So., 27.05.12

Kaiser Chiefs 05.07.2011 Der Wert von Musik

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach

Für die Kaiser Chiefs ist die Zukunft mittelalterlich. Bassist Simon Rix erklärt im Gespräch mit news.de, wo die Band in den vergangenen drei Jahren war, wie sie ihren Enthusiasmus zurückbekommen hat und was das Besondere am neuen Album ist.

Die Kaiser Chiefs waren drei Jahre von der Bildfläche verschwunden. Konnten sich die Fans in Deutschland noch an euch erinnern?

Simon Rix: Definitiv. Ich war beeindruckt, wie viele uns beim Hurricane und Southside Festival sehen wollten. Wir haben 18 Monate lang keine Gigs gespielt, weil wir dachten, nach fünf Jahren ist es Zeit, allen - auch uns - eine Pause zu gönnen. Jetzt sind wir zurück und haben neue Songs dabei.

Die Musik gibt’s schon seit ein paar Wochen im Internet. Konnten die Fans schon mitsingen?

Rix: Die Single Little Shocks wird auch im Radio gespielt. Live spielen wir nicht alles. Wir haben insgesamt 23 neue Songs, die die Leute natürlich noch nicht so gut kennen wie die alten.

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Video: Vimeo

Was habt ihr in der dreijährigen Pause gemacht?

Rix: Wir hatten unseren letzten Gig beim Leeds Festival, eine Art Homecoming Gigin etwa: Rückkehr-Konzert . Und dann sind wir tatsächlich nach Hause gegangen. Wir blieben weiterhin in Kontakt, denn wir sind Freunde. Nur musikalisch haben wir gemeinsam nichts mehr gemacht. Wir waren im Urlaub, haben gechillt. Nick hat sich einen Hund angeschafft, Ricky hat ein bisschen geschauspielert, Whitey ist Vater geworden, also musste er sich um das Baby kümmern. Und vor einem Jahr sind wir alle wieder zusammen gekommen, um ein neues Album zu schreiben und aufzunehmen.

Und ihr habt die Plattenfirma Chewing Gum Records gegründet.

Rix: Ja, nachdem wir entschieden hatten, für einige Zeit keine Musik zu machen, sind Nick und ich auf die Konzerte von anderen Bands gegangen. Er hatte gerade sein eigenes Studio eingerichtet. Und wir dachten uns, wenn wir eine der Bands mögen, könnten wir sie in seinem Studio produzieren und auf unserem eigenen Label veröffentlichen. Starthilfe beim Einstieg ins Musikbusiness sozusagen. Wir kennen ein paar Leute und können dafür sorgen, dass die Musik im Radio gespielt wird. Ein weiterer Grund war, dass wir nach fünf Jahren auf Tour weniger enthusiastisch waren bei unserer eigenen Musik. Wir wollten zu den Anfängen zurück, mit einer neuen Band. Und als The Neat zum ersten Mal bei Radio 1 gespielt wurden, war es für Nick und mich genauso aufregend, wie für die Band. Das war etwas, dass wir vorher schon als normal hingenommen hatten. So haben wir unseren Enthusiasmus zurückbekommen.

Eure Fans konnten sich schon vor der Veröffentlichung von The Future Is Medieval ein Album auf eurer Webseite zusammenstellen. Ist das die Zukunft der Musikvermarktung?

Rix: Es war eine interessante und sehr persönliche Idee. Nick, unser Haupt-Songwriter, hatte Probleme, sein Vater war sehr krank. Seine Motivation, die Lieder für ein neues Album zu schreiben, war weg. Wir haben einfach etwas gebraucht, um Nicks Energie wieder hervorzulocken, eine ungewöhnliche Idee. Und wir wollten nicht nochmal das normale Standardding machen, was wir vorher bereits dreimal hatten. Du schreibst, ein Journalist von einem Magazin besucht dich im Studio, die CD wird veröffentlicht und noch ein Video gedreht. Andererseits wird Musik immer mehr digital vertrieben, iTunes ist wichtig und gut. In England gibt es immer weniger Shops, in denen man CDs kaufen kann. Mit dieser Idee haben wir zusätzlich versucht, unser eigenes Schicksal zu kontrollieren. Wir wollen den Leuten eine Auswahl geben. So können sie sich aus 20 Songs die zehn heraussuchen, die ihnen am besten gefallen und dann haben sie das perfekte Album für sich.

Ricky Wilson, euer Sänger, hatte die Vermarktungsidee. Was wäre passiert, wenn er die nicht gehabt hätte? Hätten sich die Kaiser Chiefs aufgelöst?

Rix: Das glaube ich nicht. Wir sind Freunde und die meisten von uns kennen sich noch aus der Schule. Wir hätten wahrscheinlich einfach eine andere Idee gehabt, um das Album interessant zu machen. Es wäre nicht das Ende der Kaiser Chiefs gewesen, aber vielleicht hätte die Veröffentlichung noch länger auf sich warten lassen.

Im Internet kann man sich für zehn Songs entscheiden. Auf dem Album im Laden sind aber 13.

Rix: Wir sind fünf Leute in der Band und wir konnten uns einfach nicht auf zehn einigen. Zuerst dachten wir, wir müssten uns auch an die Regel halten. Aber letztendlich haben wir die festgelegt und können sie auch brechen.

Welche Songs wären nicht auf der CD, wenn du hättest allein entscheiden können?

Rix: Ich habe meine eigenen auf unserer Webseite zusammengestellt. Jeder aus der Band hat das gemacht. Ich bin mit allen sehr glücklich und kann nicht sagen, welchen ich am wenigsten mag. Es waren auch nur eins, zwei über die wir wirklich diskutiert haben. Ich habe aber My Place Is Here auf mein Album gepackt, der ist nicht auf unserem Album.

Was sagst du zur Diskussion, die sich über die Vermarktungsidee entsponnen hat?

Rix: Ich fände es großartig, wenn wir immer noch wie in den 1960ern leben würden, als die Leute unzählige Platten kauften, diese wie Schätze behandelten und sie ständig anhörten. Heute ist es so einfach, Musik zu kaufen oder auch zu klauen. Es ist gut, dass es soviel Musik gibt, aber andererseits verliert sie dadurch auch ihren Wert. Radiohead haben etwas Erstaunliches gemacht, als sie ihr Album im Internet anboten und sagten: Ihr könnt bezahlen, was ihr wollt. Das hat der Musik ihren Wert zurückgegeben. Wir wollten die Fans anregen, unsere Musik zu hören, zu kaufen, nicht zu stehlen. Dazu kreieren sie die Setlist und das Albumcover selbst. Wir sind beeindruckt, wie genial einige der Alben geworden sind. Manche sind besser als das, was wir gemacht haben. Die Leute nehmen uns auch einen Teil der künstlerischen Arbeit nicht ab, wie auch behauptet wurde. Ich denke, dass sich die Fans so noch intensiver mit der Musik beschäftigen. Wir haben ein paar Menschen damit verärgert, weil wir vorher keinem Bescheid gesagt hatten, dass wir unsere Platte so herausbringen wollen.

Neben der Promotion, was macht das Album besonders für dich?

Rix: Es ist das persönlichste. Die letzte Platte Off With Their Heads hatten wir ziemlich schnell im Studio fertig. Die Songs sind gut, aber sie klingen teilweise sehr hastig, vor allem die Texte. Sie sind nicht so tiefempfunden und einnehmend wie auf diesem Album. Uns sind viele Dinge in der Zwischenzeit passiert, wir hatten mit Verlusten zu kämpfen und das spiegeln auch die Texte wider. Das Album ist wie eine Reise, ein klassisches Album. Manche sagen, es sei nicht so ausgewogen. Aber die dunklen Seiten der Platte zeigen auch einfach, dass wir älter und reflektierter geworden sind. Ich denke trotzdem, dass man dazu tanzen kann.

Was macht die Zukunft denn nun mittelalterlich?

Rix: Nick hatte viele Bücher über London in der viktorianischen Ära gelesen, deshalb geht es auf der Platte häufig darum. Wir haben aber auch versucht, die guten Dinge aus der Vergangenheit zu nehmen, wie zum Beispiel CDs kaufen oder Schallplatten besitzen, für die man sein ganzes Taschengeld gespart und wo man noch Zeit in Musik investieren. Über solche Dinge haben wir nachgedacht und versucht, eine Verbindung zur heutigen Zeit herauszuarbeiten. Dann sind wir einfach darauf gekommen: The Future Is Medieval.

Die Kaiser Chiefs aus Leeds haben sich nach der ähnlich heißenden südafrikanischen Fußballmannschaft benannt. Sänger Ricky Wilson, Gitarrist Andrew «Whitey» White, Bassist Simon Rix, Keyboarder Nick «Peanut» Baines und Drummer Nick Hodgson veröffentlichten als Kaiser Chiefs mit Employment im Jahr 2005 ihr erstes Album. Mit ihrem zweiten Album und der Single Ruby hatte die Indierockband einen Nummer-eins-Hit in Großbritannien. Das vierte Album The Future Is Medieval ist am 1. Juli in Deutschland erschienen. 

ruk/news.de
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