Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Mit ihrem Debüt sind Digitalism zum Electro-Exportschlager geworden. Der Nachfolger I Love You, Dude vereint Indie mit Club-Sounds, Eleganz mit Druck. Die beiden Hamburger zeigen, wie man immer in Bewegung bleibt - und trotzdem ganz entspannt.
Um ein Haar hätte das neue Album von Digitalism den Namen Tourism bekommen. Nur aus einem Grund hat sich die Band dagegen entschieden. Nach dem Debüt Idealism, mit dem die beiden Hamburger vor vier Jahren zu so etwas wie einem deutschen Electro-Exportschlager geworden waren, wäre es «das nächste -ism gewesen. Und wir wollten uns nicht zu sehr auf diese Masche festnageln lassen», erklärt Ismail «Isi» Tuefekci, der nicht singende Teil des Duos, im Interview mit news.de.
Stattdessen hat er sich gemeinsam mit seinem Digitalism-Kollegen Jens Moelle für I Love You, Dude entschieden. Der lässige, etwas pauschal klingende Spruch «bezieht sich darauf, dass viele Leute zu viel nachdenken und zu verkrampft mit vielen Dingen umgehen. Wir wollten die Message weitergeben: Bleibt doch mal ein bisschen entspannt – auch, weil wir selbst ganz entspannt an die Arbeit am zweiten Album herangegangen sind», verrät Tuefekci.
Im Club abfeiern oder nebenher hören
I Love You, Dude ist ein durchaus passender Titel. Denn die Leichtigkeit merkt man der am Freitag erscheinenden Platte sofort an. Alles klingt satt und stylisch, druckvoll, aber elegant, zudem hat die CD eine sehr gelungene Dramaturgie. So wird das zweite Digitalism-Album nicht nur zu einem würdigen Nachfolger für Idealism. Es ist auch eine der ganz wenigen Electro-Platten, zu der man ganz laut im Club abfeiern kann, die aber auch als leise Nebenbei-Musik funktionieren.
Ein bisschen schade ist es trotzdem, dass dieses Werk nicht Tourism heißt. Denn dieser Titel hätte noch mehr Sinn gemacht. Zum einen könnte man damit darauf anspielen, dass Digitalism seit ihrem Durchbruch fleißig unterwegs waren und zu Stammgästen in Clubs und bei Festivals weltweit geworden sind. Zum anderen wäre es eine schöne Metapher für die Arbeitsweise von Digitalism: Die Hamburger besuchen auch auf I Love You, Dude alle möglichen aktuellen Regionen von Club-Musik, sammeln ein paar Souvenirs ein und basteln dann zuhause ihre eigene Traum(klang-)welt zusammen. «Wenn ich definieren müsste, worum es bei uns geht, dann würde ich sagen: ganz viele Elemente zusammenzupacken», erklärt Tuefekci.
Die Bandbreite reicht diesmal von düsteren, an The Prodigy erinnernden Krachern (Reeperbahn) bis hin zu luftig-leichten Nummern mit Flüsterstimme, die gut auf Airs 10.000 Hz Legend gepasst hätten (Just Gazin’). Das beinahe instrumentale Antibiotics verneigt sich vor dem Chaos-Techno von The KLF, auch Miami Showdown und der an LCD Soundsystem erinnernde Feger Circles sind perfektes Futter für die Tanzfläche.
Daneben stehen Songs wie das tolle 2 Hearts, eine lupenreine Indie-Hymne im Stile von Modest Mouse. Und, nicht zu vergessen, Forrest Gump, das keineswegs vertrottelt klingt, sondern eher an die Unerschütterlichkeit des gleichnamigen Filmhelden erinnert. Das Stück entstand in Zusammenarbeit mit Julian Casablancas, dem Sänger der Strokes, und zwar per E-Mail. «Wir haben ein Demo gehabt, haben das an sein Management geschickt und er hat sich prompt zurück gemeldet. Wir haben dann seine Idee übernommen und weiter damit gearbeitet», sagt Tuefekci. «Wir waren ehrlich gesagt selbst ein bisschen überrascht: Wow, so ein Typ wie Julian Casablancas hat Lust, etwas mit uns zu machen! Er hat uns gesagt, dass er ein ziemlicher Fan unserer Musik ist.»
«And then you run»Und dann rennst Du los , heißt die zentrale Zeile in Forrest Gump, und auch dieses auf I Love You, Dude immer wieder auftauchende Motiv der Bewegung hätte für Tourism als Titel gesprochen. Vor allem aber hätte dieser Titel auch gezeigt, wie sehr die Live-Erfahrung die Band verändert hat. Das zweite Digitalism-Album ist geschlossener, organischer, extremer als das Debüt, und auch Tuefekci bestätigt, dass das vor allem auf die Konzerte zurückführen ist, die er in den vergangenen vier Jahren mit Jens Moelle gegeben hat. «Diese Erfahrung hat Digitalism wirklich verändert. Wir haben viel gesehen und viel erlebt. I Love You, Dude ist auf jeden Fall aus einer ganz anderen Perspektive heraus entstanden. Wir sind jetzt wirklich eine Band. Eine Zwei-Mann-Band, auch wenn das vielleicht komisch klingt.»
Interpret: Digitalism
Album: I Love You, Dude
Plattenfirma: V2
Erscheinungsdatum: 17. Juni 2011