Von den news.de-Redakteuren Ina Bongartz und Tobias Rüster
Quasseln, bis die Birne qualmt: Politiker reden sich in Talkshows oft um Kopf und Kragen. News.de hat die Gästelisten von Anne Will, Maybrit Illner und Co. analysiert und zeigt, welche Politiker sich zu Talkshowkönigen palavert haben.
Bei Anne Will, Reinhold Beckmann, Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Maybrit Illner werden Themen debattiert, die die Nation bewegen. Für Politiker gilt: Dabei sein ist alles. Im Fernsehen erreichen sie ein Millionenpublikum, können Themen setzen, den Gegner bloßstellen und im besten Fall ein paar Wählerstimmen fangen.
Doch manch Parlamentarier übertreibt die Sache etwas und wird zum Palavermentarier. Pünktlich zur Sommerpause im Polit-Talk-Betrieb hat news.de die Gästeliste der wichtigsten deutschen Polittalkshows genauer unter die Lupe genommen und die TV-geilsten Politiker des Jahres ermittelt.
Fleißig waren in jedem Fall die Gastgeber: 163 mal waren Will (33 mal), Beckmann (30), Maischberger (36), Plasberg (29) und Illner (35) von Oktober 2010 bis Juli 2011 auf Sendung. Mit insgesamt 861 Gästen diskutierten sie über den Fall Kachelmann, die Japan-Katastrophe, das Zuwanderungsproblem, die Unruhen im arabischen Raum und den Griechenland-Bankrott. Von den 861 Gästen waren 220 Politiker, also beinahe jeder Vierte. Durchschnittlich wurde jede Talkshow mit 1,35 Politikern besetzt.
Die Umfragewerte sind mies, lasst uns also talken
Am häufigsten in der Runde sitzen Politiker der FDP. Für sie gilt: Bei Beliebtheitsumfragen flop, Anwesenheit in Talkshows top. Der Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Rainer Brüderle, hatte so einiges zu den Themen Kommunismus, Griechenland-Krise und Stuttgart 21 zu sagen, sogar über die Krise der eigenen Partei. Bei Beckmann war er zwar nicht, dafür gleich dreimal bei Maybrit Illner.
Und auch seine Parteikollegen Christian Lindner, Dirk Niebel, Daniel Bahr und Martin Lindner waren in der vergangenen Talkshowsaison viel gesehene Politiker. Doch auch die Koalitionsfreunde von der CDU und CSU sind emsige Talkshowgäste. Vor allem das politische Urgestein Heiner Geißler war als Schlichter im Konflikt Stuttgart 21 höchst gefragt. Welche Politiker noch ganz vorne an der Talk-Front mitredeten, zeigt die folgende Übersicht.
| Name | Partei | Auftritte |
| Rainer Brüderle | FDP | 6 |
| Christian Lindner | FDP | 6 |
| Dirk Niebel | FDP | 6 |
| Jürgen Trittin | Grüne | 6 |
| Daniel Bahr | FDP | 5 |
| Heiner Geißler | CDU | 5 |
| Gregor Gysi | Die Linke | 5 |
| Martin Lindner | FDP | 5 |
| Claudia Roth | Grüne | 5 |
| Norbert Röttgen | CDU | 5 |
| Ursula von der Leyen | CDU | 5 |
| Alexander Dobrindt | CSU | 4 |
| Bärbel Höhn | Grüne | 4 |
| Renate Künast | Grüne | 4 |
| Klaus von Dohnanyi | SPD | 4 |
Insgesamt wird das Talkparlament des deutschen Fernsehens von der CDU/CSU regiert. Die Gästelisten bringen es an den Tag: Die Unionsparteien waren sagenhafte 73 Mal in Gesprächsrunden vertreten, ihre Top Drei waren Heiner Geißler, Norbert Röttgen und Ursula von der Leyen.
Auf dem zweiten Platz folgen die Liberalen mit 48 Teilnahmen. Dagegen fielen die Oppositionsparteien klar ab: Die SPD schaffte es auf 42 Auftritte (unter anderen Klaus von Dohnanyi viermal und Heinz Buschkowsky dreimal). Die Grünen waren in 36 Sendungen präsent (Jürgen Trittin sechsmal, Bärbel Höhn und Claudia Roth je viermal ) und Die Linke schaffte es auf 21 Teilnahmen (davon Gregor Gysi fünfmal und Oskar Lafontaine viermal).
Regierungsparteien an der Talk-Spitze
Demnach hätten CDU/CSU auch in einem imaginären Talkshow-Parlament die Nase ganz vorn. Auf sie entfielen 33,2 Prozent aller politischen Gäste. Die FDP erringt beachtliche 21,8 Prozent, und die SPD entsandte 19,1 Prozent aller Politiker-Gäste. Die Grünen stellten immerhin 16,4 Prozent. Abgeschlagen landet Die Linke mit 9,5 Prozent auf dem fünften Rang.
Wenn man dem die Sitzverteilung im Deutschen Bundestag gegenüberstellt, ergibt sich ein erstaunliches Ergebnis: Während die Unionsparteien in ähnlicher Größe im Parlament vertreten sind (33,8 Prozent), war die zweite große Volkspartei SPD im abgelaufenen TV-Jahr deutlich unterrepräsentiert. 23 Prozent aller Sitze im Bundestag stehen nur 19,1 Prozent aller politischen Talkshow-Sitze gegenüber. Gleiches gilt für Die Linke (9,5 Prozent). Sie muss demnach 2,4 Prozentpunkte im Vergleich zur Bundestagsverteilung (11,9 Prozent) abgeben.
Völlig entgegengesetzt läuft der Trend bei der FDP und den Grünen. Die Liberale Fraktion hat im Bundestag 14,6 Prozent der Sitze. In deutschen Talkshows war sie mit 21,8 Prozent deutlich stärker vertreten als in der gewählten Versammlung. Gleiches gilt für die Grünen, deren bundespolitischer Aufwärtstrend sich, im Gegensatz zur FDP, auch in den Plauderrunden nachweisen lässt. 16,4 Prozent aller Teilnehmer kamen aus ihren Reihen. Im Bundestag bringen sie es lediglich auf 10,7 Prozent.
wam/news.de
Noch nie waren diese Talkshows zur Schönreden des Versagens der Politik und dem ohnehin meist nur versuchten Erklären des gezielten Unterlassens von politisch und wirtschaftliche sinnvollen Massnahmen im Auftrag und zum Wohlergehen von Besitzständen so wichtig wie heute. Die Verlagerung politischer Arbeit hin zum Medienspektakel gleicht der Schaffung von Prostitutionsbühnen.
jetzt antwortenKommentar meldenAch ja, INSM: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Ein hauptsächlich von den Arbeitgebern unter Führung der Metaller gesponsorter Club von Neolibs, die die "Soziale Marktwirtschaft" am liebsten zu Gunsten eines Manchesterkapitalismus abschaffen würden.
jetzt antwortenKommentar meldenSo mancher Politiker schneidet sich mit der Teilnahme an Talkshows ja auch ins eigene Fleisch. Martin Lindner z.B. kommt dermaßen schlecht rüber, dass er für den Zuschauer schon fast zur Hassfigur geworden ist. Herr (nicht mehr Dr.) Schatzimakakis hat sich mit seinem letzten Auftritt bei Anne Will auch keinen Gefallen getan. Und Frau (auch nicht mehr Dr.) Koch-Mehrin hatte sich schon bei Plasberg disqualifiziert, da brauchte es den Skandal um die Promotion garnicht mehr. Mir sind die Talkrunden auf Phoenix lieber. Da wird oft noch wirklich sachkundig diskutiert und die Moderatoren sind gut.
jetzt antwortenKommentar meldenWer oder was bitte ist denn "INSM" ? ("INternationale SadoMasochisten"??)
jetzt antwortenKommentar meldenim Kommentar # 2 von Orwellhatterecht steht mal wieder eine Abkürzung, die, man möge meine Unwissenheiot verzeihen, sicherlich 98% der Leser nicht kennt. Verdammt noch mal, was bedeutet die Abkürzung INSM. Ich bitte die Klugschwätzer in ihren Kommentaren zumindest um eine verständliche Übersetzung, ansonsten sollten sie das Kommentare schreiben bitte seinlassen.
jetzt antwortenKommentar meldenDas Thema lenkt ab,dass die Talkshows einen Parlamentsersatz bilden.Die Abgeordneten vernachlässigen ihr Mandat!Der Kommentar erzählt aber Märchen: Kein Mensch wählt diese Quasselstrippen.Auf die Häufigkeit des Auftritts kommt es nicht an.Sachverständige sind sich viel zu schade,dort zu erscheinen.Dafür kommen selbsternannte Experten od.andere Idioten zu oft.Beliebtheitsumfragen können nicht die pol. Qualität und Sachkompetenz ersetzen. Viel zu oft vertreten sind die Schrottpolitiker der Linken und Sozialdemokraten mit ihren Ladenhütern. Das gilt auch für Sozis mit dem falschen Parteibuch.
jetzt antwortenKommentar melden"Talkshow-Sitze" mit anteiligen Bundestags-Sitzen zu vergleichen ist abstrus. Der Zuschauer möchte keine Teilnehmerquote, sondern Information zu aktuellen Themen. Allerdings schultern das die meisten Moderatoren nicht (mehr). Aus reisserischen Talk-Themen wird im Laufe der Sendung oft ein Vergangenheits- und Schuldzuweisungsgedöns. Hinzu kommen einseitig gewichtete Einspielfilme, die Diskussionen mehr lenken, als die Beiträge der Talkrundenteilnehmer. Zudem werden Parteien mit mangelnder Performance (z. Zt. SPD) gar nicht mehr eingeladen. Die "Talkerei" braucht neue Impulse - vielleicht Jauch?
jetzt antwortenKommentar meldenAm Morgen danach fragen sie dann . "Wie wa(h)r ich ?" Ich erinnere an das griechische Stammwort `dialogein´, ein Wechselgespräch mit Gewinn auf beiden Seiten. Nun ist aber der Zuschauer als Dritter hinzu gekommen, und hat offensichtlich seinen Part noch nicht verinnerlicht. Ihm muss es gelingen, sich einzuklinken und passgerecht Anteil zu haben. Partizipation online = kein Zauberwort,sondern Aufgabe für uns. Der Sender und seine Titanen an der Spitze der Runde haben keine Bringpflicht. Wir müssen eine gewisse Fitness erwerben, um `zeit-affin´ diesem Top-Angebot zu folgen.Ein vhs-Kurs ?
jetzt antwortenKommentar meldenDie "Menschen im Geschwätz" Sendungen der quasi-steuerfinanzierten Staatssender haben doch ein Gutes.Die sogenannten Gäste, meist Politiker, können sich in den 60-90 Minuten nicht so verstellen wie es deren Pressestellen stets verbreiten. Deren wahren Charakter kann man dabei am ehesten herauslesen. Beispiel Trittin: der muß wohl schon als Säugling mit hämischem Grinsen auf die Welt gekommen sein. Schönling Röttgen ist eine leere Papphülse (Wehner hätte ihn wohl "Schleimer" genannt). Die Talkmasterinnen sind linke Propagandisten wie ihre Sender ZdF, WDR im Dauerwahlkampf.
jetzt antwortenKommentar meldenIch vermisse in Ihrer Aufstellung den Hinweis, das stets mindestens ein Vertreter der INSM zugegen ist. Und was das grauenvollste daran ist, er wird den Zuschauern stets in einer anderen, auch von ihm ausgeführten Funktion vorgestellt, sodass von Neutralität oder gar Überparteilichkeit nur sehr selten die Rede sein kann.
jetzt antwortenKommentar meldenschade das es soviele Talkshows gibt wo Politiker sich selbst darstellen können und Ihre Blödheiten von sich geben um den Bürgern alle Parteimässigen Unwahrheiten vorzulügen und auf mieseste Art Stimmenfang zu betreiben ! ? diese Sendungen sind sofort einzustellen denn in Zeiten wo nur mehr Schulden existieren darf man einfach keine Geld für Polittalks ausgeben ! gute Nacht Freunde ! herzliche Grüße aus Ö; Franz Peter JELLY A-9614 Vorderberg 132
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