So., 27.05.12

Durchgehört 28.06.2011 Viele neue Lieblingslieder

Von news.de-Redakteur Michael Kraft

Viel besser kann ein Debüt nicht sein: Toy Horses aus Wales liefern klassische Songwriter-Kunst auf höchstem Niveau. Die Pigeon Detectives geben sich nun anspruchsvoll, Fink zelebriert derweil die Melancholie.

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Einiges an Toy Horses ist ziemlich seltsam. Die Band besteht aus Adam D. Franklin und seinem Stiefvater Tom Williams. Bei ihren ersten Auftritten in der walisischen Heimat benutzte das Duo am liebsten eine sagenumwobene elektrische Ukulele. Und sie haben eine Hochgeschwindigkeitskarriere hingelegt, beinahe aus Versehen. Als die Hobbyband ein paar Lieder bei MySpace einstellte, wurden die prompt (auf beiden Seiten des Atlantiks) im Radio gespielt, Ken Coomer von Wilco brannte darauf, ihr Debütalbum zu produzieren, der Guardian setzte Toy Horses auf Platz 8 der heißesten Bands des Jahres 2011.

Wieso den beiden Walisern so schnell so viel Begeisterung entgegen schlägt, ist nicht schwer zu verstehen. Toy Horses bieten höchste Songwriter-Kunst: zeitlos, aber nicht angestaubt, massentauglich, aber nicht oberflächlich. Die Platte ist elegant, bewegend, höchst unterhaltsam und liefert lauter neue Lieblingslieder. Kurzum: Viel besser kann ein Debüt nicht sein.

Crowded House, die Beatles oder The Shins klingen an. Loyal To The Cause hat ein amerikanisches Flair bekommen, das an die Counting Crows denken lässt, No One’s Ever Gonna Leave You zeigt, dass Toy Horses auch ganz klassischen Indierock im Stile der Kooks beherrschen. Der Rausschmeißer Interrupt vermählt Ben Folds mit Coldplay und John Lennon, und das Ergebnis ist derart betörend, dass man derlei Polygamie sofort gutheißen muss.

Interpret: Toy Horses
Album: Toy Horses
Plattenfirma: Kanoon
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Kritiker sind ein undankbares Pack. Jahrelang hacken sie auf den Pigeon Detectives herum. Die Engländer hatten mit zwei Alben groß abgesahnt, aber auch reichlich Häme geerntet. Die Pigeon Detectives galten als Prototyp für dumme Texte, eine leicht durchschaubare Hit-Masche, für chart-kompatiblen Indierock von der Stange. Für viele Kritiker waren sie der Triumph des Effekts über den Geschmack.

Das hat Wirkung gezeigt. An ihrem dritten Album Up, Guards And At ’Em! hat die Band anderthalb Jahre lang gearbeitet. Das Ergebnis ist um ein Vielfaches geschlossener, abwechslungsreicher und komplexer als die beiden Vorgänger. Das Quintett will ganz offensichtlich beweisen: In uns steckt eine echte Band, mit Potenzial, Talent, sogar Anspruch. In den Texten werden neuerdings die Folgen der Finanzkrise thematisiert, zudem gibt es Bob-Dylan-Zitate. Eine Überraschung.

Auch musikalisch geht es diesmal deutlich subtiler her. Vieles ist durchaus eingängig (wie man das von den Pigeon Detectives kennt), aber in keiner Weise plakativ (was bisher stets ein Markenzeichen der Pigeon Detectives war). Deshalb werden die Kritiker, und womöglich erst recht die Fans, auch nach dieser Wandlung und Weiterentwicklung wieder meckern. Denn nichts zündet sofort. Up, Guards And At ’Em! hat schlicht und ergreifend keine Hits zu bieten, und schon gar keine Kracher, die in einer Liga mit Großtaten wie Take Her Back oder Romantic Type spielen könnten.

Interpret: The Pigeon Detectives
Album: Up, Guards And At ‘Em!
Plattenfirma: Dance To The Radio
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Wie sieht wohl die perfekte Dunkelheit aus? So wie die Räume im Haus der Kultur in Helsinki - einem Gebäude völlig ohne Fenster? So wie das Herz von Guido Westerwelle? Oder doch eher «wie der Arsch eines schwarzen Stieres in einer mondlosen Prärienacht», wie der Erzähler in The Big Lebowski es so anschaulich schildert?

In jedem Fall ist Perfect Darkness der perfekte Titel für das vierte Album von Fink. Denn der Singer-Songwriter aus Bristol liefert eine Platte ab, auf der es kein Quantum Trost gibt. Im Mittelpunkt steht immer wieder die Stimme von Fink, der eigentlich Fin Greenall heißt und sich als DJ und Produzent einen Namen gemacht hat, wenn er sich nicht gerade mit seiner Gitarre der Trübsal hingibt. Guy Whittaker (Bass) und Tim Thornton (Drums) tragen auf Perfect Darkness zwar Entscheidendes bei, scheinen dabei aber stets das Ziel zu verfolgen, sich möglichst unsichtbar zu machen.

Ein dunkler Unterton durchzieht das gesamte Album, in Warm Shadow wünscht sich Fink gar das Ende aller Zeit, oder zumindest das Ende des Leids. Erst das letzte Lied bekommt durch den zweistimmigen Gesang und die dezente E-Gitarre ein kleines bisschen Optimismus verpasst. Berlin Sunrise heißt das Stück - ganz zum Schluss lässt Fink also doch noch ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen.

Interpret: Fink
Album: Perfect Darkness
Plattenfirma: Ninja Tune
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

ruk/news.de
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