Jedes Jahr verleiht die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche einen Negativpreis. In diesem Jahr trifft es die Atomkonzerne, weil sie «die Wahrheit verdrehen». Doch die Journalisten sparen auch nicht an Selbstkritik.
Die vier großen Atomkonzerne in Deutschland haben als «Informationsblockierer des Jahres» den Negativpreis «Verschlossene Auster» erhalten. Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche übergab den Preis am Samstag in Hamburg an zwei Vertreter der Konzerne RWE, EnBW, Vattenfall und E.ON. Zur Begründung hieß es: «Die Atomkonzerne haben Jahrzehnte lang die Wahrheit in ihrem Sinne verdreht, Politik massiv unter Druck gesetzt und die Gefahr von Atomkraft gegenüber der Öffentlichkeit unter dem Deckmäntelchen des Klimaschutzes heruntergespielt.»
Der Preis geht traditionell an eine Persönlichkeit oder Organisation, die nach Ansicht der Jury Informationen blockiert. In Vorjahren bekamen der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn, der Bundesverband der Banken, das Internationale Olympische Komitee, der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily, der Lebensmittelkonzern Aldi und die katholische Kirche die «Verschlossene Auster».
Schon am Freitag hat die Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche mit einer kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Berufsstand in Hamburg begonnen. «Wir müssen uns fragen, ob wir eigentlich die Berichterstattung machen, die die Lebenswirklichkeit unserer Leser trifft», gab Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo in einer hochkarätig besetzten Chefredakteurs-Runde zu bedenken.
Kritik auch am Journalismus
Seit dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima gingen die Auflagen bei vielen Printmedien stark zurück, dagegen habe der Fernsehkonsum zugenommen. «Als ob sich die Leute abschotten wollten von Nachrichten», sagte di Lorenzo. Zugleich bemängelte er einen zunehmenden Konformismus in der Branche: «Das ist ein Missstand, den ich nicht verstehe.»
Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo plädierte für eine stärkere Aufrichtigkeit: «Wir müssen ehrlich damit umgehen, was wir wissen und was nicht.» Wahrhaftigkeit sei die höchste Tugend im Journalismus, sagte er in der Talkrunde zur Eröffnung der Jubiläumsveranstaltung zu zehn Jahren Netzwerk Recherche. Hans Leyendecker, Leiter der investigativen Recherche bei der Süddeutschen Zeitung, rief die Medien-Kollegen dazu auf, «Reporter und Beschaffer» stärker zusammenarbeiten zu lassen. Gute Rechercheure seien oft schlechte Schreiber.
Zu der zweitägigen Jahrestagung werden an diesem Freitag und Samstag 750 Journalisten erwartet. Motto ist in diesem Jahr «Sisyphos war ein glücklicher Mensch. Über:morgen. Qualitäts-Treiber Recherche». In Diskussionen und Vorträgen geht es um Themen wie Recherche in verstrahlten Regionen, die arabische Revolution in deutschen Medien und den journalistischen Umgang mit der Darmkrankheit EHEC.
roj/news.de/dpa