Arctic Monkeys An der Grenze zur Arroganz

Mit ihrem neuen Album Suck it and see liefern die Arctic Monkeys wieder Musik in ihrem altbekannten, eigenen Stil – vom Feinsten. Ihr Live-Auftritt in Berlin war eine große Show, allerdings an Arroganz und Lustlosigkeit kaum zu überbieten.

Alex Turner von den Arctic Monkeys (Foto)
Alex Turner, Sänger der britischen Band Arctic Monkeys, singt in Scheessel beim Hurricane-Festival. Bild: dapd

John Lennon sagte bei einem Auftritt der Beatles: «Würden die Leute auf den billigen Plätzen mit den Händen klatschen. Der Rest kann einfach mit den Juwelen klappern.» Das war am 4. November 1963 bei der «Royal Variety Performance» in Londoner Prince of Wales Theatre. Auf den Rängen saßen gut betuchte Leute, die sich in aufrechter Haltung Rock‘n‘Roll reinzogen. Unten saß das Volk. Gelächter im Saal – vermutlich mehrheitlich von den billigen Plätzen.

Im Berliner Admiralspalast spielten die Arctic Monkeys in einer ähnlich pompösen Umgebung: Oben die Ränge, an den Seiten mit aufwändigen Stuck verziert, an der Decke ein Kronleuchter, größer als ein Kinderschwimmbecken. Nur Juwelen trug keiner auf den oberen Plätzen, auf den schicken roten Polstersesseln saß auch niemand. Eines hatten aber alle gemeinsam, egal ob oben oder unten in der Masse: sie schwitzten.

Die Körperausdünstungen und die unsagbar schlechte Luft im Saal machten es deutlich: Der 100 Jahre alte Admiralspalast ist kein Ort für ein Rockkonzert. Das altehrwürdige Gebäude hat in Berlins bewegender Geschichte schon für alles mögliche hergehalten: Revuetheater, Lichtspielhaus, Kegelbahn, Eisarena, Solebad, Bordell. Und jetzt eben für die vier Jungs aus Sheffield.

Andacht statt Extase

Alex Turner und die Arctic Monkeys haben Sprüche im Lennon-Format nicht drauf. «Setz Dich nicht, denn Dein Stuhl ist weg», könnte man mit sehr viel guten Willen als einen humoristischen Versuch Turners werten, wenn es sich dabei nicht um einen Song ihres neuen Albums Suck it and see handeln würde. Zumindest stammelte er die Worte im rumpligen Deutsch ins Mikro. Der johlenden Menge gefiel‘s. Noch einmal sagte er etwas ins Mikro, das nicht Liedtext war: «Nice to be in Berlin again» – Applaus, Jubelrufe aus der Menge. Aber das war‘s dann schon mit der Unterhaltung abseits des Programms, das sie einfach runterspulten.

Die Stücke ihres neuen Albums kamen nicht richtig rüber, die Menschenmenge bewegte sich zu den neuen und doch irgendwie vertraut klingenden Monkey-Beats nur zaghaft, andächtiges Zuhören war angesagt. Anders als bei Klassikern wie Brianstorm, I Bet You Look Good On The Dancefloor, When the sun goes down, The View From The Afternoon oder Do me a favour. Wer nicht auf Körperkontakt zu schweißnassen Nachbar-T-Shirts und Herumhüpfen stand, hatte während der altbekannten Songs ein Problem.

Immerhin stehen die neuen Stücke wieder in der Tradition der frühen Monkey-Songs: keine düsteren Grufti-Töne wie auf ihrem letzten Album Humbug. Dafür viele Songs im typischen Monkey-Stil: laut, etwas kratzig und mit langen Pausen zwischendrin.

Nach gut einer Stunde war Schluss, die Band runter von der Bühne. Nach über einer Minute Applaus und zaghaften Zugabe-Rufen kamen sie wieder, spielten noch drei Songs und das war‘s. Abgekartetes Spiel, eine echte Zugabe sieht anders aus. Nach 505, einem ruhigerem Song aus dem Album Favourite Worst Nightmare war Schluss: Kronleuchter an, Türen auf. Kein Tschüss, kein Danke. Das grenzt an Arroganz. Aber: Irgendwie können sie es sich leisten. Wer auf Britpop, Indie oder Rockmusik steht, kommt an dieser Band nicht vorbei.

bas/ruk/news.de

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Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • OpaKnarz
  • Kommentar 6
  • 18.12.2011 19:54

Und wo steckt da nun die Arroganz? Dass man als Musiker nach dem X'ten Konzert ein wenig Routine bekommt ist wohl nichts Verwerfliches. Weiterhin sind Sänger keine Animateure/Schauspieler sondern Sänger, dementsprechend ist es auch vollkommen natürlich, dass der eine etwas ruhiger auftritt und der andere etwas gesprächiger.

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  • AM
  • Kommentar 5
  • 25.06.2011 16:04

Das war alles nur nicht Arroganz. Ganz im Gegenteil: Ich finde die Band ist (wie immer) äußerst sympatisch rübergekommen. Alex Turner hat sich sehr wohl bedankt. Nicht nur einmal, sondern nach fast jeden Song auf Deutsch. Dass die Arctic Monkeys nicht die gesprächigsten sind ist nichts neues. Und ist doch nett, wenn er sich bemüht hat, ständig deutsch zu sprechen! Die Zugabe-Rufe waren auch nicht zaghaft, und die neuen Lieder sind ebenfalls gut angekommen!

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  • micky
  • Kommentar 4
  • 22.06.2011 19:48

Tatsächlich war der Autor wohl nicht dabei! Der Gig war großartig, die Menge schwitzte - yay! Zu behaupten, der Admiralspalast sei nicht die richtige Location ... das ist arrogant! Die Atmosphäre war phantastisch, aber es ist eben auch immer alles eine Frage der Wahrnehmung. Sorry, die Jungs aus Sheffield haben gerockt!

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