Von news.de-Redakteurin Katharina Bott
Hunderte von Kindern werden jährlich aus Deutschland von ihren Vätern oder Müttern ins Ausland entführt. Der Film Gebt mir meine Kinder zurück erzählt eine solche Geschichte und offenbart die Ohnmacht der zurückbleibenden Elternteile. Heute Abend bei Arte.
Die Juristensprache ist so brutal wie der Fakt. «Internationale Kindesentführung» heißt es, wenn ein Elternteil sein Kind widerrechtlich ohne Zustimmung des anderen ins Ausland verbringt. So steht es in einem beim Generalbundesanwalt zusammengestellten und auf der Internetplattform «kinder-nach-hause.de» veröffentlichten Hinweisblatt. «Die weit überwiegende Zahl dieser Fälle tritt beim Scheitern gemischt-nationaler Verbindungen auf», stellt die Behörde darin fest.
Zeitungsberichten zufolge waren im April in Deutschland 311 ins Ausland entführte Kinder registriert. Handlungsspielraum haben die deutschen Behörden, wenn das neue Aufenthaltsland der Kinder internationale Übereinkommen zur Regelung solcher Fälle unterzeichnet hat. Oder wenn das entführende Elternteil - wie der Vater der vier Kinder aus dem niedersächsischen Hermannsburg - Bundesbürger ist. Trifft beides nicht zu, bleibt «verwaisten» Müttern und Vätern nicht selten schiere Ohnmacht.
Wahre Geschichte, packend erzählt
Wie groß die Ohnmacht sein kann, erzählt der TV-Film Gebt mir meine Kinder zurück von Regisseur Ron Termaat, der auf einer wahren Geschichte basiert: 2004 werden die Kinder Sara und Ammar von ihrem vater nach Syrien entführt. Zu Hause, in den Niederlanden, zurück bleibt die verzweifelte Mutter Janeke Schoonhoven.
Im Film ist die schöne, lebenslustige Hanne vierfache Mutter. Zwei Kinder sind von Nizar Zalek, ihrem syrischen Exmann und die kleinen Zwillinge von Bertus, ihrem zweiten Mann. Als die Botschaft Hanne informiert, dass ihr Ex-Mann die Niederlanden verlassen hat, um einer Morddrohung zu entgehen, ist sie bestürzt. Eigentlich sollte es ins französische Disneyland gehen. Nun hat er ihre gemeinsamen Kinder mit nach Damaskus genommen. Es beginnt ein verzweifelter Kampf um die Rückkehr ihrer beiden Lieblinge in die Niederlande.
Hanne findet zusammen mit Wouter Siemons ihre neunjährige Tochter Bibi und den elfjährigen Sohn Azim in Damaskus recht schnell. Doch: «Syrien ist kein Vertragsland, da macht die Regierung im Grunde nichts für entführte Kinder. So gesehen bist du da deine Kinder los. Und hier bei uns: Die Behörden, die Polizei die sind machtlos, können nichts tun. Also gewöhnt euch schon mal an: ‹Verzeihung, aber für Ihre Kinder können wir nichts tun›.» erklärt Wouter, Experte in Sachen Kindesentführung.
Hannes Kinder dürfen Syrien ohne die Erlaubnis ihres Vaters nicht verlassen, so lautet das syrische Gesetz. Auch der Botschafter kann da nicht helfen. Dieses Wissen nutzt Nazir aus. Er tischt sowohl seinen Kindern als auch den traditionsbewussten Verwandten haarsträubende Lügen auf, weil er sich schämt, ohne Frau und Kind dazustehen. Als zwei Monate später Sohn und Tochter nicht - wie verabredet - an Bord der niederländischen Maschine sind, begreift die Mutter, dass Nazir ihr die Kinder wirklich entreißen will.
Schnöder Titel, schöner Film
«Papa» statt «Mama» rufen die kleinen Zwillinge, die Hanne in Sorge und im Kampf um ihre beiden entführten Kinder ebenso vernachlässigt wie den Vater der beiden - Bertus. «Wenn Du nach Damaskus gehst, dann ist es aus zwischen uns», stellt Bertus die besorgte Mutter vor die Wahl. Eine Wahl, die ihr Mutterherz gar nicht hat: Natürlich fährt sie. Im Gassengewirr von Damaskus versucht sie mit ihren verschleppten Kindern zu fliehen, wird jedoch von Nazir gestellt. Auf offener Straße schlägt er sie und bezeichnet sie als Hure. Nun wissen auch die Kinder: Vater lügt.
Gebt mir meine Kinder zurück ist ein schnöder Titel für einen wirklich gelungenen Film. Seine Stärke liegt im beklemmenden Realismus. Das Drama überzeichnet die Konflikte und Personen nicht, sondern nuanciert sie. Es verdammt keine Religion, keinen Staat, keine Kultur: Die packende Fernsehproduktion heftet sich an die Fersen eines sich selbst und seine Umwelt belügenden Vaters, der das herrschende syrische Recht ausnutzt, um bei seinen Kindern sein zu können. Und zeigt eine Mutter, die wie eine Löwin um ihre Kinder kämpft.
Die niederländische Nachwuchsschauspielerin Karina Smulders geht in ihrer Mutterrolle Hanne völlig auf. Die Verwandlung der noch immer verliebten Habibdi hin zur wütenden Mutter meistert sie mit Bravour und ist dabei mehr als glaubwürdig. Eine ebensolche Glanzleistung ist Huseyin Cahit Ölmez mit der Darstellung des nicht leicht zu durchschauenden Vaters gelungenen. Er mimt den gleichermaßen liebenden und charmanten wie verlogenen und schlagenden Familientyrann so überzeugend, dass der Zuschauer zunehmend die Faust in der Tasche ballt. Bis es weh tut.
Ob der aufrüttelnde Realismus im Film soweit geht, dass die Kinder für immer bei ihm bleiben müssen? Das kann man heute zur besten Fernsehzeit in Gebt mir meine Kinder zurück auf Arte erfahren. Achtung, Taschentuchalarm!
Bestes Zitat: Friseurin: «Vielleicht hättest Du keinen Araber heiraten sollen?» Hanne: «Ich hätte nicht diesen Araber heiraten sollen.»
Titel: Gebt mir meine Kinder zurück
Regie: Ron Termaats
Darsteller: Karina Smulders, Huseyin Cahit Olmez, Thom Hoffmann, Fiona Livingston, Jurgen Bogaert, Tjebbo Gerritsma
Sendetermin: Freitag, 24. Juni 2011, 20.15 Uhr, Arte