Kunst Schlingensief-Katalog als eine Art Biografie

Es war eine posthume Ehrung für Christoph Schlingensief: Der ihm gewidmete deutsche Pavillon bei der Kunstbiennale von Venedig wurde Anfang Juni mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Schlingensief-Katalog als eine Art Biografie (Foto)
Schlingensief-Katalog als eine Art Biografie Bild: dpa

Berlin (dpa) - Es war eine posthume Ehrung für Christoph Schlingensief: Der ihm gewidmete deutsche Pavillon bei der Kunstbiennale von Venedig wurde Anfang Juni mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Der Katalog zu der Ausstellung (bis 27. November) kann als eine Art Biografie gelesen werden - Schlingensiefs eigener Lebensrückblick ist angekündigt, liegt aber noch nicht vor. Der Theater-, Opern- und Filmregisseur war am 21. August 2010 mit 49 Jahren an Krebs gestorben.

Der von der Biennale-Kuratorin Susanne Gaensheimer herausgegebene Band (Kiepenheuer & Witsch) ist mehr als ein Ausstellungskatalog, er ist ein spannend zu lesender Weg durch ein wechselvolles künstlerisches Lebenswerk. Er enthält eine Vielzahl sehr persönlicher und manchmal auch offenherziger, nicht immer nur schmeichelhafter Beiträge und Äußerungen über Schlingensief - und freimütig ausgesprochene Gedanken von ihm selbst.

Die Berichte geben Zeugnis über einen Künstler, der in seinen letzten Lebensjahren von dem Drang erfüllt war, auch in der bildenden Kunst Spuren zu hinterlassen. Er dachte, er könnte doch auch etwas produzieren, «was übrig bleibt», wie er im Gespräch mit Kurator Klaus Biesenbach (früher Kunstwerke Berlin, heute MoMA New York) sagte.

So war denn auch Schlingensiefs letzter Lebenstraum vom afrikanischen «Operndorf» in Burkina Faso mehr eine Metapher, wie sein langjähriger Volksbühnen-Intendant Frank Castorf meint. Ihn selbst habe mit dieser Ausnahmegestalt, die bis 1999 acht Inszenierungen an der Berliner Volksbühne herausbrachte, «eine freundschaftliche Feindschaft oder feindliche Freundschaft» verbunden, so Castorf.

Zu Wort kommen auch Weggefährten wie die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek («Ein reicher Mensch», der «die ganze Rechnung übernommen» habe), die Künstler Thomas Demand und Jonathan Meese, die Schlingensief-Dramaturgen Carl Hegemann und Matthias Lilienthal, die Regisseure Alexander Kluge und Werner Nekes sowie die Politiker Antje Vollmer (Grüne) und Frank-Walter Steinmeier, der ebenso wie Altbundespräsident Horst Köhler Schlingensiefs Afrika-Projekt tatkräftig unterstützte.

Schlingensiefs Berliner Anwalt Peter Raue erinnert an den Krach bei den «Parsifal»-Proben in Bayreuth 2004, die sogar in einem dann wieder zurückgenommenen Hausverbot gegipfelt hätten. Ohne die Unterstützung des Dirigenten Pierre Boulez wäre der «Parsifal» nicht herausgekommen. «Dazwischen: Zusammenbrüche, Krankenhaus, Verzweiflung. Und eine unfassbare Kraft...», so urteilt Raue.

Schlingensief selbst, der einige Jahre auch Aufnahmeleiter bei der «Lindenstraße» war, erinnert sich an seine Anfänge als jugendlicher Filmemacher in seiner Heimatstadt Oberhausen und die ersten beruflichen Schritte. Dazu gehörten auch erste Tiefschläge, wenn zum Beispiel ein WDR-Redakteur nach einer Filmvorführung zu dem hoffnungsvollen Filmemacher sagte: «An diesem Film sieht man, dass du niemals einen Menschen lieben wirst.»

Der Ausstellungskurator Chris Dercon, Direktor der Tate Modern in London, findet offene Worte für Schlingensiefs Bemühen, auch in der bildenden Kunst Fuß zu fassen. Zwar habe er einige «wagemutige Komplizen» gehabt wie Klaus Biesenbach oder Catherine David, für die meisten «Kunst-Profis» habe Schlingensief aber lediglich als «sympathisch» gegolten. Der Herausgeber der «Kunstzeitung», Karlheinz Schmid, meint dagegen, mit Schlingensief sei einer der «bedeutendsten Impulsgeber und Querdenker» der internationalen Kunstszene abgetreten.

news.de/dpa

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig