Von news.de-Volontärin Juliane Ziegengeist
Das eigene Kind im Gefängnis großzuziehen, ist wohl die Horrorvorstellung einer jeden Mutter. Arte zeichnet im Melodram Löwenkäfig heute Abend ein beklemmendes Abbild dieses Szenarios. Mit einer Mutter, die fast zu spät erkennt, wie viel ihr Kind ihr bedeutet.
Sie schlägt gegen ihren Bauch, immer und immer wieder. Denn sie will das Kind nicht, das in ihr heranwächst. Julia (Martina Gusman) weiß noch nicht einmal in welchem Monat sie ist. Nur in einer Sache ist sich die junge Studentin aus Buenos Aires sicher: Der Vater ist ihr Liebhaber Nahuel. Doch der ist tot. Gefunden wurde er blutüberströmt in ihrer Wohnung, neben seinem schwerverletzten Freund Ramiro (Rodrigo Santoro). Und Julia wird des Mordes beschuldigt und inhaftiert - ohne Erinnerung an die Geschehnisse in ihren eigenen vier Wänden.
Der argentinische Regisseur Pablo Trapero hat mit Löwenkäfig kein klassisches Knast-Drama inszeniert, in dem Wärter Insassen misshandeln und letztere sich gegenseitig bis zur Unerträglichkeit schikanieren. Dass auch dies gerade in südamerikanischen Gefängnissen Gang und Gäbe ist, deutet er nur an. Im Zentrum seiner Erzählung jedoch steht das Schicksal einer Schwangeren, die auf der knasteigenen Kinderstation mit Hilfe von Mitinsassin Marta (Laura García) in ihrer Mutterrolle zu sich selbst findet.
Vier Jahre bis zur Verurteilung gibt Trapero seiner Protagonistin dafür Zeit. Vier Jahre, in denen sie sich von einer desorientierten Frau ohne Perspektive zu einer fürsorglichen Mutter entwickelt, die gemeinsam mit ihrem Sohn Tomás (Tomás Plotinsky) Abziehbilder an die Gefängnisfenster klebt und Kinderlieder singt. «Wenn er raus geht, dann nur mit mir», sagt Julia. Denn sie braucht ihren Sohn, um die Enge und Kälte der Gefängnismauern zu ertragen. Und obwohl es keine kinderunfreundlichere Umgebung gibt als diese, will Tomás wieder «nach Hause», als er das Gefängnis zum ersten Mal verlässt und nicht mehr dorthin zurückkehren sollte.
Löwenkäfig lebt von einer überzeugenden Martina Gusman
Gerade weil Trapero die Geschehnisse im Knast so nüchtern schildert, wie auch der Handlungsort ist, gewinnt Löwenkäfig an fast erdrückender Echtheit. Ohne zu beschönigen, ohne wegzuschauen, gibt er verstörende Einblicke in ein Leben, das dem Zuschauer für gewöhnlich verborgen bleibt. Gedreht wurde an Originalschauplätzen und mit realen Insassen und Wärtern in den Nebenrollen, was dem Film zusätzliche Authentizität verleiht. 2009 war er als argentinischer Beitrag für den Oscar in der Kategorie «Bester ausländischer Film» in der engeren Auswahl.
Das hat das Melodram vor allem seiner Hauptdarstellerin Martina Gusman zu verdanken, die als Julia ihre erste große Rolle spielte und zudem als Mitproduzentin auftrat. In jeder Szene verkörpert sie die Entwicklung ihrer Figur überzeugend: Als frisch Inhaftierte starrt sie mit leerem Blick abwesend und zugleich ängstlich umher. Später, wenn sie um die Rückkehr ihres Kindes kämpft, sind ihre Augen voller Sehnsucht. Aber auch Wut. Nicht zuletzt an so banalen Dingen wie ihrer Frisur und ihrer Stimmlage zeichnet sich Julias Wandlung ab: von blond zu schwarz, von leise zu laut, von schwach zu stark.
Das Filmende wirkt dennoch etwas konstruiert. Julia, die im Prozess zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, kehrt nicht vom Freigang zurück. Sondern flieht gemeinsam mit ihrem Sohn. Ohne Marta, die ihr als letzten Freundschaftsdienst gefälschte Pässe besorgt hat. Und ohne ihre Mutter Sofia (Elli Medeiros), die Tomás aus dem Knast zu sich in ihr schickes Appartment geholt hatte - eine Umgebung, die der Lebenswelt der Inhaftierten nicht fremder sein könnte. Eine Spannung zwischenmenschlicher Gegensätze, die nicht aufgelöst wird. Wie die Frage, ob Julia tatsächlich eine Mörderin ist. Dass Trapero die Antwort darauf bewusst schuldig bleibt, tut dem Film mehr als gut.
Bestes Zitat: «Sei froh, dass du schwanger bist. Hier ist es besser als im Zellentrakt.» (Marta zu Julia)
Titel: Löwenkäfig
Regie: Pablo Trapero
Darsteller: Martina Gusman, Laura García, Elli Medeiros, Rodrigo Santoro, Tomás Plotinsky
Filmlänge: 113 Minuten
FSK: 12 Jahre
Verleih: MFA
TV-Erstausstrahlung: Donnerstag, 7. Juli 2011, 21.50 Uhr, Arte