Okay, es gibt originellere Vorbilder als die Fab Four. Und wir haben in den vergangenen Jahren auch weiß Gott genug Beatles-Epigonen gehört, von denen nicht viel hängenblieb.
Berlin (dpa) - Okay, es gibt originellere Vorbilder als die Fab Four. Und wir haben in den vergangenen Jahren auch weiß Gott genug Beatles-Epigonen gehört, von denen nicht viel hängenblieb.
Aber wenn sich der Retro-Pop mit Sixties-Wurzeln so frisch und melodiesatt ins Ohr drängt wie bei Nik Freitas oder den Toy Horses, erliegt man am Ende doch wieder dem Zauber dieser leicht angestaubten Musik.
Schon seit einigen Jahren verwöhnt der Kalifornier Nik Freitas eine wachsende Fangemeinde mit wunderbar entspannten Alben, die er in einer zum Studio umfunktionierten Gartenlaube zusammenbastelt. Das Anfang Juni erschienene Album «Saturday Night Underwater» lebt wieder vom typischen Vintage-Charme, der Verwendung betagter Keyboards, Freitas' sympathischer Stimme - und natürlich den 1a-Melodien mit kräftigen Anleihen bei den Pilzköpfen.
Der Titelsong mit hübscher Klavier-Melodie, twangenden Gitarren und Synthie-Streichern lässt das Herz jedes Beatles-Fans sogleich dahinschmelzen - hingebungsvoll und völlig unpeinlich zelebriert Freitas hier seine Faible für den Schönklang-Spezialisten Paul McCartney. Ein bisschen mehr nach dem Sound-Tüftler John Lennon klingt anschließend «The Light», während die Piano-Ballade «Hold That Thought» in den falschen Hände wohl zu Kitsch missraten wäre.
Im zentralen Song des Albums («Middle») singt Maria Taylor aus dem Umfeld der Bright Eyes im Hintergrund mit, ansonsten gilt konsequent das Do-It-Yourself-Prinzip. Multi-Instrumentalist Freitas hat sein Handwerk über viele Jahre als begehrter Studiomusiker und Kumpel bekannter US-Indierocker gelernt. Zuletzt verdiente er sich als Mitglied von Conor Oberst's Mystic Valley Band und der Broken Bells um Hip-Produzent Danger Mouse das nötige Kleingeld, um ein Schmuckstück wie «Saturday Night Underwater» einzuspielen.
Das mit aufgekratztem Bläsereinsatz dahermarschierende «In The Frame», der Akustikgitarren-Track «Affected» und das fast sechsminütige, melancholische Schlussstück runden ein Album ab, auf das Nik Freitas zu Recht stolz ist. Wie schon auf dem ebenso gelungenen Vorgänger «Sun Down» (2008) beweist der Mann aus L.A., dass sich auch gut 40 Jahre nach Auflösung der Fab Four immer noch beachtliche Funken aus der Beatles-Verehrung schlagen lassen.
Dies gilt ähnlich uneingeschränkt für die walisische Band Toy Horses, die im Wesentlichen aus Adam D. Franklin und seinem Stiefvater Tom Williams besteht. Das hört sich zunächst einmal recht unkonventionell an, aber in der Praxis klingt die gemeinsame Musik auf dem selbstbetitelten Debüt so harmonisch-beatlesk, als wenn hier zwei McCartney-Brüder am Werk wären.
Im Gegensatz zu Nik Freitas gönnen Franklin/Williams ihren Songs üppigere Arrangements mit einer Vielzahl edler Keyboards, fetten Gitarrensounds und den Streichersätzen des US-Studiocracks Chris Carmichael. Die Stimmen jubilieren und harmonieren, immer wieder brechen die beiden Sänger in zuckersüße Shalalas aus.
Auch die Melodien der Toy Horses sind selten epigonal, ihr Brit-Folkpop ist meist so weit entfernt von den großen Vorbildern, dass es nicht nach Plagiat klingt. Mit dem ansteckend-fröhlichen «Loyal To The Cause» haben die beiden Waliser sogar einen potenziellen Mitsing-Hit im Gepäck. Und in der abschließenden Ballade «Interrupt» beweisen die Toy Horses, dass sie auch das Cinemascope-Format beherrschen.
Tourdaten Nik Freitas im Juni: 15.6. München, 16.6. Zürich, 17.6. Karlsruhe, 18.6. Göttingen, 19.6. Berlin, 20.6. Hamburg, 21.6. Köln, 24.6. Aachen, 25.6. Münster
Tourdaten Toy Horses im August: 11.8. Haldern (Festival Haldern Pop), 12.8. Hamburg (Dockville-Festival)
news.de/dpa