Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Unterhaltsam und erhellend: Rave On Buddy Holly ist ein tolles Tribut-Album. Es feiert den Rock 'n' Roll-Pionier mit der Riesenbrille, der in diesem Jahr 75 geworden wäre. Mit dabei: Paul McCartney, Lou Reed, Cee Lo Green - und der Geist eines ewigen Teenagers.
Man tritt Buddy Holly sicher nicht zu nahe, wenn man ihm die goldene Ehrenplakette ans Revers heftet, auf der ganz groß diese drei Worte stehen: Der erste Nerd. Nicht nur wegen der legendären Brille mit Kassengestell und scheinbar daumendicken Gläsern. Sondern auch, weil Buddy Holly drei der elementarsten Nerd-Eigenschaften auf sich vereinte: Er war ein tragischer Romantiker. Das Wissen um seine Außenseiterrolle staute in ihm eine gefährliche Energie auf. Und als er eine Möglichkeit gefunden hatte, diese Energie in eine Richtung zu lenken, da folgte er dieser Richtung wie ein Besessener.
Die ersten Zeilen seines bekanntesten Hits sind prototypisch dafür: «If you knew / Peggy Sue / then you’d know why I feel blue / without Peggy / my Peggy Sue.»Wenn Du sie kennen würdest / Peggy Sue / dann wüsstest Du, warum ich so traurig bin / ohne Peggy / meine Peggy Sue.
Da spricht, in denkbar einfachen Worten, einer, der von der Liebe enttäuscht wurde, womöglich sogar gleich von der ersten Liebe. Da trauert jemand, der frustriert ist – auch deshalb, weil er weiß, dass er nicht so einfach ein neues Mädchen finden wird. Buddy Holly, 1959 als 22-Jähriger bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, ist der ewige Teenager.
18 Monate Erfolg, jahrzehntelanger Ruhm
Womöglich fußen genau darauf sein Mythos und sein Einfluss auf die Rockmusik. Beides steht eigentlich in keinem Verhältnis zu Buddy Hollys Erfolg zu Lebzeiten. Drei Alben hat er in seiner gerade einmal 18 Monate währenden Karriere veröffentlicht, einen einzigen Nummer-1-Hit gehabt. Aber
die Rolling Stones und die Beatles haben seine Songs gecovert, Die Ärzte und Weezer haben Lieder nach ihm benannt, 2004 wählte ihn das Musikmagazin Rolling Stone auf Platz 13 unter den 100 größten Künstlern aller Zeiten.
In diesem Jahr wäre Buddy Holly 75 Jahre alt geworden, und das ist Anlass genug für eine weitere Huldigung, die nun erschienen ist: Auf Rave On Buddy Holly spielen 19 Künstler die Lieder des Manns aus Lubbock, Texas nach, von Lou Reed bis
Paul McCartney, von Strokes-Frontmann Julian Casablancas bis Gnarls-Barkley-Sänger Cee Lo Green.
Die Coverversionen geben nicht nur einen guten Überblick über Buddy Hollys Schaffen und die Größe der Schar seiner Bewunderer. Rave On Buddy Holly erklärt tatsächlich auch, was so einzigartig an dieser Musik war, dass John Lennon (ebenso wie Elton John) wegen Buddy Holly beschloss, ebenfalls auf der Bühne eine Brille zu tragen. Wieso
Bob Dylan ihn als «ein Poet - seiner Zeit weit voraus» bezeichnet, weshalb
Bruce Springsteen noch heute die Platten von Buddy Holly spielt, bevor er auf die Bühne geht.
Ein bisschen schizophren
Julian Casablancas bringt diese Faszination im Titelsong am besten zum Ausdruck: Auch in seiner Version hat das Stück eine wabernde Energie. Rave On will unbedingt gefallen, und doch steckt eine gewisse Düsternis in diesen nicht einmal zwei Minuten. Auch Modest Mouse, die sich den Chart-Topper That’ll Be The Day vornehmen, gelingt es, dieses leicht schizophrene Element zu bewahren, ihre Version wirkt verloren und doch druckvoll.
Fast alle Künstler, die hier den Hut vor Buddy Holly ziehen, nehmen sich erfreuliche Freiheiten – das funktioniert bestens dank solch robuster Vorlagen und macht Rave On Buddy Holly zu einem wirklich kurzweiligen Tribut-Album. Die Black Keys nähern sich Dearest sehr puristisch und durchaus sexy, Fiona Apple singt Every Day zugleich niedlich und abgeklärt. Geheimnisvoll wird Not Fade Away in den Händen von Florence & The Machine, schmissig Oh Boy von She & Him.
Justin Townes Earle interpretiert Maybe Baby zugleich lässig und leidenschaftlich, Patti Smith verleiht Words Of Love einen mysteriösen, morbiden Touch. Sogar als Soul-Kracher verkleidet Kid Rock dann Well…All Right, beim Garagenrock der Detroit Cobras (Heartbeat) meint man, Elastica seien nach einer langen Auszeit beim Optiker wieder auferstanden.
Paul McCartney zeigt seine dreckige Seite
Auch ganz abseits der Heldenverehrung bietet Rave On Buddy Holly ein paar echte Höhepunkte. Paul McCartney lässt It’s So Easy in seiner unfassbaren Version gefährlich, sogar dreckig klingen, mit verzerrtem Gesang und ein bisschen Zwischendurch-Gebrabbel in bester James-Brown-Manier. Karen Elson (unterstützt von ihrem Gatten Jack White) verpasst Crying, Waiting, Hoping tolle Harmonien. Lou Reed lässt durch Peggy Sue eine windschiefe Orgel geistern. John Doe schließlich singt Peggy Sue Got Married so gut abgehangen, wie das sonst nur Keith Richards bei den Rolling Stones hinbekommt.
Dieser Keith Richards führte als Teenager übrigens ein Buch, in dem er alle von ihm gekauften Schallplatten verzeichnete. Der erste Eintrag bei den Singles: Peggy Sue Got Married. Der erste Eintrag bei den Alben: The Buddy Holly Story.
Interpret: Diverse
Album: Rave On Buddy Holly
Plattenfirma: Fantasy Records
Erscheinungsdatum: 1. Juli 2011