So., 27.05.12

Loveparade-Doku 13.07.2011 «Der Film kam zu früh»

Von news-Volontär Ayke Süthoff

Das ZDF sendete am Dienstag zur besten Zeit die anderthalbstündige Dokumentation Todesfalle Loveparade zur letztjährigen Katastrophe in Duisburg. Darin wurden nicht nur Originalbilder und Interviews gezeigt, sondern auch fiktive Szenen mit Schauspielern. Ist so etwas seriös?

Todesfalle Loveparade hieß die Doku-Fiction, die das ZDF am gestrigen Dienstagabend zur besten Zeit sendete. Einem interessanten und mutigen Konzept folgte der Film allemal: Statt sich, wie es üblich wäre, rein dokumentarisch dem Thema zu nähern, baute das Autorenteam um Kaspar Heidelbach, Dirk Kämper und Ute Waffenschmidt fiktive Szenen ein.

Schauspieler wurden engagiert, um Szenen nachzudrehen, von denen es keine Originalbilder gibt, um bestimmte Personen darzustellen und um eine Dramaturgie aufzubauen, die einen 90-minütigen Film füllt. Schließlich will das ZDF seine Zuschauer fesseln.

Ob das eine gute Entscheidung war? Vor allem zeigte es, dass der Film Todesfalle Loveparade zu früh kam. Die Ermittlungen der Duisburger Staatsanwaltschaft dauern noch an, 16 Menschen sind angeklagt. Darunter ein Polizist und elf Mitarbeiter der Duisburger Stadtverwaltung. Anfang der Woche kam heraus, dass die Genehmigung der Loveparade im Verfahren als «rechtswidrig» eingestuft wird. Der ZDF-Film war zu diesem Zeitpunkt schon fertig.

Das kritisiert gegenüber news.de auch Frank Richter, der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Nordrhein-Westfalen. «Der Film kommt zu früh, die Staatsanwaltschaft steckt noch mitten in den Ermittlungen», sagt Richter, der am 24. Juli 2010, dem Tag des Unglücks, persönlich vor Ort war. Mitten im Verfahren dürften sich Polizeibeamte nicht äußern, so aber entstehe ein einseitiges Bild.

Zwei Journalisten, kein Stadtratsmitglied

Im Film kommt der investigative Journalist Lothar Evers zu Wort, ebenso wie Rüdiger Oppers, Chefredakteur der Neuen Ruhr Zeitung. Letzterer will aus heutiger Sicht diverse Vorahnungen gehabt und lange vor den tragischen Ereignissen gewarnt haben. Staatsanwaltschaft, Stadtverwaltung, Sicherheitskräfte, Duisburgs Bürgermeister Adolf Sauerland oder gar Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller kommen im ZDF dagegen nicht zu Wort.

Diese Personen werden mit Schauspielern dargestellt. Die Szenen spielen teilweise lange vor dem tragischen Samstag im Juli, teilweise genau am Tag der Geschehnisse. Da wird eine Gruppe von Personen gezeigt, die sich im Frühjahr 2010 das Veranstaltungsgelände ansieht. Ein Zweifler warnt vor den engen Tunneln, die Mehrheit wischt die Einwände vom Tisch. Ähnliche Szenen drehte Regisseur Kaspar Heidelbach im Rathaus - in einer Sitzung will eine Gruppe von Räten die Loveparade kippen. Andere wollen davon nichts wissen.

Das ZDF holt in diesen gespielten Szenen zum Rundumschlag aus. Doch die Vorwürfe bleiben undurchsichtig: Die Macher von Todesfalle Loveparade stellen reale Personen mit Schauspielern dar, betiteln diese aber nicht. Der Zuschauer fragt sich unentwegt, wer diese Personen sein sollen, wo Fehlentscheidungen gefallen sind und warum. Die Fiktion füllt diese Informationslücke nicht. Das ZDF schreibt dazu in einer Pressemitteilung, der Film «mischt Interviews und dokumentarische Aufnahmen mit fiktionalen Szenen, ohne den Anspruch auf Authentizität und wortwörtliche reale Dialoge zu erheben.»

Wie bei Derrick

So müssen auch die Polizeikräfte leiden, die teilweise als unfähige Trottel dargestellt werden. «Mich hat das teilweise an Derrick-Krimis erinnert, wo die Schutzpolizei immer den Kaffee holen muss», sagt der GdP-Landesvorsitzende Frank Richter. Er möchte die schauspielerische Leistung nicht bewerten, legt aber Wert darauf, dass sich kein leitender Beamter von Eventmanagern auf der Nase rumtanzen lässt, wie es im Film gezeigt wird. «Die Szenen im Einsatzcontainer der Polizei entsprechen nicht der Realität», sagt Richter.

Dagegen lobt Richter die Darstellung der Rettungsaktion und die Interviews mit dem Notarzt Dr. Frank Marx von der Duisburger Feuerwehr. «Die Kollegen haben unter größter Belastung, unter Lebensgefahr gearbeitet, um Menschenleben zu retten», sagt Richter. «Das war exzellente Arbeit der Polizei und Sicherheitskräfte.» Ausdrücklich loben die Autoren die schnelle Räumung der Tunnel nach der Massenpanik, den Einsatz der Feuerwehr und der anfangs viel zu wenigen Polizisten. «Wir hatten dort zehn Mann und es war extrem schwierig, weitere Kräfte nachzuziehen, weil die Zugänge mit Menschenmassen verstopft waren», sagt Frank Richter.

Ergreifende Interviews mit Opfern und Rettern

Ergreifend sind im Film die Interviews mit Besuchern der Loveparade, die mitten im Gedränge waren, teilweise am Boden lagen - lebendig begraben unter Körpern. Sie beschreiben, wie sie anfangs mit Vorfreude und guter Laune Richtung Gelände zogen. Doch dann wuchs im zunehmenden Gedränge minütlich das Unbehagen, das irgendwann in pure Angst umschlug. Die berührenden Interviewpassagen werden untermalt mit originalen Videoaufnahmen der Loveparade. Der Höhepunkt des Films, er nimmt den Zuschauer mit, er ist authentisch und es gelingt den Machern nicht reißerisch zu sein, sondern respektvoll mit Opfern und Rettungskräften umzugehen.

Warum vertraute das Zweite nicht auf die Kraft der Interviews und der vielen realen Bilder, die Besucher der Loveparade, Überwachungskameras und TV-Teams live aufgenommen haben? Vermutlich fehlte es bei den Verantwortlichen an Mut, um 20.15 Uhr eine reine Dokumentation auszustrahlen. Die Spielszenen sollten einen spannenderen, einen dramatischeren Film schaffen. Dieser Ansatz misslang. Das bestätigen auch die Zuschauerzahlen, nur 1,5 Millionen sahen den Film.

«Dieser Film ist der Versuch, ein schreckliches Ereignis aufzuarbeiten», sagt Frank Richter. Ein nötiger Schritt, wie er findet. Aber er wünscht sich, dass nach Abschluss der Ermittlungen noch einmal eine Dokumentation in Angriff genommen wird. «Erst wenn bestimmte Dinge rechtlich geklärt sind, zum Beispiel ob die Polizisten eine Vorrangschaltung im Handynetz beantragt hatten, kann ein Film ein komplettes Bild abgeben», sagt Richter. Dann würden sich auch Vertreter der Polizei vor der Kamera äußern.

Sehen Sie die Dokumentation Todesfalle Loveparade in der ZDF Mediathek.

ruk/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Lothar Evers
  • Kommentar 1
  • 13.07.2011 17:03
 

Zwei kleine Korrekturen. Herr Dr. Marx ist Notarzt bei der Duisburger Feuewehr nicht der Polizei. Im Gegensatz zum Kollegen Oppers bin ich selbst erst seit der Katastrophe in Duisburg mit der Loveparade befasst. Insofern stimmt der folgende Satz ihres Artikels für mich nicht: "Zwei Journalisten, die aus heutiger Sicht diverse Vorahnungen hatten und lange vor den tragischen Ereignissen gewarnt haben wollen." Meine Arbeiten zum Thema sind hier: http://docunews.org/loveparade/aktuell/

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