So., 27.05.12

«Anne Will» 27.06.2011 «Das Geld ist eh weg»

Gregor Gysi (Foto)
Gregor Gysi wünschte sich mehr Investitionen für Griechenland. Bild: NDR

Von news.de-Redakteur Tobias Rüster

Griechenland in Not: Während die Regierung in Athen am rigorosen Sparkurs festhält, sehen die Griechen ihre Existenzen bedroht. Sonntagstalkerin Anne Will wollte erfahren, ob nur die Steuerzahler für das Desaster büßen müssen.

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Ungeordneter Staatsbankrott oder doch eine geordnete Umschuldung? Völlig egal. Schon jetzt steht fest, dass Griechenlands Gläubiger so oder so einen Teil ihrer Forderungen abschreiben müssen. Experten fürchten sogar, dass die Finanzwelt einen ähnlichen Schock erleiden könnte wie im Herbst 2008, als die Investmentbank Lehman Brothers Pleite ging und eine weltweite Kettenreaktion nach sich zog, in deren Zuge auch hierzulande Banken vom Staat gerettet werden mussten.

Die Frage, wer denn nun wirklich für die finanzpolitischen Verfehlungen Griechenlands aufkommen muss und wo die deutsche Solidarität mit Athen endet, wollte Anne Will am gestrigen Abend zusammen mit ihren Gästen beantworten. Eingeladen hatte sie mit dem Vorsitzenden der Bundestagsfraktion Die Linke, Gregor Gysi, dem Haushaltspolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Otto Fricke, dem Schauspieler Rolf Becker, dem Finanzexperten Dirk Müller und der Unternehmerin Marie-Christine Ostermann fünf streitbare Gäste.

Griechische Wutbürger, helfendes Europa

Ob man die Wut der griechischen Bürger auf Deutschland angesichts der harten Sparmaßnahmen verstehen könne, wollte Will zu Beginn wissen. Die Antwortenden hielten sich größtenteils bedeckt, einhellige Meinung jedoch: Es wird verdammt schwer für die griechische Bevölkerung. Das übliche Gesäusel also. Damit war es mit der Einigkeit aber auch schon vorbei. Denn Will schob die Frage nach, wie zukünftig mit Griechenland verfahren werden sollte und wer dafür aufkommt.

Für einen aufgebrachten Gregor Gysi war klar: «Europa muss helfen.» Doch die Griechen dürften nicht kaputt gespart werden. Nein, Athen braucht Investitionen. Und eine zahlungskräftige Bevölkerung, die, anstatt zu demonstrieren, mittels Konsumverhalten die nötigen Steuern aufbringt, welche dann an die Gläubiger abgetreten werden. Um seine gestikenreichen Ausführungen fundiert zu beweisen, zog er noch den US-amerikanischen Marshallplan aus dem Hut, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den westlichen Besatzungszonen zum Aufbau der Wirtschaft lanciert wurde. Dass der Vergleich doch stark hinkte, schien da erst einmal egal zu sein. Wirkung hatte er.

Griechenland
EU berät Rettungspläne
Video: news.de/dapd

Dirk Müller sah die Sache als Börsenmakler deutlich pragmatischer, wenngleich er Gysis Meinung teilte: Egal, was passiert, die EU-Milliarden für Griechenland gebe es so oder so. Basta. Dafür erntete er im Gegenzug von Gysi Applaus, der zur Hochform auflief und feststellte, «wenn Griechenland bricht, bricht der Euro.» Und weil er sich gerade in Rage geredet hatte, schob er noch ein: «Wir retten die, um uns zu retten.» 

So einfach wollte es sich FDP-Mann Fricke nicht machen. Er betonte in den 60 Minuten mehr als einmal, im Bundestag nur für das zweite Hilfspaket zu stimmen, wenn das griechische Parlament auch bereit wäre, harte Sparmaßnahmen zu beschließen. Wie hart, wollte oder konnte er nicht genauer definieren. Das Fricke hinter seiner Fassade wohl eher zu Müllers Aussage tendierte, kann nur gemutmaßt werden.

Wie wird umgeschuldet und wie helfen die Banken?

Rolf Becker und Marie Christine Ostermann blieben da nicht zurück. Vor allem Letztgenannte konnte sich gar nicht genug darüber echauffieren, dass es immer noch keine geordnete Umschuldung für Griechenland gibt. Auch da vertrat Börsenmakler Müller eine klare Meinung, mit der er nicht hinterm Berg hielt: «Das Geld ist eh weg.» Außerdem pochte er darauf, übrigens wieder im Einklang mit Gysi, dass mit dem europäischen Vorgehen in der Griechenlandfrage vor allem Zeit gewonnen werden soll, um die internationalen Finanzmärkte nicht erneut kollabieren zu lassen. Eines Schuldenschnittes hätte es schon vor einem Jahr bedurft. Mindestens. Das er dafür nur verneinende Kopfschüttler von Fricke erntete, störte den angriffslustigen Müller kein Stück.

Zu regelmäßigen Lachanfällen führte, zumindest bei Rolf Becker, die Frage, wie es mit einer freiwilligen Beteiligung der deutschen Banken und Versicherungen an den Hilfen für Griechenland aussehen könnte. Und es wäre Otto Fricke wirklich zu wünschen, dass er Recht behält, als er im besten FDP-Jargon um die Mitarbeit der betroffenen Institute bettelte. «Die müssen das einsehen.» Da dürfte so mancher Vorstandsboss in Tränen ausgebrochen sein. Auch die Talkrunde zweifelte daran, ob die Banken ein Interesse daran hätten, sich an diesem Vorgehen zu beteiligen. Erst in diesem fortgeschrittenen Stadium legte Fricke die Karten auf den Tisch und zeigte, wie ernst die Lage mittlerweile ist: «Besser 50 Prozent nehmen, als 100 Prozent verlieren.» Zumindest darüber wurde nicht diskutiert.

So brachte es die Sendung auf die ernüchternde und altbackene Erkenntnis, dass ein reichlicher Teil der gezahlten Beträge auf Nimmerwiedersehen in der Ägäis verschwunden sein dürfte. Dass die Steuerzahler erneut die Suppe auslöffeln müssen, stand ebenso nicht zur Debatte, wie die erneuten Milliardenhilfen der europäischen Nachbarstaaten. Es ist doch gut, wenn man Freunde hat, auf die man sich im Notfall verlassen kann. Vor allem in finanzieller Hinsicht.

Bestes Zitat: «Verklagen SIe mich doch!» (Dirk Müller zu Otto Fricke, im Streit darüber, dass die Hilfen für Griechenland an Veruntreuung von Steuergeldern grenze.)
 

cvd/news.de
Leserkommentare (9) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Bavi
  • Kommentar 9
  • 02.07.2011 09:22
 

Die Geschichte wiederholt sich. Wieder sind Spekulanten an der macht, wieder sind die andere schuld, für deutsche die Griechen, für griechen die Deutsche und so weiter. Es gibt kein stopp mehr. Freiwillig haben die Spekulanten ihr vermögen noch nie in der Geschichte an das Volk abgegeben, wie manche „Politiker“ in Europa es dar stellen. Aus dem Wohlstand für alle, ist Deutschland zum Paradies für Spekulanten geworden. Die Arbeit macht nicht mehr wohlhabend, sonder arm.Der Bürgerkrieg - ist das unsere Zukunft? Die Antwort kommt aus Griechenland.

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  • Peter Maillard
  • Kommentar 8
  • 28.06.2011 06:46
 

Der Artikel gibt im Grossen und Ganzen gut wieder wie die Talkrunde abgelaufen ist. Man mag über die Teilnehmer und ihre Statements denken wie man möchte, es entwickelte sich beim Zuschauen das schaurige Gefühl,dass das Fundament der EU unaufhaltsam zerbröckelt dem Bürger schöngeredet wird wie nötig es ist ihn für wenig sinnvolle Korrekturversuche ausbluten zu lassen...Die Geschichte wiederholt sich seit Menschengedenken: Das hart arbeitende Volk muss mit seinem Geld eine Politik tragen,der es sich völlig entfremdet hat. Mehr noch:Die Politik hat sich ihrer Wurzeln u.ihrer selbst entfremdet.

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  • DB
  • Kommentar 7
  • 27.06.2011 18:51
 

..... Problem, bei Spanien sieht das schon Anders aus - da fliegt uns dann das ganze europäische Finanz- und Wirtschaftssystem um die Ohren. Wie das irgendwer gesagt hat, es geht erst mal darum, Zeit zu gewinnen.

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  • DB
  • Kommentar 6
  • 27.06.2011 18:48
 

Nur so überlegen sich die Geldgeber künftig genau, an wen sie Geld leihen # Genau da liegt m.E. das Problem - das ist genauso wie bei der Banken-Krise. Bis zur Pleite der "staubigen Brüder" haben Alle geglaubt, dass eine so große Bank nicht Pleite geht und bedenkenlos immer weiter Geld geliehen. Bei den Staaten - mal abgesehen von so einigen Afrikanischen - ist es doch genauso. Geht GR pleite und die Banken verlieren ihr Geld, werden sie sich wirklich 2x überlegen, ob sie den "Wackelkandidaten" noch Geld leihen, und möglichgerweise sind die dann auch Pleite. P oder IRL währe da kein so großes

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  • Brasilianer
  • Kommentar 5
  • 27.06.2011 14:52
 

Jeder Euro der nach Griechenland geht ist weg ,Banken werden keinen Centavo bereitstellen das ist schon mal klar Die Lösung ist der sofortige Staatsbankrott - so hat dies Argentinien 2002 verantwortungsvoll geregelt - es gab grosse Verluste u. eine harte Zeit auch sind Banken kaputtgegangen,die Währung wurde stark abgewertet um damit wieder Wettbewrbsfähig zu werden der Staat konnte sich schrittweise wieder sanieren - sicher auch heute ist noch nicht alles rosig aber es geht Aufwärts,durch günstiges Preisniveau ist zB. der Tourismus angestiegen. Auch gibt es wieder Investoren aus dem Ausland.

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  • Schreiberling12
  • Kommentar 4
  • 27.06.2011 14:06
 

Wir versuchen uns und den Euro mit dem Paket zu retten. Warum? Der wirtschaftliche Vorteil, den der Euro mit sich gebracht hat, wird doch letztendlich relativ oder gar umgekehrt, wenn wir, um ihn zu halten, Milliarde um Milliarde in andere Länder pumpen müssen. Griechenland ist ja kein Einzelfall. Inzwischen gibt es da schon Portugal und sicher auch bald Spanien, Irland, Italien. Die einzigen, die wir hier "retten" sind die Banken. Damit Griechenland die Zinsen bei den deutschen Banken bezahlen kann, nimmt die BRD neue Kredite bei den deutschen Banken auf...

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  • Buntstift
  • Kommentar 3
  • 27.06.2011 13:59
 

Ergebnislose Gesprächsrunde. Gysi betet seine Verstaatlichungsträume vor, die etwas verquer daherkommende Dame aus dem Lebensmittelgrosshandel hat Kritik, aber keine ernsthaften Lösungsvorschläge. Dem (eher zufällig) in der Politik gelandeten Juristen Otto Fricke hat Börsen-Müller unwidersprochen erklärt, dass im Parlament Experten fehlen und es Aufgabe der Parteien ist, sich das notwendige Wissen zu holen. Der Bundestag ähnelt den Sonntagsrunden von Anne Will: Schräg formulierte Themen, gegen Null tendierender Sachverstand ... aber laut!

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  • hector
  • Kommentar 2
  • 27.06.2011 10:21
 

Hunderte Milliarden Euro wären hinausgeworfenes Geld. Dem schlechten Geld wirft man kein gutes hinterher.

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  • hector
  • Kommentar 1
  • 27.06.2011 10:14
 

Es ist besser GR in die Pleite gehen zu lassen. Die Gläubiger können da nichts holen, da sie keine Sicherheiten besitzen. Die geliehenen Gelder müssen die Gläubiger in den Wind schreiben. Nur so überlegen sich die Geldgeber künftig genau, an wen sie Geld leihen. Unter einem riesigen Rettungsschirm machen alle weiter wie bisher und denken die deutschen Steuerzahler werdens richten. Helfen kann man dann nach der Staatspleite, z.B. kann die Bundeswehr mit ihren Feldküchen hingeschickt werden oder andere Hilfswerke. Erfroren ist in der griech Hitze sowieso noch niemand. Renten und Löhne auf Hartz IV Satz für alle wird GR ja noch leisten können. Europa wird das aushalten.

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