Literatur Martin Walsers heiliger Muttersohn

Es sei sein bislang hellstes Buch, sagt Martin Walser über seinen neuen Roman «Muttersohn». Hellstes und leichtestes.

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Martin Walsers heiliger Muttersohn Bild: dpa

Überlingen (dpa) - Es sei sein bislang hellstes Buch, sagt Martin Walser über seinen neuen Roman «Muttersohn». Hellstes und leichtestes.

Was im Wesentlichen am Charakter der Hauptperson Percy liege. Und daran, dass die sonst für den «großen Dichter der kleinen Leute» so typischen gesellschaftlichen Verstrickungen weitgehend außen vor bleiben. Auch er selbst sei leichter und heller geworden, sagt er. Und das bei einem schwergewichtigen Thema: Glauben. «Muttersohn» ist ein Glaubensroman, den viele so vom 84-jährigen Walser nicht erwartet hätten.

Im Mittelpunkt steht Percy. Der Pfleger in einer psychiatrischen Landesklinik lebt in seiner ganz eigenen Welt: Zu seiner Zeugung sei kein Mann erforderlich gewesen, erzählt ihm seine Mutter Fini. Wieder und immer wieder. Percy glaubt die Wundererzählung. «Wenn man das glaubt, kann man alles glauben», sagt Walser. Um nichts in der Welt will Percy seinen Glauben an die Botschaft seiner Mutter drangeben. Und damit wird er berühmt. Auch durch seine prinzipiell freien Reden ohne jedes Manuskript. «Der Glaube, das ist die Handschrift der Seele», sagt dieser Mann ohne leiblichen Vater. Er konkurriere mit Jesus von Nazareth, halten sie ihm vor. «Ich weiß nicht, was das ist: konkurrieren», sagt Percy.

Lesen lernt Percy mit Liebesbriefen, die seine Mutter an Ewald Kainz geschrieben, aber nie abgeschickt hat. Sie liebt ihn, seit sie ihm bei einer politischen Rede in Stuttgart das Mikro halten durfte. Wieder und wieder liest sie Percy diese Briefe vor. Er kann sie auswendig. In der Psychiatrie wird er später mit einem Fall betraut, an dem die Ärzte verzweifeln - einem selbstmordgefährdeten Patienten, der sich allen Therapien stumm widersetzt: Ewald Kainz.

Den theoretischen Hintergrund zum «Muttersohn» hat Walser seinen Lesern schon im vergangenen Jahr geliefert. Quasi als Versuchsballon lieferte er die Novelle «Mein Jenseits», die jetzt den dritten Teil vom Roman «Muttersohn» darstellt. Er habe nicht gewusst, wie seine Leser reagieren würden, wenn ausgerechnet er mit einem Glaubensroman um die Ecke komme, sagt Walser. Wo man ihn doch von jeher mit anderen Themen verbinde. Doch es sei sehr gut gegangen, was sein Schreiben beflügelt habe. «Es hat mich sehr gefreut, dass man mir sowas gestattet», sagt Walser, den man nicht erst seit dem erfolgreichen Goethe-Roman «Ein liebender Mann» zu Deutschlands Besten zählen kann.

Die zweitwichtigste Figur findet sich folglich auch in diesem dritten Teil. Er wird ganz von Professor Feinlein geprägt. Wie viele andere im Buch ist auch er vor allem eines: verlassen. Darin entwickelt er jedoch eine mitreißende Glaubensstärke. «Wir glauben mehr als wir wissen», das zentrale Zitat des Romans stammt von Professor Feinlein, einem Experten für das Glaubenkönnen. Feinlein sei der «historische Hallraum» für Percy, sagt Walser. «Percy praktiziert das, was Feinlein auch denken kann.» Nur mit beiden zusammen wird klar, was uns der Autor sagen will: Was wir wissen, hat weniger Einfluss auf uns, als das, was wir glauben.

Aber was glauben wir? «Muttersohn» spielt nahe Walsers Heimat, am Bodensee, Richtung Donau rüber. Dort, wo so viele Kloster stehen - wo jede Menge Glaubensleistungen erbracht wurden. Wie steht es mit der Reliquien-Verehrung? Kommt es darauf an, dass eine Reliquie echt ist? Walser reicht wohl eher der Glaube daran. Auch sein Feinlein hat viele Reliquien, die zum Beispiel seinen Glauben nähren, dass bei seiner großen Liebe doch noch was zu holen ist für ihn - jenseits der tristen Welt aus verstreichender Zeit und beruflichen Kämpfen.

Martin Walser

Muttersohn

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

512 S., Euro 24,95

978-3-498-07378-7

Verlag

news.de/dpa

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