Literatur Yuri Herrera: Roman über den Drogenkrieg

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Yuri Herrera: Roman über den Drogenkrieg Bild: dpa

Den König gibt es im republikanischen Mexiko eigentlich nur im Volkslied. «Mit Geld, ohne Geld/ich mache immer, was mir gefällt/und ich bleibe der König», singen die Männer, wenn sie in den traditionsreichen Cantinas bei Tequila und Bier zusammensitzen.

Berlin (dpa) - Den König gibt es im republikanischen Mexiko eigentlich nur im Volkslied. «Mit Geld, ohne Geld/ich mache immer, was mir gefällt/und ich bleibe der König», singen die Männer, wenn sie in den traditionsreichen Cantinas bei Tequila und Bier zusammensitzen.

Um einen Monarchen ganz anderer Art geht es in dem Roman «Abgesang des Königs» des mexikanischen Autoren Yuri Herrera. Jener ist der machtvolle Boss eines Drogenkartells, wie sie im Norden des Landes ihr Unwesen treiben. Und er übt eine quasi feudale Herrschaft über seine Mitwelt aus.

Der König hat auch einen Sänger. Der heißt Lobo und ist eigentlich ein armer Hund. Er schlägt sich mit seinen Liedern mühselig in den Spelunken einer nordmexikanischen Grenzstadt durch - bis er dort zufällig dem Drogenboss begegnet und dessen Zuneigung gewinnt. Er komponiert als Hofsänger Lieder, in denen er die Taten des «Capos» verherrlicht. Dafür darf er in dessen prächtigem Palast am Stadtrand in Saus und Braus leben. Er wird in den Machtkampf rivalisierender Kartelle verwickelt, fällt am Ende in Ungnade und kommt nur knapp mit dem Leben davon.

Eine Geschichte aus dem mexikanischen Leben also. Der Drogenkrieg mit fast 35 000 Toten allein in den vergangenen vier Jahren hat das lateinamerikanische Land in die Schlagzeilen gebracht. Mächtige Kartelle kämpfen dort um die Kontrolle des Kokainschmuggels in die USA, der Staat scheint machtlos. Herrera beschreibt in seinem kurzen, dicht geschriebenen Roman das Innenleben eines solchen Kartells, die Strukturen der Macht und die Beziehungen zwischen der Macht und der Kunst. Auch letzteres ist aus dem wahren Leben abgeschaut: Vorbild für Lobo mit seinem Akkordeon sind die Sänger der «Narcocorridos», einer Art Volkslieder, in denen die Drogenbanditen und ihre Taten besungen werden. Im Rundfunk sind sie verboten.

So sehr sich der Roman an die mexikanische Realität anlehnt, so sehr bleibt Herrera in seiner Darstellung abstrakt. Die Wörter Mexiko oder USA kommen in der Erzählung ebenso wenig vor wie der Name der Stadt, die Ähnlichkeiten mit der trostlosen Wüstenmetropole Ciudad Juárez an der Grenze zum US-Bundesstaat Texas aufweist. Auch die Personen haben bis auf Lobo keine Namen. Sie streifen als «Der König», «der Vize», «die Hexe», «der Pate», «der Journalist», «der Gringo» oder «die x-Beliebige» durchs Romangeschehen.

Einmal im Monat gewährt der König Audienz, lässt das Volk sein Leid klagen und weist seine Männer an, das eine oder andere Problem zu lösen. Als die Radiosender Lobos Lieder nicht spielen wollen, sorgt der König dafür, dass sie als CDs unters Volk gebracht werden. «Der Corrido ist nicht nur wahr, er ist schön und schafft Gerechtigkeit», sagt Lobo an einer Stelle dem Journalisten. Er glaubt, dass erst die Begegnung mit dem König seinem Leben Sinn gegeben habe.

Ein Drogenboss sei eigentlich die Figur, die in der Ausübung absoluter, persönlicher Macht am meisten einem König ähnele, sagte Herrera einmal in einem Interview. Doch das Ende vom Lied kommt, kurz nachdem der Sänger aus dem Palast geflohen ist: Der König wird verhaftet, man sieht ihn auf einem Zeitungsfoto umringt von fünf Soldaten. Aber die Macht des Kartells ist ungebrochen, der Nachfolger steht schon bereit. Ganz wie im wirklichen mexikanischen Leben.

Yuri Herrera: Abgesang des Königs, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 142 Seiten, 14,40 Euro, ISBN 978-3-10-033402-2

news.de/dpa

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