Von Julian Mieth
Justin Vernon verschwand im Wald und kam als Bon Iver zurück. Mit seiner Musik berührte er weltweit viele Menschen. Nun hat er nach dreijähriger Pause und einigen musikalischen Seitensprüngen sein zweites Album vorgelegt. Mancher Fan dürfte sich wundern.
Als Justin Vernon 2008 plötzlich auf der Bildfläche erschien, kam das einer kleinen Sensation gleich. Monatelang war er in einer Hütte in den tiefen Wäldern Wisconsins untergetaucht, weil ihm nach langer Krankheit das Geld ausgegangen war. Und dann stapfte er plötzlich aus der verschneiten Wintereinöde, nannte sich Bon Iver und hatte im Gepäck eine himmlische Musik, die von einer besseren Welt zu erzählen schien. Das überragende Debüt For Emma, For Ever Ago überwältigte Kritiker und ein breites Publikum gleichermaßen.
Was von dem mittlerweile 30-jährigen Indie-Folk-Musiker als nächstes kommen würde, war vielen indes nicht klar. Besonders die Seitensprünge mit Kanye West lagen manchem Fan schwer im Magen. Der auf Bombast geeichte Rapper ließ Vernon zu sich nach Hawaii einfliegen und produzierte mit ihm einige Tracks für sein Album My Beautiful Dark Twisted Fantasy (2010).
Einige befürchteten damals schon, dass der Nachfolger von For Emma, For Ever Ago nur enttäuschen könne. Nun ist mit dem selbstbetitelten Album Bon Iver das langersehnte zweite Werk erschienen - eine wundersame Winterplatte, die sich mit Vernons klarer Falsett-Stimme in klirrend kalte Höhen schwingt, dabei aber an warmer Bodenhaftung nicht verliert. Wintermusik mitten im Sommer.
Ausflug zu Kanye West hinterließ Spuren
Dass die Sorge um das zweite Album nicht ganz berechtigt war, zeigen nun seltsam religiös klingende Songs wie Calgary. Dort summt sich Vernon weiterhin in elysische Gefilde und knüpft an Altes an. Dennoch spürt man bei dem einsiedlerischen Träumer einen Wandel: Elektrischer, gewaltiger geht es zu. Der Schluss endet im Aufbäumen monströser Klangwelten. West lässt grüßen.
In Perth etwa lässt Vernon gewitterartige Schlagzeugsalven los und schickt Bläser an die Front. In Minnesota, WI brechen jäh gewaltige, knarzende Bässe zu sanftem Banjo-Geklimper hervor, während Vernon wispert: «Now I'm gonna break». Im Lied Hinnon, TX pulsieren Synthie-Klänge, während Vernon in kargen rauen Sprechgesang verfällt und seine Kopfstimme wie ein Echo aus der Vergangenheit nur noch ab und an herüberhallt.
Also doch ein anderer Bon Iver? «Ich habe mich mit dieser Platte selbst erforscht», sagt Vernon schlicht. Drei Jahre entzog er sich dazu den Menschen - ganz im mönchischem Sinne «ora et labora» (bete und arbeite): Tagsüber baute er eine verlassene Tierklinik mitten im Nichts zu einem Tonstudio um, abends werkelte er an den neuen Songs.
Heimatverbundenheit und Spiritismus
Wovon die Lieder handeln, bleibt aber ein Rätsel. Fest steht: Bon Iver - eine Abwandlung des französischen Grußes «bon hiver», mit dem man sich in Teilen Nordamerikas einen guten Winter wünscht - ist eine Liebeserklärung an die Heimat. Er wolle Leute, Stimmungen und Lebenszyklen beschreiben, sagt Vernon. In den himmelwärts strebenden Stücken geht es aber tatsächlich weniger um Greifbares als vielmehr um die Suche nach Höherem - Erleuchtung.
Vernon selbst nennt seine Musik Träume - real und bizarr zugleich. «Keine Sprache der Welt kann so komplexe Gebilde wie die Liebe in Worte fassen, deshalb muss man ein bisschen mit der Sprache spielen, um sich der Bedeutung anzunähern», sagte er einst der Zeit. Daran hat sich auch auf seinem zweiten Album nichts geändert, das mitten zur warmen Jahresmitte so winterlich wirkt.
«Der Winter ist allwissend», erklärt Vernon geheimnisvoll. Winter, das sei eben nicht nur eine Jahreszeit, sondern Tod und Geburt. Während Vernon in naturalistischer Erkenntnis schwelgt, ärgern sich in den Internetforen unterdessen etliche, die Texte seien nun noch unverständlicher. Darauf kommt es indes weniger an: Für den Gefühlsmusiker Bon Iver sind Worte nur Begleitung eines großen emotionalen Klangteppichs.
Das ist aber auch die Schwäche: Man kann die Lieder mit ihren rätselhaften Dichtungen oft hören, ohne später etwas Konkretes zu erinnern. Zu nah liegen die Stücke inhaltlich wie atmosphärisch beieinander. Was bleibt, ist allerdings ein Gefühl von Wärme - knisternde Kaminfeuerwärme, während draußen der Schneesturm pfeift. Sieht so Erleuchtung aus? Bon Iver hat dazu wenig zu sagen und lässt viele Fragen offen.
Interpret: Bon Iver
Titel: Bon Iver
Plattenfirma: 4AD/Beggars Group/Indigo
Erscheinungsdatum: bereits erschienen