So., 27.05.12

«Blitzlichtgewitter» 23.06.2011 Im Schatten des Rampenlichts

«Blitzlichtgewitter» (Foto)
Immer auf der Jagd nach dem nächsten Schnappschuss: Paparazzo Les Galantine (Steve Buscemi, rechts) und Assistent Toby (Michael Pitt). Bild: Arte F/Memento Films

Von news.de-Volontärin Juliane Ziegengeist

Ein Obdachloser, ein Paparazzo und ein Popsternchen: In Tom DiCillos Film Blitzlichtgewitter treffen Welten aufeinander - die auf dem roten Teppich und die hinter der Absperrung. Arte zeigt die Tragikomödie über Sein und Schein im Rampenlicht heute Abend.

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«The shot heard 'round the world»Aus dem Englischen: Der Schuss, der um die ganze Welt gehört wurde. Das Zitat stammt aus einem Gedicht des amerikanischen Schriftstellers Ralph Waldo Emerson. Er beschrieb damit die Gefechte von Lexington und Concord, mit denen 1775 der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg begann. - eine Phrase, die Paparazzo Les Galantine (Steve Buscemi) nicht müde wird zu wiederholen. Zu groß ist die Gier nach dem Schnappschuss, der ihn berühmt macht. Und der es ihm erlaubt, das Promijagen an den Nagel zu hängen und sein Geld endlich als seriöser Fotograf zu verdienen. Denn das ist er eigentlich, sagt er. Und als seriöser Fotograf braucht man natürlich einen Assistenten. Also sagt Les nicht Nein, als ihm der obdachlose Toby (Michael Pitt) seine Dienste anbietet - «für lau» versteht sich, wobei ein Schlafplätzchen im Wandschrank von Les' Bruchbude schon drin ist.

Was zu Beginn von Blitzlichtgewitter noch ein reines Zweckbündnis ist, reift bald zu einer kuriosen Männerfreundschaft. Gemeinsam macht das ungleiche Paar Promipartys unsicher, lässt Werbegeschenke mitgehen und landet durch Zufall seinen ersten großen Coup. Les lehrt Toby Lebensweisheiten à la «Think big, get big». Und der erinnert ihn im Gegenzug daran, sich nicht klein machen zu lassen, wenn das Paparazzo-Herz ob der Verachtung der eigenen Eltern zu brechen droht.

Doch wie das Leben so spielt, stört eine Frau das Duo Infernale: Als Toby bei seiner Flamme K'harma (Alison Lohman), einem erfolgreichen Popsternchen, landet, wittert Les seine Chance. Mit einem verfänglichen Foto von ihr in den Klatschspalten der Magazine könnte er viel Geld machen. So bricht er sein Versprechen, die Kamera stecken zu lassen, als er mit Toby auf K'harmas Geburtstagsfeier aufschlägt. Die Sängerin ist gekränkt, Toby fühlt sich betrogen und flieht - nicht etwa zurück auf die Straße, sondern in das Nobelloft einer Castingagentin, die ihm zur Schauspielkarriere verhilft. Für Les ein Schlag ins Gesicht.

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Im «Blitzlichtgewitter»
Video: Arte

Steve Buscemi spielt in Höchstform

Regisseur und Drehbuchautor Tom DiCillo, der sein Können zuletzt mit dem Doors-Dokumentarfilm When You're Strange unter Beweis stellte, hat mit Blitzlichtgewitter eine moderne Tragikomödie inszeniert, die das Showbusiness von heute spitzzüngig kommentiert. Fahrt bekommen die Bilder durch eine dynamische Kameraführung und einen gelungenen rocklastigen Soundtrack. Schon das Intro, in dem sich Toby zu Bohemian Like You von den Dandy Warhols aus dem Müllcontainter quält und eine Kippe nach der anderen schnorrt, trifft den richtigen Ton.

Vor allem aber lebt der Film von seiner genialen Besetzung. Steve Buscemi, eine Ikone des Independent-Films, spielt die Rolle des Paparazzo in gelber Lederjacke und Cowboystiefeln in jeder Szene überzeugend: Er faucht Toby mürrisch an, weil der die Kamera fallen lässt oder die Werbegeschenke vergisst. Über die «Scheiß-Promipartys», auf denen ohnehin nur «Arschlöcher» rumlaufen, könnte er sich stundenlang aufregen.

Wenn er denen, die er vor die Linse kriegen will, dann aber gegenüber steht, bleibt Les die Spucke weg. Beim Gedanken an seine Eltern, die verabscheuen, was er tut, steigen Tränen in seine großen Augen. Die treten, wenn er sich aufregt, so sehr hervor, dass man nicht weiß, ob man lachen oder Angst bekommen soll. Seine Zerbrechlichkeit wird letztlich durch Buscemis deutsche Snychronstimme komplettiert, bei der man unweigerlich an Spongebob Schwammkopf denken muss.

Den Gegenpart zu Les' Verbitterung, die sich auch daraus speist, dass er Luftschlösser baut, die sich nicht erfüllen, mimt Michael Pitt als Toby nicht minder überzeugend. Blonde Zottelhaare, Dreitagebart und tiefblaue, treue Augen - schon allein optisch ist er ein einziger Kontrast zu Les. Mit seiner naiv-liebenswerten Art und seinem positiven Geist schafft er das, was seinem «Chef» immer verwehrt blieb. Er wird Teil der Glitzerwelt, in die er - unschuldig und bodenständig - eigentlich noch viel weniger passt als Les.

Eine Satire auf die Oberflächlichkeit der Promiwelt

Ob Toby in der Welt des Scheins glücklich werden wird, bleibt offen, ist aber angesichts des satirischen Grundtons von DiCillos Film mehr als fraglich. Nicht umsonst romantisiert er Tobys Aufstieg vom Obdachlosen zum Star einer Reality Soap anhand seiner Liaison mit K'harma. Ein tiefer Blick auf dem roten Teppich, vom Himmel regnende Rosenblätter, eine Liebeserklärung vor laufender Kamera: All das wirkt bittersüß in einer Welt, in der man heute «in» und morgen schon wieder «out» sein kann, in der sich Erfolg nur bedingt an Qualität misst.

Das ist auch als Wink auf DiCillos eigenes Schaffen zu verstehen. Ihm blieb trotz einiger bemerkenswerter Regieleistungen der große Publikumshit bisher verwehrt, auch weil er das gar nicht möchte. Blitzlichtgewitter ist ein Film über eben diese Absurdität der Welt von Stars und Sternchen, ohne Partei für die Seite vor oder hinter der Kameralinse zu ergreifen.

Am Ende bleibt die Hoffnung, dass Toby seine Natürlichkeit trotz des Rampenlichts bewahrt. Denn viele reale Promikarrieren zeigen nur zu gut, wie leicht man sich blenden oder zu Dingen hinreißen lässt, die man eigentlich gar nicht will, nur um dazuzugehören und ein bisschen Anerkennung zu erheischen. Seinen ehemaligen «Chef» Les, der an der Schwelle zum psychopathischen Racheengel gerade noch einmal die Kurve kriegt, erkennt Toby jedenfalls auch vom roten Teppich aus - und schenkt ihm schließlich «the shot heard 'round the world».

Bestes Zitat: «Ich hab' Laseraugen. Das ist eine Gabe und auch ein Fluch.» (Les erklärt Toby sein Können)

Titel: Blitzlichtgewitter
Regie: Tom DiCillo
Darsteller: Steve Buscemi, Michael Pitt, Alison Lohman
Sendetermin: Donnerstag, 23. Juni 2011, 20.15 Uhr, Arte

krc/news.de
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