Von news.de-Mitarbeiter Lutz Granert
Basketball ist die Passion der Brüder Vinz und Georg. Und Basketball bildet die Kulisse für den Film Hangtime, der heute Abend bei Arte läuft. Ein Sportlerdrama mit dem Prädikat «Besonders wertvoll».
Zwei Brüder trainieren Freiwürfe auf einem Asphaltplatz. Als sie nach Hause kommen, steht die Polizei vor der Tür: Ihre Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das war vor zehn Jahren. Das Ausnahmetalent Georg hat sich in der Zwischenzeit um Bruder und Basketball-Nachwuchsstar Vinz (Max Kidd) gekümmert, für seine Rolle als Ersatzvater seine eigene Profikarriere als Basketballer an den Nagel gehängt. Doch nach der Saison und dem bevorstehenden Aufstieg in die erste Liga zieht es Vinz weg - wenn seine heimlichen Pläne um ein Sportstipendium in den USA Realität werden.
Der TV-Film Hangtime, der im Herbst 2009 in den deutschen Kinos lief, konzentriert sich weniger am Basketball als vielmehr am Erwachsenwerden von Spieler Vinz. Dessen größtes Problem ist ein tiefer sitzendes: ein Bruderkonflikt, bei dem jeder andere Ziele und Prioritäten setzt. Beim Verein Hagen Phoenix kann es nicht weitergehen, darin sind sich Georg und Vinz einig, doch wohin es sie verschlagen soll - am besten gemeinsam - ist nicht klar. Dass mit Kathi (Mirjam Weichselbraun) noch eine Frau ins Spiel kommt, verkompliziert die Lage von Vinz weiter.
Die Protagonisten, ihre Sorgen und Nöte werden ernst genommen. Nur bei Vinz’ Freundeskreis, der aus Stereotypen besteht, haben sich Drehbuch und Regie wenig Mühe gegeben. Der meist stumme Unterstützer Samy und der nur proletenhafte Ghetto-Floskeln von sich gebende Ali sind normalerweise im Giftschrank der Figurenklischees zu finden. Newcomer Max Kidd als Basketball-Ass, das sich Gedanken um seine Zukunft und sein Leben macht, liefert jedoch eine beeindruckende Vorstellung. Im Skript werden die aus US-amerikanischen Coming-of-Age-Genrevorbildern bekannten Konfliktsituationen abgehakt.
So sind erwartungsgemäß neben einer Liebelei auch das Verschwinden bei einem anstehenden Probetraining, der Bruch zwischen den Brüdern und ein spannend inszeniertes Alles-oder-Nichts-Spiel zu finden. Erfrischend ist jedoch, dass Hangtime diese nicht nur wiederkäut, sondern so anordnet, dass der Eindruck einer authentisch anmutenden Milieustudie entsteht. Daran ist die zum Teil an Videoclips erinnernde Inszenierung mit Überblendungen, Zeitraffern und Reißschwenks zu satten Beats nicht ganz unschuldig.
Sozialer Realismus um die einfache Lebenssituation seiner Protagonisten im Plattenbau wird nicht außen vor gelassen. Und wenn Kumpel Ali mit einem abgetrennten Finger und einer scheiternden Rapper-Karriere versucht, für Vinz Geld zusammenzukratzen, sorgt das gar für erheiternde Situationen in diesem ansonsten sehr ernsthaften, aber genau deswegen mitreißenden Sportdrama.
Bestes Zitat: «Hangtime ist der Moment, der alles entscheidet. Und es gibt keinen leichten Weg zum Korb.» (Off-Kommentar am Ende)
Titel: Hangtime
Regie: Wolfgang Groos
Darsteller: Max Kidd, Mišel Matičević, Max Fröhlich, Ralph Kretzschmar, Mirjam Weichselbraun und weitere
Sendetermin: Freitag, 17. Juni 2011, 20.15 Uhr, Arte