Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Alfons deckt mit seinen Reportagen und Umfragen auf, und zwar Dinge, die Deutsche über sich selbst noch nicht wussten. Denn vor seinem Puschelmikrofon passiert etwas Seltenes - die Menschen sind ehrlich.
Wenn ein Passant, ein älterer Herr, auf der Straße die Frage - «Welches Tier fällt Ihnen ein, wenn Sie Ihre Frau ansehen?» - mit «Pottwal» beantwortet, sind zwei Dinge klar. Der Mann ist sehr ehrlich und er hat die Antwort in das Puschelmikrofon von Alfons gegeben.
Seit mehr als zehn Jahren zieht der französische Reporter mit orangefarbener Dederon-Jacke und Mikrofon, das einem nassen Hund ähnelt, durch Deutschland, um die Eigenheiten seiner Wahlmitbürger zu begreifen. Für den deutschen Zuschauer entstehen dabei Umfragen und Reportagen, die ein Spektrum an Gefühlen auslösen: zwischen zum Brüllen komisch, verwundernd oder zum Fremdschämen peinlich.
Alfons hat Talent für Comedy und will das eigentlich gar nicht. «Ich habe bis heute nicht das Gefühl, dass ich Komödiant bin. Wenn ich meinen Beruf irgendwo eintragen muss, schreibe ich ‹schlechter Journalist›, das bezeichnet mich am besten», sagt Emmanuel Peterfalvi. So heißt Alfons in zivil, ohne Jacke und Mikro. Ein einigermaßen schwieriger Name, deshalb verstehe er auch nicht, warum Journalisten den immer aussprechen oder im Fernsehen einblenden wollen. Alfons ist die Marke, so kennen ihn die Leute auf der Straße. Früher habe er gedacht, er müsse die Figur mit ihren Regeln strikter von sich als Privatperson trennen. «Das hat mich blockiert», und so ist Emmanuel Alfons und Alfons auch irgendwie Emmanuel.
Der Kindheitstraum vom Radio - oder der Landwirtschaft
Eigentlich habe der heute 44-Jährige selbst ernsthafte journalistische Arbeit machen wollen, zum Radio war sein Kindheitstraum, Fernsehstudios haben ihn fasziniert - oder eben Landwirt werden. Während eines Ersatzdienstes für das französische Militär verschlug es ihn nach Deutschland, wo Peterfalvi den Pay-TV-Sender Premiere mit aufbaute und zum ersten Mal im Fernsehen zu sehen war. Seit 1991 lebt er in Hamburg.
Doch ernsthaft klappte nicht. «Alle haben sich immer totgelacht über meine filmischen Arbeiten.» Traurig darüber ist er keineswegs. «Non, non, non, es ist ein Genuss. Ich glaube, besserer Journalist würde mich sehr langweilen, aber als Komödiant würde ich mich auch sehr komisch fühlen.» Alfons deckt auf und recherchiert in den Untiefen der Gesellschaft, bei Rasenmäher-WM im Norden, Finkenschlagen in Ostdeutschland oder Hundeschau im Westen.
Dabei hat Alfons keine Hemmungen. «Durch ihn kann ich Seiten von mir ausleben, die ich sonst nicht ausleben könnte oder dürfte.» Er habe Spaß mit Alfons, denn die Figur sei das Kind, das Peterfalvi noch immer in sich trage. «Einmal die Woche darf es sich austoben.» Durch die Naivität, mit der er seine Fragen stellt, wird Alfons in verblüffende Situationen und Gespräche verwickelt.
Wenn der Puschel-Reporter im Schrebergartenverein den Afrikaner Jesse in dessen urdeutscher Kleingartenparzelle besucht. Dann nehmen auch vorschriftenreitende Mitglieder kein Blatt vor den Mund, nennen Jesse «Neger» und lachen mit ihm gemeinsam. «Ich finde es toll, wenn sich die Leute vor meinem Puschelmikrofon öffnen und authentisch sind, wie am Stammtisch oder in der Familie.» Damit beschreibt Alfons «die Magie des Puschelmikrofons». «Diese Menschen haben einen Bonus bei mir. Ziemlich oft bin ich in einen Typ verliebt und das was er sagt, finde ich unmöglich.»
Schämen als deutsche Spezialität
Das sind häufig die Momente, in denen man sich als Deutscher verkriechen oder auswandern möchte, ob der Lebenssicht der eigenen Landsleute, doch Alfons wiegelt ab. «Es hat eigentlich nichts mit Deutschland zu tun, sondern mit den Menschen.» Und der Reporter will aufdecken, dass in vielen unscheinbaren eigentlich «supercharmante» Typen stecken. Das Schämen sei außerdem eine deutsche Spezialität. «Ich denke, macht’s doch wie wir: Wir schämen uns nicht, dass wir Franzosen sind und damit die besten der Welt.»
Auf der Suche nach Charme, wird er meist fündig. Nur einmal habe er wirklich Ärger gehabt und sei samt Kamerateam rausgeschmissen worden - aus einem Westerndorf. «Da gab es nicht die Sympathie, von der ich träume.» Die Anwesenden hätten wohl falsch verstanden, was er wollte. Die Reportage ist nie gesendet worden, obwohl er sich auch dafür vorher mit Co-Autor und Alfons-Miterfinder Ralf Schulze viele Gedanken und einen Ablaufplan gemacht hatte. So kam es, wie es bei jedem seiner Einsätze kommt - und zwar anders.
Doch auf unvorhersehbare Situationen kann sich Alfons gut einstellen. «Ich bin selbstsicherer und spontaner geworden mit der Zeit, aber ich muss noch viel lernen», gibt Peterfalvi zu. Denn mittlerweile vertraut er darauf, dass in zehn Stunden Arbeit unterwegs immer etwas passiert, das amüsant in eine Drei-Minuten-Umfrage oder -Reportage geschnitten werden kann. Doch Alfons hat noch mehr Facetten als die des Clowns. Nachdenklich und melancholisch sei er und deshalb hat Emmanuel Peterfalvi große Pläne mit ihm. «Ich würde gern nach Haiti fahren und gucken, wie die in den Slums leben.» Alfons in Spielfilmlänge könne er sich sehr gut vorstellen.
Socken als Romantikfaktor
Doch bis dahin wird er noch oft in Deutschland mit dem Puschel-Mikro unterwegs sein oder das Publikum live begeistern. Denn die feinen Unterschiede zwischen den Nationen, die beide seine Heimat sind, bereitet er auch in Bühnenprogrammen auf. Die machen Alfons vom schlechten Journalisten zum Entertainer. Das Publikum jauchzt, wenn im Film eine Frau «Frische Socken angezogen» antwortet, auf die Frage: «Was ist das Romantischste, was Ihr Mann in letzter Zeit für Sie gemacht hat?» Auch Alfons lacht mit. Dabei werden seine Augen zu fröhlichen Schlitzen und der schüttere, gegelte Haaransatz schiebt sich noch weiter nach oben. Es scheint, als fühle er sich wohl auf der Bühne. Im November wird bereits sein fünftes Programm Vorpremiere haben, die Kindheit in Frankreich wird zum Thema.
Vorher ist Alfons in kleinen Happen spätnachts im Fernsehen zu sehen. Eine neue Staffel der Sendung Puschel TV mit Reportagen, Umfragen und Studiogesprächen mit dem Publikum läuft in der Nacht von Montag auf Dienstag in der ARD - sehr spät. Auch deshalb regt er an, doch eine Email an zuschauerredaktion@sr-online.de zu schicken. Er selbst bekomme nach jeder Sendung Post. Und wenn da steht «Du hast uns glücklicher gemacht», gehe ihm das direkt ins Herz.
Puschel-TV, von Montag auf Dienstag 0.35 Uhr im Ersten
ruk/news.de