So., 27.05.12

Krimi-Rarität 23.06.2011 Der verbotene «Polizeiruf»

Polizeiruf 110 (Foto)
Oberleutnant Jürgen Hübner (Jürgen Frohriep) befragt Till Hochstetter (Darsteller unbekannt) nach seinem Freund Ben. Bild: MDR/DRA

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Erst mit 37 Jahren Verspätung ist heute Abend im Fernsehen erstmals eine Polizeiruf-Folge aus dem Jahr 1974 zu sehen. Warum? Weil die DDR-Bonzen damals Angst vor einem einfachen Krimi hatten. News.de erklärt die Hintergründe der Skandal-Folge.

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Ein Junge verschwindet. Bald darauf wird er gefunden. Ermordet, missbraucht, brutal zugerichtet von dem Täter. Die Polizeiruf-Episode Im Alter von... aus dem Jahr 1974 (damaliger Titel: Am hellerlichten Tag), die der MDR heute Abend erstmals zeigt, orientiert sich an einem wahren Fall: Erwin Hagedorn aus Eberswalde bei Berlin ist 16 Jahre alt, als er 1969 im Blutrausch zwei neunjährige Buben tötet. Obwohl mehr als 200 Kriminalisten nach dem Täter fahnden, bleibt er lange unentdeckt. Zwei Jahre später, im Oktober 1971, kommt es wieder über ihn. Auf einer Waldlichtung ersticht er einen Zwölfjährigen, zerstückelt ihn und vergeht sich an der Leiche.

Der Polizeiruf aus dem Jahr 1974 orientiert sich an der Tat, wobei hier nur ein Junge dem pädophilen Sadisten zum Opfer fällt. Ziel des Films war es, die Menschen in der DDR über Sexualstraftaten aufzuklären, wie es vom MDR heißt. Doch der Streifen unter der Regie von Heinz Seibert wurde nie gezeigt. Kurz vor dem letzten Drehtag begann das Innenministerium der DDR, das Drehteam zu schikanieren. Komparsen wurden abgezogen, technische Geräte entfernt. Der Regisseur konnte gerade noch eine Rohfassung schneiden, bis ein Bereichsleiter des Ministeriums den Regisseur, den Kameramann und den Dramaturgen einlud.

«Uns wurde eröffnet, dass der Film gestoppt wird und nicht gesendet werden kann. Wir waren alle ziemlich gelähmt, weil das nicht nachvollziehbar war», erinnert sich der damalige Dramaturg, Eberhard Görner, in der MDR-Doku Polizeiruf 110 - eine Erfolgsstory. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Das Innenministerium wies an, sämtliche Rohschnitte, Aufzeichnungen und Drehbücher des Films zu vernichten. Der Film geriet in Vergessenheit.

Erst 34 Jahre später wurde ein Kameranegativ des Rohschnitts zufällig unter einer Kellertreppe gefunden. Allerdings ohne Ton. Erst als eine Kopie des Drehbuchs bei der mittlerweile verstorbenen Co-Autorin Dorothea Kleine gefunden wurde, konnte der MDR das Projekt Rekonstruierung weiterverfolgen.

Allerdings waren die meisten Darsteller des verbotenen Filmes mittlerweile verstorben. Die neue Synchronisation übernahmen daher Schauspieler von heute, auch aus der aktuellen Polizeiruf-Reihe: Als Oberleutnant Peter Fuchs ist also nicht Darsteller Peter Borgelt zu hören, sondern die Stimme von Oliver Stritzel. Der zwischenzeitlich verstorbene Schauspieler Jürgen Frohriep wird als Oberleutnant Jürgen Hübner von Andreas Schmidt-Schaller (Soko Leipzig) synchronisiert und Major Wegner (Stanislaw Zaczyk) wird von Jaeckie Schwarz gesprochen. Schwarz ist ansonsten selbst in Person von Ermittler Herbert Schmücke an der Seite von Wolfgang Winkler als Herbert Schneider in Halle auf Verbrecherjagd.

Doch warum wurde der Streifen verboten? In der MDR-Doku zum Thema 40 Jahre Polizeiruf 110, die im Anschluss an den Film ausgestrahlt wird, erfährt der Zuschauer die Hintergründe. Die DDR-Oberen befürchteten einen Skandal in den westlichen Medien. Denn ein Journalist aus Westdeutschland - Friedhelm Werremeier - hatte herausgefunden, dass der tatsächliche Täter von einem Gericht zum Tode verurteilt worden war, obwohl er laut den Recherchen zum Zeitpunkt der ersten Morde nicht volljährig war.

Als Hagedorn im November 1971 endlich geschnappt wird, wirkt er erleichtert. Er ist geständig und außerordentlich kooperativ. Ein Filmstab der Hauptabteilung der Kriminalpolizei rückt an und hält alles akribisch fest, was Hagedorn bereitwillig berichtet und bei Lokalterminen für die Kamera überaus anschaulich demonstriert. Die emotionslose, aber sehr anschauliche Darstellung seiner Taten (zu sehen in der MDR-Doku) war angeblich ausschlaggebend für die Härte seines Urteils: Hagedorn wird am 15. September 1972 in Leipzig hingerichtet, durch einen «unerwarteten Nahschuss», wie es im DDR-Jargon heißt. Er ist gerade 19 Jahre alt.

Der MDR zeigt den verbotenen Film und die Doku anlässlich eines Themenabends zum 40. Geburtstag des Polizeirufs. Aus heutiger Sicht würde die Episode vermutlich beim Publikum durchfallen: Erst nach 23 Minuten ist von einem Mord die Rede; Tat und Opfer sind aber nicht zu sehen. Action auch nicht. Zum Vergleich: Die westdeutsche Tatort-Folge Acht Jahre später aus demselben Jahr beginnt mit einer wilden Schießerei, die bereits nach drei Minuten ein Opfer fordert. Der Bruder des Toten droht, Kommissar Haferkampf (Hansjörg Felmy) dafür zu töten. Dennoch ist die Polizeiruf-Skandal-Folge aus dem Jahr 1974 sehenswert - und ein interessantes Zeitdokument.

Bestes Zitat aus dem Film: «Sie verdächtigen mich doch nur, weil ich eine andere Gefühlswelt habe.» (Verdächtiger zu Leutnant Vera Arndt)

Bestes Zitat aus der Doku: «Ohne Übeltäter war auch in der DDR kein Krimi zu machen.»

Der MDR zeigt den Polizeiruf 110 - Im Alter von... am Donnerstag, 23. Juni 2011, um 20.15 Uhr. Anschließend, 21.25 Uhr, wird eine Doku zum 40. Geburtstag der Krimireihe ausgestrahlt.

Lesen Sie hier unseren Beitrag zur Geschichte des Polizeirufs.

Hier geht's zur Bilderstrecke über den verbotenen Krimi.

wie/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Gudrun Breier
  • Kommentar 1
  • 24.06.2011 17:12
 

Alle wussten es, das sowas auch bei uns passierte,aber es waren zuviele rote Socken darunter,als das man sie an den Pranger stellte.Ich habe es am eigenen Leib erfahren,nur das ich um mein Leben gerannt bin.Aber Hilfe habe ich von der hiesigen Transportpolizei nicht bekommen,denn der Täter hatte ja einen Grund.

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