Musik Hans Werner Henze wird 85

Hans Werner Henze wird 85 (Foto)
Hans Werner Henze wird 85 Bild: dpa

Schon vor Jahren hatte er angekündigt, nie wieder eine Oper schreiben zu wollen. Aber sich daran zu halten - kein Gedanke. «Was hätte ich sonst den Tag über machen sollen?», sagte er einmal: Hans Werner Henze, einer der großen Komponisten unserer Zeit.

Berlin (dpa) - Schon vor Jahren hatte er angekündigt, nie wieder eine Oper schreiben zu wollen. Aber sich daran zu halten - kein Gedanke. «Was hätte ich sonst den Tag über machen sollen?», sagte er einmal: Hans Werner Henze, einer der großen Komponisten unserer Zeit.

Erst im vergangenen Jahr ging die Uraufführung einer Henze-Oper über die Bühne. Schreibt er noch etwas Neues? Es sei nicht auszuschließen, sagte Henze selber vor einiger Zeit. An diesem Freitag wird er, der unendlich viele Stücke komponiert hat, 85 Jahre alt.

In den vergangenen Jahren fehlte es in Henzes Leben nicht an Schicksalsschlägen: Sein Lebensgefährte starb, er selbst war schwer krank, lag im Koma. Dann besiegte er die Krankheit - und komponierte weiter. Immerhin hatte er schon 1963 der Freundin Ingeborg Bachmann vorgemacht, wie ein Künstler persönliche Krisen bewältigen solle: nämlich durch Arbeit. Erfahrungen seien dazu da, in Werke umgesetzt zu werden, schrieb er ihr damals.

Danach hat er sich gerichtet: In einem Interview sagte er, die Musik sei «eine Art Belohnung für die vielen schwierigen Dinge, die ich erlebt habe». Er galt als Rebell und Außenseiter, der für den Geschmack der musikalischen Avantgarde zu gefällig komponierte. «Von Anfang an hatte ich Sehnsucht nach dem vollen, wilden Wohlklang», lautet sein vielzitiertes musikalisches Credo. Und dazu nutzt er auch Klänge, die an Musik vom Barock bis zu Richard Strauss, ja bis zum Jazz erinnern.

«Ein Westfale, der in die Welt zog», nannte ihn ein Kritiker einmal. Geboren wurde der Sohn eines Lehrers in Gütersloh. Schon als Kind komponierte er, später fand er zur musikalischen Revolution der Zwölftonmusik - und entfloh schließlich dem Muff der Bundesrepublik der Nachkriegszeit. Seit mehr als 50 Jahren lebt er in Italien, in den Albaner Bergen vor den Toren Roms - dort, wo auch die Päpste Ruhe suchen. Er erzählte einst, jeden Nachmittag auf seiner Terrasse zu sitzen und alte Olivenbäume zu betrachten: «Ich sitze hier und tue nichts.»

Nach dem Krieg studierte er Musik, gleichzeitig ließ er sich in Komposition unterweisen. Später studierte er die Schönberg'sche Zwölftontechnik und komponierte auch selbst zwölftönige Stücke. Doch Henze ging rasch auf Distanz: «Ich wollte meinen Weg allein gehen, wollte keiner Schule, keiner Gruppe angehören.»

Spätestens 1965 kam der ganz große Durchbruch mit der Oper «Der junge Lord». Damals lebte er schon in Italien und war in künstlerischer Leidenschaft zu Ingeborg Bachmann entbrannt. Die Oper entstand in Zusammenarbeit mit der Dichterin. Ein Jahr später wurden «Die Bassariden» in Salzburg gefeiert, ein Stück, das Henze einmal als sein wichtigstes Theaterwerk bezeichnete.

Der Komponist war angekommen - «Genie der Wandlungsfähigkeit», «Talentreichster seiner Generation», nannten ihn Kritiker. Und er gilt als politischer Künstler; Henze widmete beispielsweise Che Guevara sein Oratorium «Das Floß der Medusa». Die Uraufführung 1968 in Hamburg wurde zum Skandal, der Chor weigerte sich, unter einer roten Flagge zu singen. Es kam zu Tumulten, die Polizei griff ein und noch bevor ein einziger Ton erklungen war, wurde das Konzert für beendet erklärt. Kein Wunder, dass der deutsche Musikbetrieb lange einen Bogen um Henze machte. Dafür holte ihn Benjamin Britten und führte seine Werke auf.

Doch auch in Deutschland war er bald rehabilitiert, weitere Erfolge stellten sich ein: 1990 das Musikdrama «Das verratene Meer», 1993 in Boston die Uraufführung seiner 8. Symphonie. Später folgten noch zwei weitere Symphonien. «Damit ist mein Beitrag zur Gattung der Symphonie abgeschlossen», sagte Henze.

Ohnehin war es von Beginn an das Musiktheater, für das er schwerpunktmäßig schrieb. Schon früh hatte er auch den musikalischen Nachwuchs im Blick, 1979 und 1980 schrieb er seine Kinderoper «Pollicino» einer jugendlichen Laientruppe auf den Leib. Und seine im vergangenen Jahr uraufgeführte Oper «Gisela! Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks» versteht Henze als Neuschöpfung mit der Jugend für die Jugend.

In den letzten Jahren hieß es bei vielen neuen Werken Henzes, dies sei dann wohl das vermutlich letzte Stück aus seiner Feder. Ein schlechtes Omen? Henze sieht es ganz gelassen; so etwas stachele ihn an, sagte er einmal.

news.de/dpa

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