So., 27.05.12

Melt-Festival 18.07.2011 Abgefuckt und glücklich

Von den news.de-Redakteuren Michael Kraft und Sven Wiebeck, Ferropolis

Hochkarätiges Line-Up, stylisches Publikum und außergewöhnliches Ambiente. So präsentierte sich das 14. Melt-Festival in Ferropolis. Mehr als 150 Acts spielten an drei Tagen, mal bei sengender Hitze, mal bei Dauerregen. Mit der finalen Erkenntnis: Bewahrt die exaltierte Rampensau!

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Irgendeine existenzielle Erkenntnis gehört zu jedem Festival wie der obligatorische Ekel vor den Ausdünstungen der Plastiktoiletten am dritten Tag. In den vergangenen Jahren handelte es sich dabei eigentlich stets um dieselbe: Man ist dann doch zu alt für all das. Um eben diese nur wenige Monate später wieder erfolgreich zu hinterfragen. Und sich auf den Weg nach Ferropolis zu machen, zum 14. Melt-Festival. Zum Glück, möchte man sagen. Wären einem doch sonst die vielen kleinen populärkulturellen Innovationen fernab jedweder existenzialistischen Denke verborgen geblieben.

Wie: Keyboards sind die neuen Gitarren. Hinter den Kulissen sind sie das schon lange, und gerade an den ersten beiden Tagen beweist das diesjährige Melt, dass Indie längst nicht nur Rock mit Elektro anreichert, sondern sich das Kräfteverhältnis eher umgekehrt hat. Die Beats und der Entstehungsprozess sind bei Robyn, We Have Band oder The Naked And Famous der elektronischen Musik entnommen. Rock ist ganz oft nur noch ein Anker, ein Gestus.

The Koletzkis repräsentieren diesen Spagat zwischen elektronischer Musik und Rock ebenfalls. «Unsere Lieder sind ja oft sehr elektronisch, aber wir stellen sie mit echten Instrumenten dar. Bei uns gibt es kein Playback, es wird alles im Moment live auf der Bühne erzeugt», sagt Mastermind Oliver Koletzki im Gespräch mit news.de. «Das ist die Intention des Projektes und auch genau der Spirit des Melt-Festivals: diese beiden Musikrichtungen, Indie und Elektro, zusammenzubringen.»

Die Multitasking-Mentalität

Neu ist allerdings, dass sich nun auch das Erscheinungsbild auf der Bühne anzupassen scheint. Everything Everything aus Manchester haben zwar eine fast klassische Rock-Besetzung, aber ganz vorn in der Mitte steht in ihrer Show das Keyboard. Auch The Naked And Famous haben die Tasteninstrumente ins Zentrum ihres Bühnenbilds gerückt - Gitarren spielen hier nur noch am Rande.

Das veränderte Bühnenbild ist auch deshalb möglich, weil fast alle Bands neuerdings Großmeister im Multitasking sind. Gitarrensaiten und Keyboardtasten werden fast gleichzeitig angeschlagen, dazu noch der Loop für den nächsten Part gestartet und gesungen. Nicht erst lernen und den Dingen auf den Grund gehen, sondern alles ausprobieren, alles gleichzeitig, alles sofort - das ist das Prinzip.

Allerdings offenbart die Multitasking-Mentalität live auch eine Schwäche: Heute reicht es manchmal bereits, in erster Linie technisches Know-How zu haben, um einen tollen Popsong hinzubekommen. Ein musikalisches Naturtalent muss man beileibe nicht mehr sein, und das führt dazu, dass beim Melt gleich mehrfach auffällt, wie schlecht mitunter gesungen wird. Jonathan Higgs von Everything Everything beispielsweise sollte dringend jemand ein bisschen Training für seine Kopfstimme anbieten.

Und auch Thom Powers von The Naked And Famous hat so seine Probleme, die richtigen Töne zu treffen; wohingegen seine Kollegin Alisa Xayalith mit jeder Note betörender und mit jedem Wort noch ein bisschen mehr nach Björk klingt. Alles in allem bieten die Neuseeländer somit eine tolle Show, die zeigt: Da ist eine Band, die ganz außergewöhnlich ist und doch massenkompatibel, mit einem extrem ausgereiften Sound und der Ahnung, dass da trotzdem noch ganz viel Potenzial ist.

Von hüpfenden Schnauzbärten und Playmobil-Männchen

Zweite Erkenntnis: Hüpfen ist das neue Tanzen. Und das zelebriert ein Großteil der 20.000 Besucher unablässig. Selbst in den Umbaupausen wird vor und zwischen den Bühnen einfach weitergetanzt, teilweise nicht weniger enthusiastisch als während der Konzerte oder DJ-Sets.

Drittens: Die kunstvoll geknotete Luftballonfigur auf dem Kopf ist das neue Matsch-Make-up. Sobald man dem Alter entwachsen ist, in dem man heutzutage seinen Bachelor-Abschluss machen kann, muss man beim Melt höllisch aufpassen, nicht zu seinem eigenen Vater zu mutieren und ständig den Kopf zu schütteln über all diese verrückten jungen Leute. Für gefühlt ein Drittel der Fans herrscht Kostümzwang, die Bandbreite reicht von Bademantel bis Vollkörperleopard, vom 1980er-Jahre-Proll-Style à la Dendemann bis zum Brautkleid nebst Bräutigam. Das ist irritierend, aber höchst amüsant. Und wohl auch ein bisschen das Verdienst von Lady Gaga.

Zudem ist der Schnäuzer wieder schwer angesagt, in erster Linie bei Mädchen. Oder irgendjemand hatte wegen des geplatzten Sommermärchens ganz viel Schminke übrig, hat rot und gold weggeworfen und dann den ganzen jungen Damen am Einlass eine nette schwarze Schnurre unter die Nase gezirkelt.

Robyn versteckt sich derweil kurzzeitig hinter einer spacigen Sonnenbrille - und reist offensichtlich in einem fliegenden Sauerstoffzelt durch die Welt, das mit Red Bull angetrieben wird. Eine andere Erklärung ist schlicht nicht möglich für die Show der 32-jährigen Schwedin, die nur ein Urteil erlaubt: atemberaubend. Sie kommt in einem Affenzahn auf die Bühne gestürmt, deren Gestaltung ein gewisser Wetten dass..?-Charme innwohnt, legt dann eine irre Breakdance-Performance hin und entledigt sich gleich während der ersten beiden Songs ihrer Brille und ihrer Bomberjacke, um schließlich auch noch ihr Jeans-Bolero-Jäckchen abzulegen. Nach diesem Striptease gibt es weiter eine Überdosis Energie, schon als zweiten Song das grandiose Dancing On My Own und einige der großen Hits in famosen Remixes. Und ein Nonstop-Workout von Robyn, das einfach nicht zu glauben ist. Sie klingt nach Captain Future und ist ihr eigener Drill-Instructor. Und sie tanzt, als wolle sie ihren eigenen Körper abschütteln. Uff.

In der ersten Nacht zieht nur Melt-Resident-DJ Paul Kalkbrenner im Anschluss ein noch größeres Publikum vor die Hauptbühne. Wenn er grinst, sieht er hinter seinem Laptop aus wie ein Playmobil-Männchen in einer sehr, sehr unaufgeräumten Spielzeugkiste. Schon faszinierend, dass inzwischen lediglich das Aufdrehen des Bassreglers nebst einer gen Diskokugel gereckten Faust immer wieder derart aufbrandenden Szenenapplaus im Schatten bunt erleuchteter Riesenbagger heraufbeschwören kann - und das um 3 Uhr nachts.

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