Von news.de-Redakteur Cord Krüger
Basierend auf einem Zeitungsartikel erzählt Waffenstillstand von zwei Deutschen im Irak. Das Kinodebüt ist bemerkenswert reif inszeniert, kommt inhaltlich aber nicht über Gemeinplätze hinaus. Arte zeigt das Drama heute Abend erstmals im Fernsehen.
Im April 2004 schweigen für 24 Stunden die Waffen in der irakischen Rebellenhochburg Falludscha. Zwei deutsche Kriegsreporter nutzen ihre Chancen und fahren mit zwei zivilen Helfern ins umkämpfte Gebiet. Die unerschütterliche Optimistin Kim (
Thekla Reuten) und der abgebrühte Arzt Alain (Matthias Habich) wollen in einem Krankenhaus Verwundete versorgen. Fernsehjournalist Oliver (Maximilian von Pufendorf) und sein ständig nörgelnder Kameramann Ralf (Hannes Jaenicke) lockt ein möglicher Exklusivbericht. Die Vier bemerken bald, dass sie trotz friedlicher Absichten in höchster Gefahr schweben.
Lancelot von Naso hat einen hochspannenden Ansatz für seinen ersten Kinofilm gewählt. Sein Mut ist beachtlich. Nicht nur muss man abseits von Krimis und Arztschmonzetten
echte Genrefilme mit der Lupe suchen. Ein deutscher Kinobeitrag zur Aufarbeitung des jüngsten Irakkriegs ist schon deshalb löblich. Damit hat von Naso sich jedoch nicht beschieden, sondern seine Erzählung in ein zutiefst amerikanisches Gewand gekleidet. Waffenstillstand ist ein Postkutschenwestern wie John Fords Klassiker Ringo, ein Roadmovie im Feindesland.
Das Pferdegespann ist hier eben ein Kleintransporter und die Indianer Terroristen. Von Naso beantwortet damit auch elegant die Frage nach Umfang und Perspektive seines Blicks auf das Zweistromland. Die Figuren brausen gemeinsam im Van durch den Irak. Alles weitere ergibt sich daraus.
Was Hollywood noch immer besser kann
Wo John Ford jedoch die gesamte Pioniergesellschaft des jungen Amerika in seiner Kutsche unterbrachte, krankt Waffenstillstand an seinem zu ähnlichen Personal. Echte Spannung zwischen den Figuren mag sich nicht entwickeln, weil alle dem gleichen Charaktertyp entsprechen. Alle sind Idealisten, bloß an unterschiedlichen Stellen auf der Rutschbahn zur völligen Desillusionierung. Ohne unmittelbare Bedrohung von Außen langweilen die Auseinandersetzungen der vier Europäer untereinander wie die Programmrangeleien auf einem x-beliebigen Parteitag.
Inhaltlich steht Waffenstillstand kaum besser dar, geht er doch nicht tiefer als ein Tagesschau-Beitrag: Krieg ist schlimm, der Irak kaum durchschaubar, die Amerikaner sind Grobiane, aber irgendetwas muss man schließlich unternehmen. So lauten die einigermaßen banalen Eckpunkte des Films. Ohne starke Charaktere - man denke nur an Michael Caines lakonischen Vietnamkorrespondenten in Der Stille Amerikaner - kann daraus weder ein erhellendes noch ein packendes Szenario werden. Auch Peter Weirs Ein Jahr in der Hölle mit Mel Gibson hatte zum Zusammenprall westlicher Journalisten mit einem exotischen Kriegsgebiet Interessanteres zu erzählen.
Aber das sind letztlich Drehbuchprobleme. Der Regisseur von Naso holt das Beste aus seinem Stoff heraus. Seine Inszenierung hat in jeder Einstellung Kinoformat. Felix Cramers Kameraarbeit erschöpft sich nicht in endlosen Reihen von Großaufnahmen. Und die Darsteller spielen allesamt überzeugend. In vielem kann das auch Hollywood für sehr viel mehr Geld nicht besser. Bloß nimmt man dort eben keine Zeitungsmeldungen als Vorlage, sondern veritable Romane.
Bestes Zitat: «Kein Mensch ist unschuldig - sagt Camus.»
(Alain auf die Frage, wie er bei seinen Patienten zwischen Zivilisten und Terroristen unterscheiden wolle.)
Titel: Waffenstillstand
Regie: Lancelot von Neso
Darsteller: Matthias Habich, Thekla Reuten, Hannes Jaenicke, Maximilian von Pufendorf, Husam Chadat
Sendetermin: Donnerstag, 7. Juli 2011, 20.15 Uhr, Arte