Adler-Olsen Ein Mann fürs Kopfkino

Im dritten Band seiner Serie um den Kommissar Carl Mørck nimmt Jussi Adler-Olsen den Leser wieder mit in eine Geschichte, die eigentlich zu grausam ist, um wahr zu sein. Und trotzdem sieht man danach seine Mitmenschen mit anderen Augen.

Jussi Adler-Olsen (Foto)
Jussi Adler-Olsen dritter Band um Kommissar Carl Mørck ist erschienen. Bild: dapd

Die Ohnmacht zieht sich durch die drei bisher erschienenen Bände von Jussi Adler-Olsen. Die Ohnmacht, nichts tun zu können. Gefangen zu sein in einer Situation, aus der es kein Entrinnen gibt. Scheinbar.

Der dritte Band Erlösung spielt auch mit dieser Ohnmacht. Zwei Jungen sitzen in einem Verließ. Oder in einer Höhle? In einem Keller? Der Geruch von Wasser hängt in der Luft, von Moder. Die Münder der Kinder sind zugeklebt, ihre Hände gefesselt. Was sie nicht wissen: Einer von ihnen wird sterben, der andere nicht.

Jussi Adler-Olsen schafft das, was die meisten Krimiautoren nur versuchen, wo sie kläglich scheitern. Der Däne bringt die Geschichte nahe, er macht sie zur Geschichte des Lesers, der immer mehr mit hineingezogen wird, mitdenkt, mitüberlegt und mitleidet.

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Carl Mørck, der wunderbar andere Kommissar

Im ersten Band Erbarmen war das schon so. Als die Hauptdarstellerin in einem Druckluftank über Jahre eingesperrt ist. Irgendwann leidet man mit, hat selber das Gefühl von Atemnot. Im zweiten Band, Schändung, lebt man mit in der Abscheu, die die Täterin verspürt. Und am Ende ist der Leser mit ihr erleichtert. Obwohl sie getötet hat, obwohl sie gehasst hat.

Und bei Erlösung? Irgendwann hat man den Geruch des Wassers in der Nase, fährt mit den Frauen, die die Kinder retten wollen, durch den dunklen Wald, spürt, wie der Wagen von der Straße abhebt und gegen einen Baum knallt. Das ist Kopfkino!

Nicht zu vergessen: Carl Mørck, der wunderbar andere Kommissar. Ein Mann, der den Zynismus lebt, ohne sich dem Weltschmerz wie Kurt Wallander hinzugeben: mit einem aufmüpfigen Sohn zuhause, einer abgedrehten Irgendwie-immer-noch-Ehefrau, dem gelähmten Freund im heimischen Wohnzimmer und den beiden Assistenten Rose und Assad. Wenn die Geschichte zu viel Fahrt aufnimmt, stoppen die kuriosen Dialoge der Hauptdarsteller die Handlung, lassen kurz Luft holen, einmal laut auflachen. Denn Jussi Adler-Olsen zeigt: Auch skandinavische Kriminalromane können lustig sein, nicht nur getragen, nachdenklich und den Sinn der Welt hinterfragend.

Der Täter ist auch Opfer

Denn das Hinterfragen: das muss bei diesen Geschichten nicht der Kommissar selbst. Die Geschichte alleine tut es: missionarischer Eifer, blinder Hass, häusliche Gewalt und der Verlust der eigenen Identität. Spätestens dann, wenn der Täter zum Schluss nach seinem Namen gefragt wird und nur den Namen eines weltbekannten Komikers sagt, da weiß man: Der Täter ist auch Opfer, es gibt keine losgelösten Taten, es gibt immer auch eine Geschichte vorher.

Erlösung ist der beste Roman der bisher sehr kurzen Reihe um Carl Mørck. Es stellt sich nur die Frage, was da noch kommen soll. Mehr als Verschlingen kann man als Leser ein Buch nicht, mehr als Mitfiebern ist nicht möglich. Wir dürfen gespannt sein. Der vierte Band erscheint im kommenden Jahr.

Titel: Erlösung
Autor: Jussi Adler-Olsen
Verlag: dtv
Seiten: 588
Preis: rund 15 Euro
Erscheinungstermin: 1. Juli 2011
 

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