Von Daniel Bouhs
Es wird ein DDR-Ergebnis: Thomas Bellut hat bei der Wahl zum ZDF-Intendanten keinen Gegenkandidaten. Diese anachronistische Zeremonie muss allerdings nicht heißen, dass er nicht der Wunschkandidat vieler Mitarbeiter des Mainzer Senders ist.
Der heikelste Tag in der Karriere von Thomas Bellut liegt ein halbes Jahr zurück. Am ersten Samstag im vergangenen Dezember prallte Samuel Koch vor den Augen von Millionen Wetten, dass..?-Fans auf ein Auto, in dem just sein Vater auf ihn zufuhr. Der Wettkandidat wollte den Wagen mit Sprungfedern einem Stuntman gleich überspringen. Doch schnell war klar: Der junge Mann ist nicht nur gestürzt. Samuel Koch hatte sich schwer verletzt. Thomas Bellut, Programmdirektor des Zweiten, schaltete damals sofort. Er ließ die Übertragung abbrechen - das erste Mal in der Geschichte der Sendung.
Bellut wird mit großer Wahrscheinlichkeit im ZDF schon bald viel mehr Verantwortung schultern müssen. Der Mann, der heute über die Unterhaltungssendungen des größten gebührenfinanzierten TV-Senders in Deutschland herrscht, steht am Freitag als einziger Kandidat zur Wahl, wenn in Berlin über den nächsten Intendanten entschieden wird.
Markus Schächter, bisher Wächter über den mächtigen Jahresetat von zwei Milliarden Euro, zieht sich im März nächsten Jahres nach zwei Amtszeiten zurück. Bellut könnte seinen Kurs fortsetzen, wenn der mit Vertretern aus Politik, Kirchen und Gewerkschaften bestückte Fernsehrat dem offiziellen Vorschlag folgt. Das wird erwartet.
Ein Eigengewächs übernimmt
Kommt nichts mehr dazwischen, wird Bellut also das Chefbüro im 14. Stock des Verwaltungsbaus auf dem Mainzer Lerchenberg beziehen. Das Reich, über das er dann schalten und walten würde, kennt er bereits wie kaum ein anderer der 3600 festen Mitarbeiter, die am Rhein in der Sendezentrale, im Berliner Hauptstadtstudio sowie in 16 Inlands- und 19 Auslandsstudios arbeiten. Bellut ist ein Gewächs des ZDF.
Einzig eine Mitarbeit bei den Westfälischen Nachrichten stand vor seiner Laufbahn beim Sender: Der Politikwissenschaftler, der an der Uni Münster zur «DDR-Berichterstattung in den Nachrichtenmedien der Bundesrepublik Deutschland» promovierte, arbeitet bereits seit 27 Jahren für das Zweite, mit dem man bekanntlich «besser sieht». Los ging es 1984 mit einem Volontariat.
Bellut ist durch und durch Journalist. Er arbeitete unter anderem für den Länderspiegel, leitete das Familienmagazin wie auch die Reiselust und moderierte Nachtduelle im letzten erfolgreichen Wahlkampf Helmut Kohls. Vielen aber ist Bellut vor allem als Korrespondent in Berlin und Leiter der Innenpolitik bekannt. Er präsentierte dabei etwa das Politbarometer und quetschte Politiker in der Reihe Was nun,...? aus, bis er zum Manager mutierte.
Unter Bellut blühte das Kabarett im Zweiten auf
Im Dezember 2002 brach seine journalistische Laufbahn ab. Damals, Bellut war mit 47 Jahren schon fast zwei Jahrzehnte beim Zweiten, wechselte er im Sender quasi die Fronten: Der Berichterstatter wurde zum Programmplaner. Als Programmdirektor leitete er seitdem die Unterhaltung, nicht mehr die journalistischen Formate. Die werden von der zweiten großen Direktion, der Chefredaktion, verantwortet, die Peter Frey leitet. Der ist ein Wegbegleiter Belluts - und ebenfalls durch und durch ein Kind des Senders. Es heißt, beide arbeiteten gut zusammen.
Bellut feilte nicht bloß am Image des ZDF, er polierte es auch. Sein vielleicht größter Verdienst ist es bislang, dem Kabarett wieder ein Nest gemacht und dafür viele Ideen und Köpfe von 3sat geholt zu haben - der Gemeinschaftssender sitzt im ZDF. Sowohl Neues aus der Anstalt als auch die heute-show gelten als große Erfolge. Sie sind bissig und beweisen, dass das einst als handzahm geltende ZDF mehr kann, als ihm seine Kritiker lange zugetraut haben.
Der Programmdirektor arbeitete zugleich an der gesamten Strategie des Hauses mit, die da heißt: Weg vom Einkanalsender, hin zu einer Programmfamilie. Mit ZDFneo, das die Programmdirektion koordiniert, startete Bellut einen vielfach gelobten Ableger, der vor allem auf jüngeres Publikum zielt - was für das ZDF schon die Generation der 30- bis 50-Jährigen ist. Der Spartensender wirbt vor allem mit Fernsehfilmen, Wissenssendungen, Dokus und einigen US-Serien für sich, die nur dort laufen.
Der Intendanten-Posten wäre die Krönung von Belluts Karriere bei den Mainzelmännchen, zu der auch ins Bild passt: Aus dem Sender dringt keine Furcht vor der absehbaren Personalie. Dies spricht für Bellut, der nicht zuletzt auch familiär mit seinem Sender verbunden ist: Seine Frau Hülya Özkan präsentiert werktags heute in Europa.
ruk/rut/news.de/dapd