So., 27.05.12

ZDF-Dokufiction 19.07.2011 Die Mine schreit

Grubenunglück Chile  (Foto)
Schichtleiter Luis Urzúa blickt in eine an der Sonde befestigte Kamera. Bild: ZDF

Von news.de-Volontär Ayke Süthoff

70 Tage waren die chilenischen Bergmänner, die als «die 33» weltberühmt wurden, in der Tiefe gefangen. Die Bilder ihrer Rettung gingen um die Welt. Nun zeichnet eine gelungene Doku-Fiction im ZDF die dramatische Geschichte nach.

Grubenunglück in Chile
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Der Film An einem Tag in Chile beginnt mit einer rasanten Kamerafahrt in die Tiefe des chilenischen Bergwerks. «Das ist so, als ob man in einen Aufzug steigt», hört man Mario Goméz' Stimme aus dem Off sagen. «Nur enger.» Goméz ist der älteste der 33 Kumpel, die im vergangenen Oktober aus einem verschütteten Schacht einer chilenischen Mine gerettet wurden. Das Grubenunglück, die bangen 70 Tage, schließlich die Rettung - Ereignisse, die in der ganzen Welt verfolgt wurden.

In der vergangene Woche startete das ZDF eine neue Reihe für den Dienstagabend - Doku-Fiction nennt der Sender die drei Filme, die aus dokumentarischen und fiktiven Szenen bestehen. In der ersten Ausgabe ging es um die Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg. Ganze 90 Minuten machte das ZDF ab 20.15 Uhr für den Film Todesfalle Loveparade frei - eine Entscheidung, die sich nicht gelohnt hat. Nur 1,4 Millionen Zuschauer wollten die Doku-Fiction sehen, «ein Quotendesaster», sagte einer der Beteiligten news.de.

Vorteil Happy End

Nun soll es mit den Bergleuten aus Chile besser gehen. Vorteil ist, dass die Geschichte in Chile gut ausging. Ein Happy End ist für die Zuschauer verlockender als die Bilder von sterbenden Menschen in einer Massenpanik.

Die Quotenanalysen der letzten Woche haben ergeben, dass ungewöhnlich viele junge Zuschauer die Loveparade-Dokumentation gesehen haben. Normalerweise erreicht das ZDF auf diesem Sendeplatz größtenteils Zuschauer älter als 50 Jahre. Doch die wollten sich mit der Loveparade und den tödlichen Ereignissen im letzten Jahr vermutlich nicht auseinandersetzen.

Mit der zweiten Ausgabe der Doku-Fiction soll das Stammpublikum nun wieder zurückerobert werden. Und das könnte gelingen. Der Film ist dokumentarisch und wird so dem Anspruch gerecht, die Wirklichkeit zu zeigen. Zugleich ist er aber auch sehr ergreifend. Das liegt nicht nur an den gespielten Szenen, die den Zuschauer spüren lassen, wie es ist, in den erdrückenden Tiefen des Bergwerks eingeschlossen zu sein.

Chiles Kumpel
Der Jubel des Mario Sepúlveda
Video: YouTube

Auch die Originalbilder sind stark, vor allem die der Rettung. «Chi Chi Chi - le le le», rufen die Männer, als sie aus dem Aufzug «Fenix 2» steigen, der aussieht wie eine kleine Rakete. Schmutzige Männer mit der chilenischen Flagge, sonnenbebrillt, umringt von weinenden Frauen und Kindern, vom lachenden Staatspräsident, dazu läuft stimmungsvolle Musik. Herzzerreißender können auch gestellte Szenen nicht sein.

Gut recherchiert und ergreifend

Bei all dem macht der Film den Anschein, sehr gut recherchiert worden zu sein. Viele der 33 Kumpel wurden interviewt, dazu Fachmänner, chilenische Journalisten und Minister. Insbesondere denjenigen, die in der Tiefe gefangen waren, wird viel Platz eingeräumt, ihre Geschichte zu erzählen. So wie Raúl Bustos, der am Tag des Unglücks zum ersten Mal in die Tiefe fuhr. Ängstlich nahm er die Geräusche wahr, die die reibenden Gesteine erzeugten. «Die Mine weint, nennen das die Bergleute», sagt Bustos, «aber sie weinte nicht, sie schrie.»

Die mit Schauspielern nachgestellten Szenen funktionieren sehr gut, sie bringen Leben in die Dokumentation und machen sie vollständiger, denn in der Tiefe der Mine wurde nur wenig gefilmt. Dabei rutscht der Film etwas ins Pathetische ab, was allerdings bei diesem Thema kaum zu vermeiden ist. Spätestens nach der Rettung der Männer war auch im Oktober 2010 jeder noch so nachrichtliche Artikel pathetisch - das Wunder von Chile war einfach zu märchenhaft.

Daher ging die Geschichte auch so schnell um die Welt. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass der ZDF-Film trotzdem so fesselnd und ergreifend ist - schon tausendmal wurde die Geschichte erzählt, jeder weiß längst, wie sie ausgeht. Aber gerade deshalb funktioniert die Mischung aus Dokumentation und Spielfilm so gut: Das ZDF erzählt die Geschichte von innen, zeigt Szenen aus 700 Metern Tiefe.

Chiles Kumpel
Was uns das Grubendrama lehrt
Video: Unitec/news.de

Den dokumentarischen Charakter erschaffen die vielen Interviews, durch die die Doku-Fiction wahrheitsgetreu und realistisch wirkt. Und bewegend: «Einige verloren die Hoffnung. Aber ich habe nie die Hoffnung verloren», sagt Mario Goméz. In der Tiefe sollte er Recht behalten. Heute leidet er an der gefährlichen Lungenkrankheit Silikose und hat noch immer Albträume. Möge er die Hoffnung nie verlieren.

Bestes Zitat: «Es geht uns gut im Schutzraum, allen 33.» (Der Schichtleiter der chilenischen Kumpel gab durch die Sonde Entwarnung nach oben.)

An einem Tag in Chile - Das Wunder von San José, Dienstag, 19. Juli 2011, 20.15 Uhr, ZDF.

boi/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • adolar
  • Kommentar 1
  • 20.07.2011 07:17
 

Auf die Idee, daß dieses dekadente, teilweise doch schon kranke, "Loveparade"-Spektakel eben nicht so viele Bürger interessiert wie diese bescheuerten Mediengestalter und Reeducation-Verantwortlichen gerne hätten, ist scheinbar noch keiner gekommen? Natürlich gibt es überall einen gewissen Bodensatz an destabilisierten Menschen die sich für solche Veranstaltungen instrumentalisieren lassen weil sie auch die Ziele gar nicht erkennen können die dahinterstecken,nämlich die Dekadenzerscheinungen unserer Gesellschaft zur Normalität und die tradierten Lebensweisen zur Krankheit erklären zu wollen!

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