Von den news.de-Redakteuren Claudia Arthen und Sven Wiebeck
Schon wieder ein Krimi-Jubiläum: Ein halbes Jahr nach dem Tatort feiert nun auch der Polizeiruf 110 seinen 40. Geburtstag. News.de blickt zurück auf die Ursprünge einer Krimireihe, die die Langeweile aus den Wohnzimmern der DDR vertreiben sollte.
Den Auftrag erteilte Erich Honecker höchstpersönlich. Im Frühjahr 1971 rügte er «eine bestimmte Langeweile», die das Fernsehprogramm der DDR verströme und die unverzüglich durch «gute Unterhaltung» und «schlagkräftige Fernsehpublizistik» zu überwinden sei. Die sendete der Klassenfeind: Im West-Fernsehen war im November 1970 die Tatort-Reihe angelaufen und hatte das Aufsehen nicht nur der Zuschauer in der BRD, sondern auch im Arbeiter- und Bauernstaat erregt. Die Genossen des DDR-Fernsehens sollten gegensteuern - und hoben eine neue Krimireihe aus der Taufe: den Polizeiruf 110, der die bis dahin beliebte Reihe Blaulicht ersetzen sollte.
Blaulicht war ein Kind des Kalten Krieges. Die Reihe erzählte von Agenten, Schiebern und Schmugglern, die im Westen zu Hause waren und ihren Geschäften in der DDR nachgehen wollten. Der Polizeiruf verabschiedete sich von dieser grenzüberschreitenden Kriminalität. Fortan spielten die kleinen und großen Verbrechen von DDR-Bürgern die Hauptrolle.
Täter waren Außenseiter der Gesellschaft
Am 27. Juni 1971 ging die erste Folge - Der Fall Lisa Murnau - über den Bildschirm. Eine junge Postbeamtin namens Lisa Murnau wird während der Arbeit am Schalter lebensgefährlich verletzt und Harry Wolter, ihr Bekannter, niedergeschlagen. Der Täter entkommt samt Beute in Höhe von 70.000 Mark.
Der Kreis der Verdächtigen ist nicht klein, denn Lisa hat nach ihrer Scheidung einige Verehrer, die alle für das Verbrechen in Frage kommen. So Bäckermeister Retzlaff, der, obwohl verheiratet, Lisa unentwegt nachstellt oder ein Schausteller vom benachbarten Rummelplatz, der bei einem Oldtimerdeal in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist und nun von seinen Gläubigern verfolgt wird. Auch ein gewisser Rudi, von dem die Polizei nur die Telefonstimme kennt, könnte der potenzielle Täter sein ...
Die Handlungsbeschreibung zeigt: Es ging um kleine Vergehen in der neuen Krimireihe, um Bankraub, Hochstapelei, Diebstahl. Mord war zunächst die Ausnahme. Und: Der Täter war stets ein sozialer Außenseiter, der auf dem Schrott- oder Rummelplatz oder als Fensterputzer arbeitete. Dem Zuschauer sollte dadurch vermittelt werden, dass derjenige, der seinen Halt nicht im Kollektiv sucht, zwangsläufig auf Abwege gerät. Die MDR-Doku 40 Jahre Polizeiruf 110 - eine Erfolgsstory, die am Donnerstag, 23. Juni 2011, um 21.25 Uhr im MDR ausgestrahlt wird, beschreibt das so: «Wer eine Strumpfmaske überzieht, ist garantiert kein Genosse und erst recht kein Parteifunktionär», sondern vielmehr «das Feindbild für den ehrlich malochenden Staatsbürger».
Die Verbrecherjagd stellte sich in den frühen Polizeiruf-Folgen aus heutiger Sicht als sehr gewöhnungsbedürftig dar. Der Erzählstil war bedächtig, berichtend, die Ermittlungsweise altväter- bis schulmeisterlich. Und im Unterschied zum Tatort, der das Mörderraten mit den üblichen Verdächtigen bevorzugte, war dem Zuschauer des Polizeiruf der Täter früher bekannt als den Ermittlern. Das war durchaus gewollt, denn diese Vorgehensweise ermöglichte eine Beschreibung des Täters, seiner Motive und der Umstände, die zum Verbrechen führten. Der Polizeiruf sollte schließlich eine «unterhaltsame Präventivmaßnahme» sein.
Kein Einzelgängertum, sondern Teamarbeit
An der Spitze der Ermittler stand Oberleutnant (später Hauptmann) Peter Fuchs, den Schauspieler Peter Borgelt 20 Jahre lang verkörperte. Er tat dies nicht allein, denn Verbrechensbekämpfung im Sozialismus war selbstverständlich Kollektivarbeit. Fuchs zur Seite standen in den ersten Jahren Leutnant Vera Arndt (Sigrid Reusse Göhler, die übrigens die erste Ermittlerin im deutschen Fernsehen war) und Oberleutnant Hübner, gespielt von Jürgen Frohriep. In den 1980er Jahren traten auch jüngere Ermittler wie Leutnant Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) und Oberleutnant Zimmermann (Lutz Riemann) auf.
Das Privatleben der Ermittler spielte kaum eine Rolle. Auch wenn der Zuschauer die Polizistin Arndt mal nackt unter der Dusche sah: Die Ermittler blieben blasse, korrekte Vertreter der Staatsmacht. «Sie sollten keine Krimihelden sein», sagt Erich Selbmann, der damalige stellvertretende Chef des DDR-Fernsehen, in der Doku 40 Jahre Polizeiruf 110. «Echte» Polizeiarbeit war gefragt. Wie die auszusehen hatte, darüber wachte das Ministerium des Innern (MdI), das jede Folge überprüfte.
In den 1980er Jahren wurde der Polizeiruf gesellschaftskritischer. Und die Täter waren nun auch in den Reihen der Arbeiterklasse zu finden - frei nach dem Motto «Auch unter den Edlen und Guten gibt es schwarze Schafe.» Die Polizeirufe der damaligen Zeit griffen Konflikte auf, die im DDR-Fernsehen selten oder überhaupt nicht zur Sprache kamen: Kindesmissbrauch (Minuten zu spät, 1972), Vergewaltigung (Der Mann im Baum, 1988), Selbstmord (Zwei Schwestern, 1982), Jugendkriminalität (Der Einzelgänger, 1980) und Alkoholismus (Der Teufel hat den Schnaps gemacht, 1981).
Eines jedoch vermied der Polizeiruf: politisch motivierte Straftaten. Fluchtpläne in den Westen zum Beispiel wurden nur von Ganoven geschmiedet - und gelangen nie.