So., 27.05.12

«Sonntagsvierer» 23.06.2011 Freitod unter Freunden

Sonntagsvierer (Foto)
Vier, die mal dicke Freunde waren (von links): Fritz (Walter Hess), Emil (Klaus Wildbolz), Dieter (Günther Maria Halmer) und Bruno (Herbert Leiser). Bild: ARD Degeto/die film gmbh/Lukas Unseld

Von news.de-Mitarbeiterin Ina von Brunn

Der Sonntagsvierer ist ein Film, der ein grundlegendes Thema unserer alternden Gesellschaft aufgreift: Darf der Einzelne den Freitod wählen, wenn er aufgrund einer unheilbaren Krankheit zu einer Last für die Angehörigen wird? Das Erste macht daraus, ausgerechnet, eine Komödie.

Der Freitod Gunter Sachs’ Anfang Mai hat ein brisantes Thema unserer alternden Gesellschaft ins Bewusstsein gerufen: Ist es legitim, sich das Leben zu nehmen, wenn im Alter eine Krankheit diagnostiziert wird, die den Betroffenen über kurz oder lang zu einem Pflegefall und damit einer Belastung für die Familie werden ließe?

Gunter Sachs bejahte diese Frage, da er für sich keinen anderen Ausweg aus seiner Krankheit mehr sah. Es geht dabei um die zentrale Frage des Weiterlebens oder Sterbens in Würde. Und auch um die große Angst des Kranken vor dem «Verlust der geistigen Kontrolle» über sein eigenes Leben, wie Gunter Sachs es in seinem Abschiedsbrief formulierte.

Auch Kino und Fernsehen haben dieses Thema für sich entdeckt. Im Januar waren Senta Berger und Bruno Ganz in Satte Farben vor Schwarz auf der deutschen Kinoleinwand zu sehen. Statt sich mit der schweren Krankheit zu arrangieren und sie systematisch zu bekämpfen, wählte das von den beiden Schauspielgrößen verkörperte Ehepaar den gemeinsamen Freitod.

Das Erste strahlt nun eine schweizerische Produktion zu eben diesem Thema aus. Im Sonntagsvierer reaktivieren vier alte Freunde, die 35 Jahre nicht miteinander gesprochen haben, eine wochenendliche Golfrunde in einem Berghotel in den Schweizer Alpen. Beim Abendessen offenbart Emil seinen drei Freunden, dass er die Huntington-Krankheit habe - eine parkinsonähnliche Erkrankung, bei der sich ein anfängliches Zittern im Laufe der Zeit zu Anfällen, Aggressionen und schließlich Demenz steigert. Eine Therapie ist nicht möglich. Der Betroffene vegetiert bis zu zehn Jahre vor sich hin, bis ihn schließlich der Tod ereilt.

Verweigerung, Entsetzen und Ratlosigkeit als Reaktion

Die drei Freunde reagieren ganz unterschiedlich auf die Eröffnung Emils, sich am Ende des Wochenendes mit ihrer Hilfe das Leben nehmen zu wollen. Bruno, dem Emil vor 35 Jahren die Frau ausgespannt hat, was zur Auflösung des «Sonntagsvierers» führte, verweigert sich und will abreisen. Fritz und Dieter sind nach anfänglichem Entsetzen ratlos und sich nicht sicher, wie sie sich als Freunde in einer solchen Situation verhalten sollten. Haben sie das Recht, ihren Freund an seinem Vorhaben zu hindern oder sollten sie ihn im Gegenteil unterstützen?

Frau und Familie dagegen sind ahnungslos. Der Versuch, seiner Angetrauten und seinen völlig desinteressierten Kindern die Wahrheit zu sagen, scheitert. Die daheimgebliebene Ehefrau wittert, dass etwas im Busch ist. Allerdings vermutet sie einen Seitensprung ihres Mannes mit seiner Sekretärin. Letztere ist auch tatsächlich im Hotel anwesend, weil sie im Auftrag ihres ehemaligen Chefs das Gift für den Selbstmord besorgt hat.

Ehefrau Ingrid macht sich zusammen mit ihrer besten Freundin auf den Weg ins Golfhotel, um ihren Mann in flagranti zu erwischen. Und so finden sich die vier Freunde, die Ehefrau und die Sekretärin alle im selben Hotel wieder.

Unerwartete Wendungen und Geständnisse

Die Regie inszeniert schön sich öffnende und schließende Hoteltüren, die manchmal Überraschungen zum Vorschein kommen lassen. Zudem wartet das Drehbuch mit einigen unerwarteten Wendungen auf. Der Ernst der Situation, die zum grundsätzlichen Nachdenken über Leben und Tod anregt, verleitet darüber hinaus zu dem ein oder anderen Geständnis.

Entgegen der Schwere, wie sie in Satte Farben vor Schwarz transportiert wird, ist der Sonntagsvierer eher leichte Abendunterhaltung. Dennoch werden die wesentlichen Fragen zum Thema im Laufe des Films gestellt. Die Angst, alleine zu sterben, wird genauso thematisiert wie die Frage, ob man seine Lieben in die eigenen Freitodpläne einweihen darf. Auch die Angst vor Krankheit, Kontrollverlust und Pflegebedürftigkeit steht im Zentrum der Dialoge. Damit wird ein schwieriges, aber wichtiges Thema für ein breites Publikum leicht verdaubar aufbereitet und regt durchaus dazu an, sich einmal grundsätzlich mit dem Thema zu beschäftigen.

Bestes Zitat: «Ich bin nämlich zum Golfen hier und nicht, um aktive Sterbehilfe zu leisten.» (Bruno zu Fritz nach Emils Eröffnung)

Titel: Sonntagsvierer
Regie: Sabine Boss
Darsteller: Klaus Wildbolz, Günther Maria Halmer, Herbert Leiser, Walter Hess und andere
Sendetermin: Donnerstag, 23. Juni 2011, 20.15 Uhr, Das Erste

car/zij/news.de
Leserkommentare (4) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • fragnicht
  • Kommentar 4
  • 26.06.2011 09:51
 

Das Normalste auf der Welt ist der Tod- das unschöne daran ist das sterben...Hier könnte man nicht mal, wie früher die amerikanischen Ureinwohner (sogen.Indianer), sich zum sterben an einen "ruhigen Fleck" zurückziehen- selbst diese Freiheit wird nicht gewährt. Das Schild an der Wohnungstür: "Lasst mich in Ruhe, ich liege im sterben" o.ä. formuliert, würde höchstwahrscheinlich nur das Gegenteil bewirken. Erst wenn man "vergessen" ist, hat man wahrscheinlich auch dazu seine "Ruhe". Ich sage nichts gegen die netten Menschen, die dem der es will, in diesen Stunden Beistand leisten...

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  • katalina k
  • Kommentar 3
  • 23.06.2011 22:41
 Antwort auf Kommentar 1

Ich kann dem Komentar 1 sehr zustimmen, wenn der Grund der Selbsttötung das nicht-mehr-Aushalten können von Schmerzen u.s.w. betrifft. . Andererseits wäre vielleicht einmal zu überlegen, ob man sich nicht einmal Ainregungen aus anderen Kulturen holen sollte, in denen Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Tod von Angehörigen als "natürlicher" Bestandteil /Herausforderung des Lebens angenommen wird. Kein Kranker käme dort je auf die Idee, sich das Leben zu nehmen, um seinen Verwandten die "Last" zu ersparen. Vielleicht sollten wir die Werte in unserer Gesellschaft überdenken und verändern...

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  • Albino
  • Kommentar 2
  • 23.06.2011 17:09
 

Habe COPD Stufe4 Gold,Lungenvolumen,20%,lebe mehr schlecht als recht,habe eine Patientenverfügung zum Sterben ohne Maschienen erfüllt,will als Mensch Sterben, Humahn und in Würde.Wenn es Medikamente frei Käuflich gebe,ich hätte sie schon genommen,es gibt keine Heilungchanze,bei der COPD,hatte schon 2x Erstickungstot vor den Augen,draussen in der Natur,seitdem bin ich auch Psysisch kaputt,und habe immer Angstzustände.Nehme die besten Medikamente die es hier in Deutschland gibt,habe 2x Sauerstoff,Mobil&Konzentrator. Wünsche allen Kranken gute Genähsung, musste das hier mal loswerden.

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  • Sahib
  • Kommentar 1
  • 23.06.2011 13:59
 

Warum wird einem Menschen nicht zugestanden das mit sich selbst zu tun, zu was wir laut Gesetz für ein Tier tun müssen? Warum schwingen sich Menschen auf und verurteilen etwas wovon sie keine Ahnung haben? Das sind keine "Feiglinge"! Ärzte machen nur Hoffnung, mehr können sie nicht, sonst wären sie gottähnlich - die können nur Leiden machen, mehr nicht!

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