So., 27.05.12

Durchgehört 10.07.2011 Warum schwer, wenn es auch einfach geht?

Von den news.de-Redakteuren Melanie Sohn, Konrad Rüdiger und news.de-Mitarbeiter Christian Vock

Ein einfacher Plan schafft es in die Top 10, eine ehemalige Legende verrennt sich auf fremdem Terrain und eine dänische Kombo rotzt mit so viel Verve in fremde Gärten, dass es einem warm ums Herz wird. Neue Platten im news.de-Urteil.

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Simple Plan bleiben bei ihrem einfachen Plan. Einfach mit ordentlicher Geschwindigkeit in der Mittelspur fahren und so ganz weit voran kommen. Niemanden ausbremsen, aber eben auch keine halsbrecherischen Manöver. Musikalisch heißt das rotationstauglicher Rock mit leichten Einsprengseln von Radio-Punk nach Art von Good Charlotte oder Sum 41. Ganz wichtig sind die Tattoos der Musiker, die leichte Jackass-Haftigkeit im Auftreten, wie man es in der Pubertät nun mal so anziehend findet.

Das Ganze wird mit einigem Unernst in der Aufmachung serviert, das Booklet zeigt beispielsweise die Simple-Plan-Fünf in genretypischen Posen. Die Genres sind allerdings Hip Hop, 80ies Hipster-Pop und 1970er Rock. Auf der Platte stehen die Banden auch relativ weit auseinander: Mal wird Boyband-Pop (Freaking Me Out) angespielt und mal Akustik-Pop (Summer Paradise) anklingen lassen. Etwas wirklich neues bekommt man nicht geboten, dafür wurde zu viel an den Effekten geschraubt. Aber das ist sicher Teil des einfachen Plans, der das Album immerhin auf Platz zehn der deutschen Charts hievte.

Interpret: Simple Plan
Titel: Get Your Heart On!
Plattenfirma: Atlantic/Warner
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

In den 1980ern war Dave Stewart ein musikalischer Vorreiter, ein Licht am Ende des ewig gleich klingenden Wave-Sounds. Gemeinsam mit Sängerin Annie Lennox mischte er die Synthiepopgemeinde als Eurythmics auf und landete einen Hit nach dem anderen. Diese Zeiten sind vorbei. Seit Jahren wandelt er auf Solopfaden, komponiert Stücke für Soundtracks (Alfie) und versucht sich musikalisch selbst zu finden - so scheint es zumindest. Leider wird ihn bei der Suche auch sein aktuelles Album, The Blackbird Diaries, nicht voranbringen. Stewart tut sich darauf an Blues und Country gütlich, doch so recht abnehmen will man es ihm nicht. Der Brite, der irgendwie zu sehr auf amerikanische Blues-Größe macht, überzeugt mit diesem Konzept nicht.

Nur wenige der 13 Stücke lassen Emotionen aufkommen, irgendwie klingt alles gleich belanglos. Im zweiten Song, A Beast Called Fame, besingt Stewart die Schattenseiten des Ruhms. Ein Song der Kraft und Energie haben sollte, aber auf dem Weg dorthin irgendwie im Lautsprecher verreckt. Besser wird es mit Magic In The Blues, einem ambitionierten Stück, mit Hammond-Orgel und dynamischem Schlagzeug im Hintergrund. Der Song nimmt sogar richtig Fahrt auf und macht plötzlich sogar richtig Laune. Doch bereits ein paar Stücke weiter rumpelt die Platte wieder gelangweilt vor sich hin.

Bei manchen Stücken fühlt man sich gar an amerikanische Anwaltsserien der 1990er Jahre erinnert. Statt Vonda Shepard hätte auch Dave Stewart in der Serie Ally McBeal auf der Bühne der Bar stehen, oder aber den Song zum Abspann einer schwachen Boston-Legal-Folge beisteuern können. Die Songs sind seicht, teilweise einfach nur langweilig und einfallslos. Wenn der richtige musikalische Rahmen fehlt, helfen eben auch keine starken Texte oder Gastsängerinnen wie Stevie Nicks (Fleetwodd Mac) oder Colbie Caillat. Die wohl unspannendsten Tagebücher, die je veröffentlicht wurden.

Interpret: Dave Stewart
Titel: The Blackbird Diaries
Plattenfirma: Surfdog
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Zugegeben, der Bandname klingt erst mal ein wenig befremdlich: Kellermensch. Der Name, so will es die Band-Legende, geht auf den Dostojewski-Roman Aufzeichnungen aus einem Kellerloch zurück, der eine Zeit lang auch unter dem Titel Kellermensch veröffentlicht wurde und für die Musikfindung der Band eine Rolle spielte.

Am Anfang waren sich die sechs Dänen nämlich nicht ganz sicher, wohin die musikalische Reise genau gehen soll. Einig war man sich, die verschiedenen Einflüsse der Bandmitglieder von Größen wie Neil Young, Leonard Cohen oder Nick Cave auf ein musikalisches «Fundament aus harten, schweren und zeitweise aggressiven Instrumenten» zu stellen. Dieser Stilmix ist Kellermensch in ihrem Debutalbum mehr als eindrucksvoll gelungen.

Hier treffen Indierock auf Industrial auf Metal auf Noiserock auf Ambient auf Pop. Da glaubt man im Intro eben noch Roy Orbisons Pretty-Woman-Riff zu hören und schon fällt Sänger Christian Sindermann mit rüden Gebrüll über die zarten Klänge her. Selbst charttauglicher Rockpop ist mit dem Stück Army Ants dabei. Dieser musikalische Wechselkurs wird konsequent bis zum Ende durchgezogen. Kellermensch pinkeln jedem ins musikalische Revier und setzen dabei ihre ganz eigene Duftmarke. Selbst im Gesang gibt man sich nicht mit «normal» zufrieden, sondern teilt sich die Aufgaben. Sebastian Wolff ist für die melodiösen Teile zuständig, und wenn gebrüllt werden muss, holt sich Sindermann das Mikro.

Kellermensch nehmen sich aus jeder Musikrichtung etwas heraus und setzen es zu etwas völlig Neuem zusammen. Das klingt am Ende oft rau, gelegentlich düster, manchmal melancholisch, aber immer nach gutem Rock. All das zusammen gibt eine wirklich beeindruckende Mischung, der an jeder Stelle der Wunsch der Band abzulesen ist, etwas Episches und Dramatisches zu erschaffen. Und um sich nicht in allzu große Lobhudelei zu verlieren, ganz kurz: Sie haben ihr Ziel erreicht. Es müsste also mit dem Teufel zugehen, wenn wir von Kellermensch in naher Zukunft nicht noch mehr hören.

Interpret: Kellermensch
Titel: Kellermensch
Label: Vertigo (Universal)
Erscheinungstermin: bereits erschienen

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