenden Woche soll auch in Bremen und Bayern abgestimmt werden.
Protest gegen «Billig-Journalismus»
Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi stimmten im Südwesten 98 Prozent der zur Urabstimmung aufgerufenen Journalisten aus 20 Redaktionen für den Arbeitskampf. «Das eindeutige Votum unserer Mitglieder spiegelt die Stimmung, die wir in den letzten Wochen in den Redaktionen erlebt haben, wider», teilte Verdi-Fachbereichsleiterin Annegret Kaiser in Stuttgart mit. «Mit uns wird es keinen Billig-Journalismus geben.»
Die Verleger reagierten mit großem Befremden auf den angekündigten Streik. «Die andere Seite will offenkundig den Showdown», sagte der Geschäftsführer des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger (VSZV), Stephan Bourauel. Der Weg, den die Gewerkschaften beschritten, sei nicht lösungsorientiert, sondern angesichts der schwierigen Lage vieler Zeitungsverlage unverhältnismäßig. «Der Flächentarif wird uns um die Ohren fliegen», sagte Bourauel. «Der eigentliche Gegner sind nicht die Tarifpartner, sondern Google, Facebook und Co.»
Wie schon in den Tagen zuvor waren auch am Mittwoch wieder mehrere Zeitungen in Baden-Württemberg wegen des Warnstreiks mit deutlich geringerem Umfang erschienen. Im Jahr 2004 hatte ein Streik Redaktionen rund drei Wochen lahmgelegt, die Zeitungen erschienen in abgespeckter Form. Der Arbeitskampf endete damals mit einem Tarifabschluss.
juz/kra/news.de/dpa